Was ich an Tinder mag

Unsere Senioren-Kolumnistin ist beeindruckt von den Möglichkeiten der modernen Partnersuche. Aber sie hat einen wichtigen Rat für alle, die dauerhaft glücklich werden wollen.

Illustration: Nishant Choksi

An meinem Esstisch saßen schon viele junge Männer. Erst die Freunde meiner Töchter, dann die meiner Enkelinnen. Sie waren alle nervös. Ich verstehe das. Vorstellungsbesuch bei der Familie, da wird die Stimme etwas brüchig. Ich habe ihnen immer Rote Grütze zum Nachtisch gemacht. Meine Art zu sagen: Ich beiße nicht.

Ich finde es gut, wie einfach man heute das Leben mit verschiedenen Partnern ausprobieren kann. Und dass es leichter ist, sich wieder zu trennen, falls es nicht passt.

Eine Sache befremdet mich aber an der modernen Partnersuche: Wieso geht es ständig um das Äußere? Eine meiner Enkelinnen lebt in München. Als ich sie das letzte Mal besuchte, zeigte sie mir auf ihrem Handy ein Programm namens »Tinder«, bei dem Bilder von Singles angezeigt werden. Wenn man den Mann mag, schiebt man ihn nach rechts, wenn nicht, nach links. Nur aufgrund des Äußeren.

Wenn ich in meinem doch recht langen Beziehungsleben eine Sache gelernt habe, dann: Es geht wirklich nicht ums Aussehen. Viele Menschen sind in jungen Jahren schön. Aber alle bekommen Falten und dritte Zähne. Anders ist es mit dem Humor: Wenn jemand als Teenager gute Witze erzählen kann, dann kann er das als Rentner auch noch. Selbst wenn man nur nach einem Partner für eine Nacht sucht: Auch die ist schöner, wenn man zusammen lachen kann. Sich auszuziehen hat ja ein gewisses Humorpotenzial.

Meine Enkelin meinte, dass es bei Tinder allerdings sehr schnell darum gehe, sich im echten Leben kennenzulernen und dann zu schauen, ob auch der Charakter passt. Da kann man dann probieren, ob man gemeinsam lachen kann – oder der Abend öde wird.

Ich lebte als Studentin Ende der Fünfzigerjahre in einem winzigen Zimmer zur Untermiete in München-Schwabing. Und auch das teilte ich mir noch mit einer Freundin. Herrenbesuch setzte also gute Absprachen voraus. Außerdem konnte man mit einem sicheren Auftritt unserer Vermieterin rechnen. Es gab damals noch den »Kuppel-Paragraphen«. Hätte meine Vermieterin erlaubt, dass wir als unverheiratete Frauen in ihrer Wohnung mit einem Mann intim geworden wären, hätte sie sich strafbar gemacht. Muss man sich mal vorstellen. Hatte eine von uns einen Gast, hämmerte sie also pünktlich um 22 Uhr mit der Faust gegen die Tür und brüllte: »Tun Sie Ihren Herren raus.«

Mich mit Ulli, meinem späteren Ehemann, in privatem Rahmen zu treffen, war nicht leicht. Seine Vermieter waren ein wenig entspannter als meine, er durfte mich einige Male zum Essen nach Hause einladen. Er hatte nur eine einzige Kochplatte, machte darauf aber wundervolle Spaghetti Bolognese, mit fein geschnittenen Karotten in der Sauce. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Ein guter Koch bleibt sein Leben lang ein guter Koch, das ist wie mit dem Humor.

Trotzdem hätte ich es schöner gefunden, das Liebesleben ungezwungener ausprobieren zu können. Ich bin so froh, dass sich die Zeiten geändert haben und Vermieter nicht mehr gegen die Tür hämmern. Denn auch wenn Filme wie Casablanca das suggerieren mögen: Dieses große, wilde Verliebtsein war in meiner Jugend einfach nicht möglich.

Und auch, wenn ich noch viele Portionen rote Grütze kochen muss: Ich schaue meinen Enkeln gerne dabei zu, wie sie nach dem Glück streben. Ich bin für mehr Casablanca im echten Leben.

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