»Hinter einem Streit steht oft die Sehnsucht nach Liebe«

Konflikte zu lösen, ist für eine stabile Beziehung wahnsinnig wichtig – aber auch extrem schwer. Wie schafft man es, besser zu streiten? Ein Leitfaden über falsche und richtige Sätze, emotionales Gepäck, Diskussionen vor Kindern und die Kunst des Vertragens.

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Als der Anruf der Kollegin kam, ob ich diesen Artikel über das Streiten schreiben wolle, war mein letzter Streit mit meinem Freund erst zwei Tage her. Es hatte damit begonnen, dass ich ihn gebeten hatte, mir Hustenbonbons in der Apotheke zu kaufen. Er vergaß es, und als ich abends nach Hause kam, hörte ich mich auf einmal von »Mental Load« sprechen, regte mich über seine Arbeit auf, regte mich über meine Arbeit auf, und dann kam ich irgendwie aufs Heiraten

Für diesen Text sprach ich unter anderem mit der kalifornischen Psycho- und Paartherapeutin Daphne de Marneffe, die mehrere Bücher über Konflikte in Beziehungen geschrieben hat. Eines trägt den Titel »The rough patch«, was sich übersetzen lässt mit: »Die schwierige Phase«. De Marneffe saß, während wir uns via Zoom unterhielten, in einer türkisfarbenen Hausjacke vor ihrer Terrassentür, die kalifornische Morgensonne brachte ihre silbernen Haarsträhnen und ihre Brille zum Glänzen. Nach dem Gespräch hatte ich auf der Liste der Dinge meines Lebens,

Das Gute ist: Es gibt Hoffnung für alle Rumpelstilzchen und Streitversager. Man kann, genau wie für Ernährung oder für Konsum, auch fürs Streiten ein Bewusstsein schaffen. Zwar ist es nicht leicht, sich an gute Ratschläge zu halten und sie im Augenblick des Streits zu befolgen, denn wie de Marneffe sagt: »Ein Streit definiert sich ja darüber, dass man gerade nicht vernünftig ist, sondern einfach loslegt.« Aber meine zweite Gesprächspartnerin, die Hamburger Psychologin und Paartherapeutin Julia Weidenbach, versichert mir: Streiten kann

»Menschen fangen häufig Streit an, wenn der Partner oder die Partnerin gerade sehr viel mit der Arbeit beschäftigt und dadurch ohnehin gestresst ist, wenn einer aus dem Haus gehen will oder vor dem Schlafengehen«, sagt Daphne de Marneffe. Das sei keine gute Idee. »Am besten, man streitet, wenn beide eine Tasse Kaffee hatten und gerade nicht in der Arbeit versinken. Lieber nicht vor dem Einschlafen.« Das sagt sich natürlich leichter, wenn man theoretisch über Streit nachdenkt

Wörter, die ich beim Streiten häufig in den Mund nehme: Immer, ich, du, nie. Die Streitthemen, um die es dann geht, sind mehr oder weniger austauschbar. Indem man übertreibt und dramatisiert (»Immer!«) oder laut wird (»Du!«), überlässt man es dem Partner, diese Anschuldigungen zu deuten: »Das Signal, das man in so einem Fall der anderen Person gibt, ist: ›Ich fange an zu weinen, zu schreien oder dir aus dem Weg zu

Tatsächlich bin ich sehr dafür, dass man Dinge beim Namen nennt, die einen stören. Schmollende Menschen kann ich, wenn sie älter sind als fünf Jahre, nicht ernst nehmen. Trotzdem komme ich am Ende einer Auseinandersetzung immer bei ganz anderen Themen an (Kinder, Arbeit, Zeit füreinander, Zeit allein) als denen, über die ich mich vor ein paar Stunden zu beschweren angefangen habe (Hustenbonbons, meistens aber: das Putzen). Auch wenn mein Partner und

»Vielleicht sollten wir es dann ganz bleiben lassen.« Dieser Satz ist vielleicht in jeder Beziehung schon einmal gefallen, er ist das letzte, verletzende Pfand, das man in der Hinterhand hat – und er drückt in den meisten Fällen nichts als Verzweiflung aus. Der Grund für emotionale Streits sei häufig die Angst eines Partners, den anderen zu verlieren, sagt Julia Weidenbach, die sich in ihrer Arbeit auch mit

Daphne de Marneffe meint, gerade wenn man mit jemandem zu tun habe, der Streit eher vermeide, komme man mit Übertreibung und Dramatisierung nicht weit. Man brauche wie in jeder guten menschlichen Beziehung – egal ob zwischen Partnerin und Partner oder zwischen Eltern und Kind – zwei Dinge: »Empathie, also die Fähigkeit, zuzuhören und mitzufühlen. Und die Bereitschaft zu helfen, also aktiv tätig zu werden. Idealerweise läuft es

Beim Tanzen, Fußballspielen und Boxen ist es so: Wer sich eine Bewegung einmal falsch einprägt oder sie falsch gezeigt bekommen hat, für den wird es ungleich schwerer, den Bewegungsablauf zu korrigieren. Auch Paare streiten nur so gut, wie sie es gelernt haben. Julia Weidenbach erklärt, die Prägung durch unsere Herkunftsfamilie – also die eigenen Eltern – dürfe man nicht unterschätzen. »Manchmal merkt man selbst,

Vermutlich fürchtet jedes zweite Kind, das in Süddeutschland aufwächst, die rostbraunen Leitplanken, die die Brennerautobahn markieren. Denn da fingen, zumindest als ich ein Kind war, die Eltern auf der Fahrt in den Urlaub zu streiten an. Das lag vermutlich mehr an der Aussicht, noch zehn Stunden lang ohne Klimaanlage mit drei Kindern auf dem Rücksitz im Sommerferienverkehr nach Italien zu

Aber, das sagen auch die Expertinnen: Streiten vor Kindern ist nicht unbedingt schlimm. Es komme darauf an, wie man streitet. Wenn Kinder erleben, dass die Eltern sich nach Auseinandersetzungen wieder versöhnen, stärkt es sie langfristig sogar. »Sie lernen, dass Konflikte zum Leben gehören und dass die Eltern eine Bindung haben, die kleine Reibereien genauso aushält wie größere Konflikte«, sagt Julia

Ich kenne das Konzept »Pause machen beim Streiten« nur aus US-Fernsehserien, und selbst da funktioniert es nicht besonders gut. Sowohl aus Hamburg als auch von der Westküste höre ich jedoch, dass Pausen einzulegen wirklich etwas bringe. »Ein Streit ist eine physiologische Stresssituation«, sagt Daphne de Marneffe. »Wenn wir streiten, fühlen wir uns bedroht, geraten in Panik und

Ein Streit bedeutet nicht gleich, dass man sich um eine Beziehung Sorgen machen muss. Im Gegenteil, sagt Julia Weidenbach: »Wer sich regelmäßig streitet und es auch schafft, sich wieder zu versöhnen, hat vermutlich eine gesündere Beziehung als jemand, der sich überhaupt nicht streitet.« Wer sich nie mit seinem Partner streitet oder den Impuls hat, Konflikte

Ein interessanter Streit-Ratschlag wird in meiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Immer wenn mein Freund und ich verreisen, rufe ich davor meine Großmutter an, um ihr Bescheid zu sagen. Sie wünscht mir dann natürlich viel Spaß, gibt, wenn sie schon an dem Ort war, Tipps, und erzählt, wo sie gern noch