Stille Nacht

Unsere Senioren-Kolumnistin möchte Heiligabend allein verbringen – denn sie weiß, dass sie an diesem Abend traurig sein wird.

Illustration: Nishant Choksi

»Ich werde an Heiligabend eine Flasche Wein entkorken. Dann werde ich mich mit einem Glas auf das Sofa setzen und lesen. Um kurz nach acht Uhr werden meine Enkel anrufen und sich für die Geschenke bedanken. Ich werde ihnen fröhliche Weihnachten wünschen. Danach werde ich aufstehen, die Balkontür öffnen und die Winterluft hereinlassen, die die Wärme in meiner Wohnung zerschneiden wird. Mit der Kälte wird die Stille in die Wohnung strömen. Es gibt kaum einen Abend, an dem sie dichter und greifbarer ist als an Weihnachten. Es sind keine Schritte zu hören, niemand läuft durch die Straßen. Wer eine Familie hat, sitzt mit ihr gemeinsam vor dem Weihnachtsbaum. Wer keine Familie hat, sitzt alleine vor dem Nichts. Stille Nacht, heilige Nacht.

Weihnachten ist ein schönes Fest für alle, die glücklich sind. Es ist ein Fest, das die Liebe feiert – egal, ob es um die Liebe Gottes geht oder um das Glück, von Menschen umgeben zu sein, die man liebt. Aber Weihnachten schreit einem auch ins Gesicht, dass man glücklich zu sein hat. Das macht es umso greifbarer, wenn etwas im Leben nicht passt. An vielen Tagen ist es leicht, sich selbst zu belügen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Weihnachten kratzt diesen Selbstschutz weg, sodass nur noch der Schmerz bleibt. Wer einsam oder unglücklich ist, fällt an Heiligabend in ein Loch.

Mein Mann Ulli ist vor sechs Jahren nach einer Alzheimererkrankung gestorben. Am Ende seines Lebens hat er gelitten. Ich weiß, dass es gut ist, dass er gehen durfte. Genauer gesagt, weiß ich das an jedem Tag, außer an Weihnachten. Dann überschwemmt mich die Sehnsucht nach ihm. Heiligabend ist für mich wie eine Erinnerung in meinem Kalender, daran, dass mein Leben einmal ganz anders war.
Mein Mann und ich haben das Fest so geliebt. Seitdem wir uns kannten, haben wir ein riesiges Brimborium daraus gemacht. Am Anfang unserer Ehe hatten wir sehr wenig Geld. Aber im Dezember sparte ich das Haushaltsgeld und kochte fast nur noch Kartoffeln mit Gemüse, damit wir uns einen schönen Weihnachtsbaum leisten konnten. Keine halbnackte Fichte, sondern einen Baum mit buschigen Zweigen, an die ich besonders viele Kerzen stecken konnte.

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Wenn unsere Kinder ins Bett gegangen waren, zündete ich die Kerzen ein zweites Mal an, nur für Ulli und mich. Das Wohnzimmer roch nach Bienenwachs und Tannenzweigen. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa und schauten auf die Lichtflecken, die die Kerzen in die Dunkelheit zeichneten. Es waren die schönsten Momente unserer Ehe. Wir mussten kein Wort sagen, wir wussten beide, was der andere spürte.

Je älter wir wurden, desto höher und buschiger wurden unsere Weihnachts­bäume. Mein Mann machte einen Wettstreit daraus, für mich den schönsten Baum zu finden. Im Alter wurde das sogar noch leichter: Wir zogen in eine Wohnung, deren Fenster zu einem Platz rausgingen, auf dem Christbäume verkauft ­wurden. Sobald die Händler die ersten Bäume aus den Transportern luden, spähten mein Mann und ich die Ware aus. Wenn wir einen besonders schönen Baum entdeckt hatten, schlüpfte mein Mann in seine Schuhe und lief nach unten.

Seit seinem Tod möchte ich keinen Weihnachtsbaum mehr, nur noch einen kleinen Tannenzweig in einer Vase, an den ich unsere Lieblingskugeln von früher hänge. Und seitdem möchte ich Heiligabend alleine verbringen.

Ich habe das riesige Glück, drei Kinder zu haben, die mich alle gern einladen würden. Und Enkel und sogar Urenkel, die mich an dem Abend gern sehen würden. Aber ich will das nicht, denn ich will ihnen Weihnachten nicht verderben. Weihnachten ist einer der wenigen Tage, von denen ich weiß, dass es mir nicht gut gehen wird, weil dann die Erinnerungen an mir ziehen. Ich will nicht, dass meine Familie diese Traurigkeit in meinem Gesicht sieht. Ich will nicht, dass sie mich trösten müssen. Und, das Wichtigste: Ich will meine Traurigkeit nicht unterdrücken. Ich will weinen dürfen, ohne jemandem damit die Stimmung zu verderben. Meine Gefühle zuzulassen ist das größte Geschenk, das ich mir machen kann. Denn auch wenn es in diesem Moment traurige Gefühle sind, bedeuten sie nur, dass ich geliebt habe.

Am ersten Weihnachtstag werde ich das Leben wieder hereinlassen und meine Kinder, Enkel und Urenkel umarmen, mit ihnen Gänsebraten essen und an Plätzchen knabbern. Aber in meinem Kopf werde ich an all die Menschen denken, die dieses Glück nicht haben, für die sich das ganze Weihnachten so anfühlt wie der Heilige Abend für mich, denen das Unglück im Kopf schreit und die sich darauf konzentrieren müssen, dass es auch nur Tage mit Stunden sind, die verstreichen werden.«

Hier erzähle ich von der Liebe zu meinem Mann Ulli – und wie sich unser gemeinsames Leben nach seiner Diagnose veränderte:

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