Mein Glück, dein Glück

Seit dem Tod ihres Mannes arbeitet unsere Senioren-Kolumnistin ehrenamtlich. Und weiß heute: Es gibt wenig Dinge, die so erfüllend sind.

Illustration: Nishant Choksi

Nach dem Tod meines Mannes musste ich mit dem Verlust umgehen. Aber gleichzeitig brach auch jede Struktur in meinem Leben weg. Ich hatte morgens keinen Grund mehr, warum ich aufstehen musste. Schließlich wartete Ulli nicht mehr im Heim auf mich. Ich musste ihn nicht mehr zu Ärzten begleiten oder ins Krankenhaus. Nur nach seinem Tod musste ich noch eine kurze Zeit funktionieren, als es um seine Beerdigung ging. Danach kam die Schwärze.  All die Trauer – und die Sehnsucht nach einem guten Grund, morgens aufzustehen.

Ich glaube, dass es vielen so geht, die einen nahen Angehörigen verlieren. Dass sie von einer sehr aktiven Phase, in der sie sich intensiv um den Menschen kümmerten, in eine Phase ohne Halt und Struktur rutschen. Nach dem Tod eines geliebten Menschen muss man wieder neu lernen, wie das eigentlich geht: zu leben. Es sind wahnsinnig kleine Schritte. Am Anfang war die Trauer so groß, dass ich das kleine Glück des Alltags nicht mehr sehen wollte. Ich wollte es nicht schön finden, meinen Kaffee zu trinken. Ich wollte es nicht schön finden, ein gutes Buch zu lesen. Ich wollte einfach nur meinen Mann zurück haben.

Die Schwärze fühlt sich wie ein Sog an, der alles Schöne aus dem Leben zieht. Aber wer sich nicht in das Gefühl fallen lässt, sondern langsam, aber stetig die Schwärze aus seinem Leben verbannen möchte, wird belohnt. Sie bekommt Risse, die das Licht hereinlassen. Ich hatte das Glück, von vielen kleinen Abrissbirnen umgeben zu sein, die die Schwärze ganz zum Einsturz bringen lassen wollten. Von meiner Familie. Meinen Freunden. Und einer Bekannten, die zu einer Schlüsselfigur wurde.

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Ich kannte die Frau nur vom Grüßen, sie wohnte in meiner Nachbarschaft. Ein paar Wochen nach dem Tod meines Mannes klingelte sie an meiner Wohnungstür. Mit einem Stück Kuchen in der Hand kam sie in den Flur und setzte sich schließlich an meinen Esstisch. Und dann stellte sie die Frage, die vieles von der Schwärze aus meinem Leben tilgte: Ob ich mir nicht vorstellen könne, genau wie sie selbst ehrenamtlich in dem kleinen Geschäft zu arbeiten, das fair gehandelte Produkte anbietet?

In meiner Trauer war es eine Überwindung, ja zu sagen und wieder am Leben teilzunehmen. All die Sinneseindrücke der neuen Aufgabe auf mich einprasseln zu lassen, statt mich zu verkriechen. Aber die Aufgabe brachte mir etwas, das ich in meinem Leben schmerzhaft vermisst hatte: eine feste Struktur. Ich wusste, an welchen Vormittagen ich im Laden erwartet wurde. Dass ich mit meiner Arbeit dort etwas Sinnvolles erreichen würde und meine Kolleginnen und Kollegen sich auf mich freuen würden.

Der Tod meines Mannes ist jetzt einige Jahre her. Mittlerweile habe ich gelernt, mit den Momenten der Einsamkeit besser umzugehen. Aber ich bin mir sicher, dass vieles davon ein Verdienst dieser Entscheidung ist: mich ehrenamtlich zu engagieren und mir damit eine Aufgabe zu geben, die mir durch die Zeit ohne Halt half.

Ich kann nur alle Menschen ermuntern, sich im Alter eine Aufgabe zu suchen, bei der sie die schönsten Seiten ihres Wesens zeigen können. Bei der sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen teilen können, sich als Mensch gesehen und nicht unsichtbar fühlen. Es gibt ja so viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren: bei der Tafel zu helfen, zum Beispiel, einsame Menschen im Altenheim zu besuchen und einfach für sie da zu sein, sich um Kinder zu kümmern, die selbst keine Großeltern mehr haben und deren Eltern mehr Unterstützung brauchen, sein handwerkliches Geschick in Reparaturwerkstätten einzusetzen oder, wie in meinem Fall, eben sein gutes soziales Gespür in einem Laden, der auf fairen Handel achtet.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich der damals nur entfernt bekannten Frau dafür bin, dass sie mir an diesem schwierigen Punkt in meinem Leben gezeigt hat, wie viel Leben eigentlich noch auf mich wartet. Ich habe in dem Laden neue Freundinnen und Freunde gefunden, die so spannende Leben haben, dass die gemeinsame Schicht gar nicht zum Ratschen reicht. Hinzu kommen die Begegnungen mit den Kunden – im Laden zu arbeiten, ist eine Aneinanderreihung schöner Momente, die mich glücklich machen.

Gerade bauen meine Augen ja immer weiter ab und mir ist nicht klar, wie lange ich noch die Kasse im Laden bedienen kann. Aber wenn das eines Tages nicht mehr gehen sollte, werde mir eine neue Aufgabe suchen, die mir Glück bringt. Ich will nicht zu Hause sitzen und auf mein Ende warten. Sondern Freunde kennenlernen, die Welt auf mich einprasseln lassen und all die kleinen Abenteuer meines Alltags erleben.

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