Was ich in meinem Leben gelernt habe

Liebe, Angst und Glück – unsere Senioren-Kolumnistin über die fünf wichtigsten Erkenntnisse, die sie mit dem Alter gewonnen hat.

Illustration: Nishant Choksi

Ich habe mir als junge Frau über viele Sachen den Kopf zerbrochen. Ob ich mich richtig verhalte und richtig entscheide. Ob ich es schaffen werden würde, bis ins Alter glücklich zu bleiben. Ob die Liebe zu meinem Mann groß bleiben wird oder ob sie uns mit den Jahren,  wie Erich Kästner es so treffend formuliert hat, abhanden kommt »wie anderen Leuten ein Stock oder Hut«.

Wenn ich jetzt an mein Leben zurückdenke, merke ich, dass die Sorgen unbegründet waren. Natürlich habe ich in meinem Leben einige Fehler gemacht. Es gab kleine Fehler: Meine Begeisterung für Stufenröcke in den 1970ern, zum Beispiel. Aber auch größere: Ich hätte wohl sehr viel Spaß an einem Beruf gehabt und bereue es ein bisschen, keine Ausbildung abgeschlossen zu haben.

Aber das ist nicht schlimm. Denn im Rückblick merke ich, dass diese Entscheidung nicht schwer wiegt. Dass es genauso viele große und kleine Momente gab, die mein Leben glücklich gemacht haben. Und dass ich mir vieles davon selbst verdanke, weil ich gelernt habe, auf meine Wünsche zu hören.

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Ich bezweifle, dass alte Menschen generell weise sind. Es gibt auch jetzt noch viele Situationen, in denen ich mich gerne reifer und klüger verhalten würde. Aber auf Wunsch meiner Enkelin habe ich mir überlegt, was ich in all den Jahrzehnten, die ich auf dieser Erde bin, über das gute Leben gelernt habe. Was die Essenz meines Glücks ist – und was ich meinem jüngeren Ich gerne gesagt hätte.

Hier meine fünf Erkenntnisse:

  • Ich habe früher oft nicht den Moment genossen, sondern darüber nachgedacht, was danach kommen könnte. Ich fasse es als Konjunktiv-Gedanken zusammen. Statt an einem Abend mit Freunden einfach das Gespräch zu genießen und die Wärme, die das Glas Wein in meinen Körper strömen ließ, dachte ich darüber nach, ob ich wegen des Weines am nächsten Tag müde sein oder ob die Straße glatt sein könnte, wenn ich später nach Hause laufen muss. Aber dieses Vorausdenken bringt nichts. Es sorgt dafür, dass die Schönheit des Augenblicks verfliegt und die Zeit insgesamt noch viel schneller vergeht. Ich habe mit den Jahren gelernt, gegen diese Konjunktiv-Gedanken anzuarbeiten und die schönen Momente auszukosten. Und ich werde immer besser darin: Als ich im vergangenen Jahr an die Nordsee fuhr, dachte ich auf der Hinfahrt noch viel darüber nach, ob es das letzte Mal sein würde, dass ich die Nordsee sehe. Aber als ich dann am Strand stand, hatte ich keine Lust mehr, diesen Gedanken Raum zu geben. Ich konzentrierte mich darauf, wie sich der Sand an meinen Füßen anfühlte, kühl und rau. Wie das Wasser der Wellen rauschte. Und ab und zu eine Möwe kreischte. Selbst wenn es das letzte Mal war, dass ich an der Nordsee stand, wäre das in Ordnung. Weil ich den Moment gelebt habe.
  • In der Liebe gibt es eine einfache Regel, die ich an mir selbst und in meinem Umfeld immer wieder bestätigt sah und hier schon einmal beschrieben habe: Es kommt bei einem Partner nicht darauf an, wie vermeintlich attraktiv er ist. Sondern darauf, dass er mit Wärme aufs Leben blickt. Dass er den Humor, der im Alltag steckt, sieht und mit dir darüber lachen kann. Und dass er Momente erkennt, in denen es dir nicht gut geht und du eine Umarmung brauchst.
  • Es gibt immer wieder Dinge, die mir Angst gemacht haben, aber ich leide nicht mehr darunter. Angst ist nicht per se ein schlechtes Gefühl. Wer sich auf das Leben einlässt, kann nicht ohne Angst leben. Oft war das Gefühl nur ein Zeichen, dass mir Menschen wichtig waren und ich sie nicht verlieren wollte. Wenn ich Angst spüre, versuche ich also nicht mehr, sie wegzuschieben, sondern das Gefühl einzuordnen. Ich denke mir: »Natürlich spürst du Angst. Weil du liebst.«
  • Ich habe mir zu viel unnötigen Stress mit dem Haushalt gemacht. Wenn uns früher meine Schwiegereltern besuchten, fasste ich das immer als »Haushaltsinspektion 1a« zusammen. Ich war mir sicher, dass sie noch unsere Bilderrahmen mit dem Finger auf Staub überprüften und wollte nicht, dass sie auch nur ein einziges Körnchen fanden, das sie mir vorwerfen konnten. Aber heute denke ich mir: Hätte das irgendeine Aussage über mich gehabt? Machen mich Staubkörner zu einem schlechteren Menschen? Ganz sicher nicht. Wenn mich Menschen wegen Oberflächlichkeiten einstufen wollen: bitte schön. Ich mache mir wegen so etwas keinen Kopf mehr und will mir selbst nicht mehr so viel Arbeit bereiten. Wenn ich zum Abendessen einlade, lasse ich Tischdecken weg – ich hab keine Lust, sie danach zu waschen und zu bügeln. Die Maserung von Tischen ist sowieso viel schöner.
  • Überhaupt habe ich gelernt, nachsichtiger mit mir umzugehen. Lange Zeit konnte ich das nur meinen Freunden und meiner Familie gegenüber. Ich verzieh ihnen die großen und kleinen Fehler ganz selbstverständlich. Mir selbst warf ich hingegen Unzulänglichkeiten vehement vor, quälte mich in meinen Gedanken richtig damit, warum ich mich in der einen oder in der anderen Situation nicht besser verhalten hatte. Aber jetzt im Alter, nach all den Jahren, habe ich mich endlich mit mir selbst angefreundet. Ich habe akzeptiert, dass ich wie alle anderen Menschen nicht perfekt bin, aber dass ich deswegen meinen Charakter nicht abschleifen muss, bis ich mich wie ein Knigge-Buch auf zwei Beinen verhalte. Ich darf scheitern. Ich darf Fehler machen. Ich darf mich trotzdem mögen. Und ich will und werde mir die Fehler verzeihen.
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