Eine Welt ohne dich

Niemand will einen geliebten Menschen gehen lassen. Aber manchmal bedeutet Liebe genau das: loszulassen. Unsere Senioren-Kolumnistin erzählt von dem Tag, an dem ihr Ehemann starb.

Illustration: Nishant Choksi

Ich erinnere mich noch daran, wie ich aus dem Fenster schaute und diesen tiefblauen Himmel sah. Ich saß neben Ullis Bett im Krankenhaus und streichelte ihm über den Handrücken. Draußen leuchteten die Blätter in der Herbstsonne.

Mein Mann starb an einem Tag im September. Es war ein langer Weg bis dahin. Ulli litt seit Jahren an Alzheimer. Aber an Alzheimer selbst stirbt man nicht, so gnädig ist diese Krankheit nicht. Nur verschluckte sich Ulli immer häufiger, weil er vergessen hatte, wie man das richtig macht. Das tat seiner Lunge nicht gut. Er kam mit einer heftigen Lungenentzündung ins Krankenhaus.

Niemand will einen geliebten Menschen gehen lassen. Alles in einem sträubt sich gegen den Gedanken, dass es diesen einen Menschen nicht mehr geben soll. Dass es überhaupt eine Welt ohne diesen einen Menschen geben kann.

Aber Ulli war so schwach. Er quälte sich. Es hätte noch Maschinen gegeben, an die man ihn vielleicht hätte anschließen können. Aber das wäre selbstsüchtig von mir gewesen, weil er mir zu Lebzeiten immer gesagt hatte, dass er keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte.

Die Ärzte verlegten ihn auf die Palliativstation. Es war mein Wunsch. Ich weiß, dass es auch seiner gewesen wäre. Dort ging es nicht mehr darum, Ullis Leben künstlich auszudehnen, sondern darum, dass er keine Schmerzen mehr hat. Dass die verbleibenden Tage oder Stunden sanft für ihn verstreichen würden.

An einem Sonntag war schließlich klar, dass ich Abschied nehmen muss. Ullis Haut bekam Flecken. Sein Körper kühlte aus.

Ich hielt Ullis Hand, ich streichelte ihm über den Brustkorb und sagte immer wieder »Du darfst gehen, ich halte dich nicht.« Ich weiß nicht, ob mein Mann mich gehört hat. Ich weiß nicht, ob er sich alleine gefühlt hat in seinen letzten Stunden.  Er war es nicht. Ich war da. Später auch unsere Kinder.

Am Sonntagabend atmete er zum letzten Mal. Der Atemzug klang sanft, fast wie ein Streicheln. Tagelang hatte ich ihm die Schmerzen in seinem Gesicht angesehen. Jetzt entspannten sich seine Muskeln.

Der Tod kann grausam sein, wenn er einen Menschen zu früh aus dem Leben reißt. Aber wenn man ein langes, erfülltes Leben hatte, kann er etwas zutiefst Friedliches sein. Erlösung.

Die Pflegerinnen kamen und schoben Ulli aus dem Zimmer, weil sie ihn waschen und umziehen mussten, bevor er ins Leichenhaus kam. Das Krankenhauszimmer hatte einen kleinen Balkon. Ich ging für einen Moment hinaus. Die Sonne stand schon tief am Himmel, ihre Strahlen fielen schräg, die Farben leuchteten noch kräftiger.

Es ist absurd, wie schön die Welt sein kann, wenn im gleichen Moment doch das Schönste endet. Aber ich bin so dankbar dafür, das Schönste erlebt zu haben.

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