»Mein Interesse am Klang verdanke ich Serge Gainsbourg«

Keren Ann im Interview über den emotionalen Gehalt des Stereo-Sounds, die Schwierigkeiten weiblicher Produzentinnen und ein legendäres Album, das sie für die große Demarkationslinie der Popmusik hält.

Foto: Amit Israeli/Emi

Keren Ann, lassen Sie uns zuerst über den Sound Ihrer neuen Platte 101 reden.
Gern. Eine Vorstellung vom Sound zu haben, ist der entscheidende Antrieb für mich, wenn ich an einem neuen Album zu arbeiten beginne. Ich schreibe zwar ständig neue Songs, aber ich mache erst dann ein Album, wenn ich eine klare Vision von der Klanglandschaft habe, die ich erschaffen möchte. Ein organischer Klang ist dabei immer wichtig, selbst wenn ich mit elektronischen Instrumenten arbeite. Das Stereo-Klangfeld ist für mich wie eine Leinwand, auf der ich Farben mischen und Stimmungen erzeugen kann. Diesmal hat es mir großen Spaß gemacht, mit minimalistischen Elementen zu arbeiten, wie auch Songs aufwändig durchzuproduzieren. Um den Gehalt eines Songs zu vermitteln, ist der Klang in meinem Fall wichtiger als der Text.

Sie sehen den Klang als Metapher für das emotionale Thema des Songs?
Genau. Auch ohne Text sollte rüberkommen, worum es in dem Song geht.

Könnten Sie anhand eines Songs von Ihrem neuen Album erklären, wie das funktioniert?
Kein Problem, das kann ich Ihnen für jeden Song sagen. Bei »Blood On My Hands« braucht die Musik zum Beispiel schwarzen Humor, aber auch ein sehr leichtes Gefühl, um einen Gegensatz zur kriminalistischen Spannung des Songs herzustellen. Beim Titelsong »101« wollte ich, dass die Musik die Schwerkraft aufgreift und dass die Instrumente auf eine repetitive Weise kommen und gehen, die im Kopf des Hörers ein Echo erzeugt.

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Auch Ihre Stimme ist auf 101 mit viel Echo verfremdet worden. Warum?
Ich wollte, dass die Platte möglichst traumartig klingt. Die technischen Effekte, mit denen ich die Stimme bearbeitet habe, sind allerdings von Song zu Song verschieden. Ich habe eine große Sammlung von alten und neuen Effektgeräten.

Viele Produzenten sagen, dass man den Klang der alten analogen Effektgeräte nicht mit digitalen Mittel reproduzieren könne. Was meinen Sie dazu?
Ja, zum Teil stimmt das. Viele Klangideen kann man nur mit alten Mischpulten oder Geräten realisieren; digitale Effekte haben nicht dieselbe Wärme, denselben Charakter. Aber oft können digitale Effekte auch gerade richtig sein. Als Produzent hat man die Aufgabe, hier die richtigen Entscheidungen zu treffen. Schlagzeug und Bass nehme ich zum Beispiel so gut wie nie digital auf. Dafür benutze ich eine Neve- oder SSL-Konsole. Aber ich kann leider nicht auf Tonband aufnehmen, weil das zu teuer wäre.

Gibt es einen Klang-Visionär, der sie besonders inspiriert hat?
Als Autorin haben mich die Großen inspiriert – Bob Dylan, Leonard Cohen, Bruce Springsteen. Aber mein Interesse am Klang verdanke ich Serge Gainsbourg, der die Art revolutioniert hat, wie man Musik macht. Er hat mir beigebracht, wie man einen Panorama-Stereo-Sound kreiert, wie man Bass und Streicher aufnimmt, auf welche Details man achten muss. Ein anderes Album, dessen Klang ich sehr bewundere, ist Astral Weeks von Van Morrison. Es ist wirklich interessant, wie viele Schattierungen, wie viele Klangfarben die Songs haben – besonders wenn man bedenkt, dass dieses Album damals sehr spontan entstanden ist. Das alles hat eine große Wahrhaftigkeit, die man eigentlich gar nicht kopieren kann.

Das Album von Serge Gainsbourg, das alle toll finden, ist L’Histoire De Melody Nelson. Sie auch?
Dieses Album ist absolut perfekt, von A bis Z. Für mich stellt dieses Album die große Demarkationslinie der Popmusik dar, so einflussreich war es. Es gibt eine Zeit vor Melody Nelson und eine Zeit nach Melody Nelson.

»Mein Mantra lautet, dass ich lieber Teil der Lösung als Teil des Problems sein möchte«

Später hat Gainsbourg eine seltsame Platte namens Rock Around The Bunker gemacht, auf der er Songs wie Nazi Rock und SS In Uruguay singt. Wie gefällt Ihnen die?
Nicht so besonders. Ich liebe Melody Nelson und Cannabis, seine späteren Arbeiten gefallen mir weniger gut.

Wollten Sie schon immer als Produzentin arbeiten?
Ja, ich habe allerdings einen Fehler gemacht, meine ersten beiden Alben nicht selbst zu produzieren. Ich liebe die Platten, aber sie klingen nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Ist es als Frau schwieriger, sich als Produzentin zu etablieren?
Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Aber sobald man einen gewissen Namen hat, bekommt man viele Angebote. Wobei man nie weiß, ob die Leute einen aus den richtigen Gründen beschäftigen wollen. Deshalb wähle ich meine Projekte sehr genau aus.

Wenn Sie sich jemand aussuchen könnten, den sie produzieren dürften, wen würden Sie auswählen?
Hm, schwierig. Ich glaube, ich würde gerne mehr Filmmusik schreiben. Es gefällt mir, die Vision einer anderen Person zu unterstützen. Gerade arbeite ich an einer Oper namens Red Waters, die im Herbst an drei französischen Opernhäusern aufgeführt werden wird.

Ihre familiären Wurzeln liegen in Israel. Hat das irgendwie auf Ihre Musik abgefärbt?
Ich habe da nur als Kleinkind gelebt, dann sind meine Eltern mit mir weggezogen. Aber die Melancholie in meiner Musik hat bestimmt mit dem komplexen Land zu tun, aus dem ich stamme.

Zum Schluss möchte ich Sie noch nach dem ungewöhnlichen Titelsong ihrer Platte fragen. Das Stück funktioniert wie ein Countdown, sie zählen von 101 herunter und nennen zu jeder Ziffer eine bestimmte Sache, zum Beispiel »99 percent, 98 minutes, 97 dollars, 96 men in uniform«. Wie haben Sie die Dinge für den Countdown ausgewählt?
Einige der Dinge sind sehr allgemein, die könnten jeden betreffen. Andere sind sehr persönlich, zum Beispiel »63 years from independence«, das bezieht sich auf die israelische Unabhängigkeit. Oder »75 springs«, so alt ist mein Vater geworden.

Aber Sie verbinden etwas mit jedem Begriff?
Ja, alles hat einen Sinn, auch die Dinge, die am Anfang vielleicht rätselhaft wirken.

Worauf bezieht sich »76 trombones«?
So viele Posaunisten sind bei offiziellen Paraden für den US-Präsidenten dabei.

Der Song endet auf einer religiösen Note, mit den Worten »one god«.
Zur organisierten Religion habe ich ein distanziertes Verhältnis. Die Bibel ist für mich der größte Krimi aller Zeiten – etwas großartigeres wird nie geschrieben werden. Ich glaube, dass wir uns alle an etwas festhalten. Manche nennen es Gott, andere haben einen anderen Namen dafür.

Woran glauben Sie?
Ich bete keinen Gott an, aber ich glaube an viele Dinge, die man wissenschaftlich nicht beweisen kann. Mein Mantra lautet, dass ich lieber Teil der Lösung als Teil des Problems sein möchte.

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