Warum Beziehungen früher so lange gehalten haben

Viele in der Generation unserer Senioren-Kolumnistin sind jahrzehntelang verheiratet. Das muss aber nicht immer die große Liebe bedeuten.

Illustration: Nishant Choksi

Es gibt einen Mythos über meine Generation, der mich ärgert: dass wir die Liebe auf irgendeine Weise besser verstanden hätten, weil die Beziehungen früher so lange hielten. Wenn ich in der Zeitung einen Bericht über eine goldene, diamantene oder sogar eine Gnadenhochzeit sehe, bin ich mir sicher, dass auch eine Formulierung wie »Was ist das Geheimnis Ihrer langen Liebe?« darin vorkommt. Dabei lässt sich dieses Phänomen nicht immer mit großen Gefühlen erklären.

Denn es ist nicht so, dass meine Generation die Zutaten für eine glückliche Beziehung besser kennen würde. Vielmehr war es so, dass die romantische Liebe oft keine besonders große Rolle spielte. Beziehungen waren häufig Zweckbündnisse, nicht das große Glück, das einen morgens zum Lächeln bringt. Und egal, wie düster der Beziehungsalltag vielleicht war: Eine Trennung war in den meisten Fällen keine Option.

Geschiedene waren damals sozial geächtet. Frauen hatten in ihrer Beziehung glücklich und genügsam zu sein. Selbst wenn der Mann fremd ging, hätten viele im Bekanntenkreis den Fehler dafür trotzdem bei der Frau gesehen und Sätze gesagt wie »Seine Frau hat ihn einfach nicht mehr glücklich gemacht, sondern ständig mit Streitigkeiten belastet. Kein Wunder, dass er da ein bisschen Zerstreuung sucht.« Das muss man sich mal vorstellen.

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Abgesehen von dem sozialen Druck, war die Scheidung oder Trennung oft noch aus einem anderen Grund gar nicht möglich: der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern. Egal, wie viel Arbeit wir uns als Hausfrauen machten – wir verdienten ja kein eigenes Geld. Wer sich unter diesen Umständen trennte, musste schon sehr mutig sein. Immer wieder mussten Frauen mit ihren Kindern nach einer Trennung wieder bei den eigenen Eltern einziehen, weil es anders nicht gegangen wäre. Natürlich hätten sie Anspruch auf Unterhaltszahlungen gehabt, aber davor musste erst mal die Scheidung abgewickelt werden. Bis in die 1970er Jahre klärten die Richter außerdem die sogenannte Schuldfrage – welcher der Partner das Scheitern der Ehe verschuldet hat.

Das Schuldprinzip war auch der Grund, warum sich meine Mutter erst so spät von meinem Vater scheiden ließ. Sie wartete, bis das Schuldprinzip abgeschafft worden war. Während mein Vater seine Affäre sogar bei uns im Einfamilienhaus wohnen ließ, fürchtete meine Mutter wegen einer kurzen Affäre, die sie während des Krieges gehabt hatte, die Schuld für das Scheitern der Beziehung zugesprochen zu bekommen.

Auch Einrichtungen wie Frauenhäuser, die Frauen in schwierigen Situationen aufgefangen hätten, gab es damals noch nicht. All das führte dazu, dass Frauen oft in Beziehungen ausharrten, die nach heutigen Ansprüchen nicht unbedingt glücklich waren. Damit meine ich nicht nur tatsächliche körperliche Gewalt – sondern auch all die emotionalen Wunden, die man seinem Partner zufügen kann. Ihn zu verletzen, zu erniedrigen und zu missachten.

All das Wissen über die großen und kleinen Unglücke einer Ehe führte dazu, dass ich als junge Frau auch nicht gerade versessen darauf war, zu heiraten. Aber als ich schwanger wurde, zählte die Meinung von Ulli und mir nichts mehr. Unsere Familien sprachen die Hochzeit untereinander ab und sagten zu mir: »Ihr habt euch die Suppe eingebrockt, jetzt müsst ihr sie auch auslöffeln.«

Ulli und ich mochten uns damals schon sehr gerne. Trotzdem glaubte ich nicht daran, dass ich aus dem Stand mit ihm glücklich werden könnte. Wir kannten uns ja kaum. Nach ein paar (zugegebenermaßen sehr schönen) Abenden sollten wir plötzlich als Ehepaar zusammenwohnen und unsere ganze Zukunft miteinander planen. Wir wurden gezwungen, uns aufeinander einzulassen. Auch das möchte ich also bitte nicht idealisieren.

Wie sehr ich Ulli lieben würde, wie glücklich wir beide dann wurden, konnte ich damals nicht ahnen. Und ich würde aus heutiger Sicht sagen, dass es wirklich ein großer Zufall war, dass es so kam. Natürlich waren wir am Anfang etwas verliebt, aber unsere wirklich enge Beziehung entwickelte sich erst im Alltag. In all den Momenten, in denen ich spürte, dass Ulli immer für mich da sein würde, bedingungslos, und dass er versucht, mich mit seinem Verhalten glücklich zu machen. Das fühlte sich dann doch nach dem großen Glück an. Aber wie schrecklich wäre mein Leben verlaufen, wenn Ulli nicht so ein guter Partner gewesen wäre!

Vielleicht ist das das einzige, das man positiv über die Beziehungen meiner Generation vermerken muss: Wir mussten uns auf die andere Person einlassen. Aber dass meine Generation deswegen im Schnitt glücklichere Beziehungen führte und Liebesgeheimnisse verraten kann, bezweifle ich stark.

Es ist doch viel besser, wie es heute ist. Auch wenn die drohende Armut nach einer Scheidung leider immer noch ein Thema ist, hat sich im Großen schon etwas verändert. Häufig sind Paare nicht mehr ohne Ausweichmöglichkeiten zusammengeschweißt. Frauen und Männer stehen viel mehr für sich, können als Single leben und ihren eigenen Leidenschaften nachgehen. Sie können sich mit einem anderen Menschen auf die Liebe einlassen. Wenn es dann so wird wie bei Ulli und mir, können sie zusammenbleiben. Und wenn nicht, trennen sie sich wieder.

Liebe kann das Leben so viel schöner machen. Aber Liebe ist etwas anderes als Abhängigkeit.  

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