Trotzreaktion eines Gescheiterten

Zur Entstehungsgeschichte von Van Morrisons Meisterwerk »Astral Weeks«.

Foto: Warner Brothers

Zu den vielen Dingen, die mich an Astral Weeks faszinieren, gehört die Tatsache, dass das Album niemals kopiert wurde. Hier und dort hört man seinen Einfluss, zum Beispiel bei Nick Drake oder Joni Mitchell, doch in den vierzig Jahren, seitdem es erschien, hat kein Musiker den Versuch gewagt, die instrumentale Textur und die besondere Stimmung von Astral Weeks in Gänze nachzuempfinden – anders als bei den meisten anderen Meisterwerken des Rock, die oft ganze Stilrichtungen begründeten. Ich denke, die Unwiederholbarkeit von Astral Weeks liegt an der Individualität des Werks, und an der herausragenden Qualität der musikalischen Darbietung; jeder Versuch, diese zu kopieren, hätte nur in Peinlichkeiet enden können. Erstaunlicherweise ist aber auch Van Morrison selbst nie wieder zu dem Album zurückgekehrt, das viele als den Höhepunkt seines Schaffens ansehen. Dies könnte auch an den besonderen Umständen liegen, unter denen das Album entstand. In mancherlei Hinsicht ist Astral Weeks das Resultat einer Lebens- und Karrierekrise, in der sich Morrison damals befand – und die er danach weitgehend hinter sich lassen konnte.

Als Morrison im September 1968, wenige Wochen nach seinem 23. Geburtstag, Astral Weeks aufzunehmen begann, war er seit sieben Jahren Profi-Musiker. Mit Plattenfirmen, Agenten, und Managern, mit der gesamten finanziellen Seite des Musikgeschäfts, hatte er bis dahin allerdings nur katastrophale Erfahrungen gemacht. Die Monarchs, seine erste Band, ernährten sich auf Tour wegen der mageren Gagen von Trinkschokolade. Danach gründete Morrison die R&B-Band Them, die mit Hits wie »Gloria« und »Baby Please Don’t Go« den Rolling Stones Konkurrenz machte, jedoch nichts von den Profiten sah; bis auf kümmerlichste Beträge wanderten sämtliche Einnahmen in die Taschen des Them-Managers Phil Solomon.

Nach dem Ende von Them unterschrieb Morrison im Januar 1967 einen Vertrag mit dem New Yorker Produzenten Bert Berns. Mit »Brown-Eyed Girl« gelang ihm umgehend ein weiterer Hit, doch auch diesmal führte ein Knebelvertrag dazu, dass er fast nichts von dem Geld sah, das sein Song einspielte. Hinzu kam, dass er mit dem unbeschwerten Popsound von »Brown-Eyed Girl« unzufrieden war und eine andere musikalische Richtung einschlagen wollte; Bert Berns hielt erwartungsgemäß wenig davon.

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Morrisons Situation verschlechterte sich dramatisch, als Berns am 30. Dezember 1967 überraschend starb. Seine Witwe schien der Meinung zu sein, dass die vielen Streitereien mit dem schwierigen jungen Sänger zum Ableben ihres Mannes beigetragen hatten. Statt ihn aus dem Vertrag zu entlassen, hetzte sie ihm Mafia-Schläger auf den Hals. Morrisons Frau Janet Planet hat später erzählte, wie einer von Berns' Handlangern an die Tür ihres Hotelzimmers schlug und dabei brüllte: »Van, you're finished in the business. D'you hear me?«

Das Geschäft ging in Mafia-Manier über die Bühne: Um den Vertrag zu erhalten, traf Joe Smith zwei finstere Typen im dritten Stock eines Lagerhauses und überreichte ihnen 20.000 Dollar in bar.

Zusammen mit Janet floh Morrison von New York nach Boston. Ein gutes halbes Jahr nach seinem großen Hit war er wieder ganz unten angekommen. Er spielte vor zwanzig Leuten in einem Studentenclub und musste befürchten, mit 22 bereits zum alten Eisen zu gehören. Trotzdem blieb er kompromisslos, was seine neuen musikalischen Ideen anbelangte. Zusammen mit dem Bassisten Tom Kielbania und dem Flötisten John Payne entwarf er damals die jazzig-folkige musikalische Textur, die sich später auf Astral Weeks wiederfand.

Obwohl einige der Lieder auf Astral Weeks schon 1966 und 1967 entstanden, scheinen sie doch Morrisons schwierige Lebenssituation zu reflektieren, seinen Schmerz, seine Entfremdung. »I’m nothing but a stranger in this world«, singt er im Song »Astral Weeks« und träumt sich ins Belfast seiner Jugend zurück, für ihn eher ein poetischer als ein realer Ort, an dem er unterdrückte Konflikte und Sehnsüchte ausagieren kann. Auf vielen Stücken des Albums versteckt sich eine düstere Unterströmung hinter den zauberhaft flirrenden Arrangements, emotional versöhnlicher Kontrapunkt dazu sind nur »Sweet Thing«, »Ballerina« und »The Way Young Lovers Do« – Liebeslieder an seine Frau Janet, damals ohne Zweifel sein Rettungsanker.

Auf wundersame Weise wendete sich im Spätsommer 1968 Morrisons Schicksal. Emissäre der Plattenfirma Warner Brothers nahmen Kontakt mit ihm auf, in deren Auftrag reiste auch der Produzent Lewis Merenstein nach Boston, um sich Morrisons neue Songs anzuhören. »He played the beginning of Astral Weeks«, hat Merenstein später erzählt, »and I started crying. It just vibrated in my soul, and I knew I wanted to work with that sound.« Merenstein überzeugte Warner Brothers, Morrison aus seinem alten Vertrag herauszukaufen. Das Geschäft ging in Mafia-Manier über die Bühne: Um den Vertrag zu erhalten, traf Joe Smith von Warner Brothers zwei finstere Typen im dritten Stock eines Lagerhauses und überreichte ihnen 20.000 Dollar in bar.

Lewis Merenstein war sicherlich das beste, was Van Morrison zu diesem Zeitpunkt passieren konnte. Als Jazzkenner hatte er keine Hitsingle im Sinn, sondern verstand die offene Struktur von Morrisons Stücken, genoss ihre Unkommerzialität. Zudem hatte er Zugang zu Musikern von höchstem Kaliber. Als Bandleader engagierte er den Bassisten Richard Davis, der schon mit Eric Dolphy und Miles Davis gespielt hatte, Außerdem waren noch der Gitarrist Jay Berliner, der Perkussionist Warren Smith Jr.  und der Schlagzeuger Connie Kay, Mitglied des Modern Jazz Quartets, mit von der Partie. Einen Rocksänger wie Morrison mit solchen Musikern zusammenzubringen, war damals eine unerhörte, noch nie dagewesene Maßnahme und zeugt von Merensteins großem musikalischem Instinkt.

Astral Weeks wurde bei drei Sessions im Herbst 1968 aufgenommen. Hört man die Platte, so liegt der Gedanke nahe, dass im Studio besondere Magie am Werk gewesen sei; tatsächlich war die Stimmung wohl eher geschäftsmäßig. Morrison scheint von den großen Namen seiner Begleitmusiker etwas eingeschüchtert gewesen zu sein und beschränkte die Kommunikation auf ein Minimum: Während der Aufnahmen versteckte er sich hinter den akustischen Trennwänden, die ihn von den anderen Musikern abschirmten.

Dennoch wurden die meisten Songs auf Astral Weeks bereits im ersten oder zweiten Versuch aufgenommen, praktisch ohne vorherige Proben. Den Musikern, die im Studio normalerweise nach Noten spielen mussten, gefiel es, hier keine allzu engen Vorgaben zu bekommen und die offene Struktur von Morrisons Songs dem eigenen Empfinden nach ausfüllen zu dürfen. Aber auch Morrison selbst zeigte sich der Situation gewachsen: So schüchtern er auftrat, so selbstsicher und gekonnt ist sein Gesang, der in punkto Phrasierung und Emotion an Orte gelangte, die vor ihm kein Rockmusiker erreicht hatte.

Nach den drei Sessions wurden die Ergebnisse punktuell mit Bläsern, Cembalo sowie den tollen Streicherarrangements von Larry Fallon verziert. Die fertige Platte erschien dann Ende 1968 – und war ein Misserfolg: Im ersten Jahr wurden nur 15.000 Stück verkauft. Lewis Merenstein hatte trotzdem vor, das Nachfolge-Album im selben Stil aufzunehmen; Morrison war jedoch sein Dasein als brotloser Künstler leid, und so kam es zur pophistorisch seltenen Konstellation, dass der Künstler seine Hinwendung zu einem kommerzielleren Sound gegen seinen Produzenten durchsetzen musste.

Moondance, das nächste Album, wurde ein Erfolg und seitdem hat Morrison selten auf Astral Weeks zurückgeblickt. Nur sporadisch tauchten die Songs bei seinen Konzerten auf, immer wieder hat er bekräftigt, mit dem Album nicht wirklich zufrieden zu sein. Am 10. Februar erscheint nun das Album Astral Weeks: Live At The Hollywood Bowl – ein Indiz dafür, dass Morrison endlich Frieden mit seinem größten Klassiker geschlossen hat.

Quellen:
Clinton Heylin: Can You Feel The Silence? Van Morrison - A New Biography
Barney Hoskyns: The Epic Story Of Astral Weeks, Mojo 2001

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