Wir vermissen ihn gemeinsam

Nach dem Tod ihres Ehemannes musste unsere Senioren-Kolumnistin sofort die Trauerfeier planen. Das überforderte sie erst. Aber dann spürte sie, wie viel Trost in dem Ritual steckt.

Illustration: Nishant Choksi

Wenn ein Mensch stirbt, den man geliebt hat, erträgt man den Gedanken daran nicht. Ich versuchte, in kleinen Schritten zu denken: Ich muss nur ertragen, dass ich meinen Mann Ulli bis heute Abend nicht sehe. Ich muss nur ertragen, dass ich ihn bis zum Ende der Woche nicht sehe. Dass ich ihn nie wieder sehen würde, konnte ich mir sowieso nicht vorstellen. Es hätte zu sehr wehgetan.

Wenn ein Mensch stirbt, den man geliebt hat, läuft aber eine Maschinerie an. Es gibt so viele Fragen, die zu klären sind.

Hier ein Auszug der Dinge, die ich nach dem Tod meines Mannes entscheiden musste: Welches Beerdigungsinstitut soll sich um ihn kümmern, auf welchem Friedhof soll Ulli beerdigt werden, welcher Pfarrer soll die Trauerfeier halten, welche Lieder sollen gesungen werden, was soll auf den Einladungskarten stehen, die den engen Freunden und der Familie geschickt werden, soll es auch eine Traueranzeige in der Zeitung geben, habe ich schwarze Klamotten, die schön genug sind, um sie zu Ullis Ehren auf einer Beerdigung zu tragen, soll es einen Leichenschmaus geben, sind dazu alle eingeladen oder nur die enge Familie, was soll dort serviert werden, nur Kaffee und Kuchen oder auch etwas Herzhaftes?

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Ich bin so dankbar für die Menschen, die mir nahe stehen. Denn die Details der Beerdigung zu entscheiden, fühlte sich so kalt und technisch an, dass es mich manchmal überforderte. Ich wollte nicht sagen müssen, ob die Kellner bei dem Leichenschmaus Buttercremetorte, Marmorkuchen oder doch eine Käseplatte servieren sollen. Aber die Menschen, die mich umgaben, lenkten mich, entschieden für mich, orderten Kuchen und Käseplatten und steckten mich in Kaufhäusern in schwarze Hosenanzüge. Dabei redeten sie so sanft mit mir, als wüssten sie, dass ein zu harsches Wort, eine zu harsch eingeforderte Entscheidung mich zerbersten lassen würde. Wie Recht sie hatten.

Ich wollte mich verkriechen. Ich bin froh, dass es meine Umwelt und die zu erledigenden Aufgaben nicht zuließen. Den ganzen Tag klingelte das Telefon. Meine Familie wollte wissen, wie es mir geht. Meine Freunde wollten es wissen. Meine entfernten Bekannten auch. Ich legte mir Sätze zurecht, die den Schmerz fassten, aber nicht so schmerzvoll waren, dass die Tränen kamen, wenn ich sie sagen musste. Dass es gut gewesen sei, dass er gehen durfte. Dass er nur noch gelitten hätte. Dass es mir dennoch schwer fiele, mit dem Gedanken zurechtzukommen.

Die Trauerfeier in der Kirche glitt an mir vorüber. Ich spürte die Blicke auf mir, spürte, dass alle meine Reaktionen beobachteten, aber ich konnte mich nicht auf die Worte des Pfarrers konzentrieren. Ich sah, wie Staubkörnchen im Sonnenlicht schwirrten. Ich sah das Bild meines Mannes an, das sie neben dem Altar aufgestellt hatten. Ich sah die vielen Trauerkränze. Ich dachte an Ulli.

Beim Leichenschmaus achtete ich darauf, mit jedem Gast einige Worte zu wechseln. Es ist eine fast dankbare Aufgabe. Stunden, die man sich nicht vorstellen möchte, verfliegen plötzlich. Ich nahm Gesprächsfetzen wahr, in denen sich Menschen über Ulli unterhielten, über seine Liebe zu Autos, den Aquavit aus der Kühltruhe, den er nach einem wuchtigen Essen immer servierte, über seine Fähigkeit, jedes technische Gerät zu reparieren. Wir waren in der Trauer und im Gedenken an Ulli vereint und das tröstete mich.

Nach der Trauerfeier wurde Ullis Sarg zum Krematorium gefahren. Mein Mann hatte verbrannt werden wollen. Als es darum ging, eine Urne für ihn auszusuchen, spürte ich, dass ich endgültig aus meiner Lethargie heraus musste. Denn die Urnen, die es bei dem Beerdigungsinstitut gab, waren von einer abgrundtiefen Hässlichkeit. Wuchtige Töpfe aus Marmor oder Edelstahl, die schlimmsten waren mit dicken Engelchen oder Herzen verziert. Kommt nicht in Frage! Es war Zeit, wieder aktiv zu werden und einzuschreiten, damit mein Mann nicht für alle Ewigkeit in einem Topf mit dickem Engel in der Erde liegen muss.

Die hässlichen Designs der Urnen haben mir Kraft gegeben, wieder Entscheidungen zu treffen, so makaber sich das auch anhören mag. Ich fragte den Bestatter, ob es denn vorgeschrieben sei, dass man in einer Urne beerdigt wird. Als er verneinte, lief ich zu einer Gärtnerei und bat die Angestellten, das kleine Gefäß mit Ullis Asche, das sonst in eine Urne gesteckt worden wäre, einfach mit Blumen zu umwickeln. Mit Astern, mit Sonnenblumen, mit etwas, das nach Leben aussieht.

Ich bin mir sicher, dass Ulli den Gedanken gemocht hätte.

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