»Mein Vater wurde von Allmächtigen gelenkt«

Ziggy Marley über harte Momente in seiner Kindheit, seinen Auftritt bei der Trauerfeier für seinen Vater und dessen anhaltende spirituelle und politische Bedeutung.

Foto: Tuff Gong Records

Viel war in den vergangenen Monaten über Bob Marley zu lesen. Am 11. Mai begingen die Fans seinen 30. Todestag, schon im März erschien unter dem Titel Live Forever (Universal) die Aufnahme des letzten Konzerts, das er je gespielt hat; prosaischerweise fand dieses in Pittsburgh statt, am 23. September 1980. Das englische Musikmagazin Mojo beleuchtet in seiner aktuellen Titelgeschichte Marleys späte Jahre und analysiert die politische Botschaft von Alben wie Survival und Uprising. In dem ausführlichen Artikel habe ich ein Zitat von Marleys Tochter Cedella gefunden, die beschreibt, wie ihr Vater nach einem Überfall, bei dem er von bewaffneten Männern verwundet wurde, Ende 1976 Jamaika verließ: »And then he was gone. I think he probably felt the further he was away from us the safer we were going to be. We didn't see him much for a long time, but he was good at leaving messages and we spoke to him once or twice a week by phone.»

Bob Marley hatte mindestens elf Kinder von mehreren Frauen; Ziggy, Stephen und Damian sind selbst als Musiker erfolgreich. Ziggy, 1968 geboren, galt sogar lange als eine Art Nachfolger seines Vaters und war mit den Melody Makers, der Familienband, schon in den Achtzigern in den Charts. Am 17.6. erscheint sein neues Album Wild And Free (Tuff Gong), und da er inzwischen selbst sechs Kinder hat, hat er letztes Jahr die Kinderplatte Family Time aufgenommen. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mit Ziggy Marley zu telefonieren.

Ziggy Marley, bald erscheint Ihr neues Album Wild And Free, aber ich möchte auch kurz das Kinderalbum Family Time ansprechen, das Sie letztes Jahr herausgebracht haben. Eine gute Idee, eine Reggae-Platte für Kinder zu machen!
Ich weiß auch nicht, warum nicht mehr Künstler so etwas machen. Für mich war dieses Album sehr wichtig. Ich will mit meiner Musik die Welt verändern. Und da ist es sinnvoll, sich an Kinder zu wenden, weil die noch offen und neugierig sind.

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Was ist denn der wichtigste Unterschied zwischen der Kinderplatte und Ihrem neuen Album für Erwachsene?
Die Themen. Auf Wild And Free geht es um Marihuana, um revolutionäre Ideen, um persönliche Erlebnisse wie das Verhältnis zu meinem Vater und meiner Mutter. Dennoch war Family Time ein wichtiger Vorläufer des neuen Albums, weil wir Family Time auf sehr organische Weise aufgenommen haben, mit der kompletten Band gemeinsam im Studio. Das hat mir sehr gefallen, deshalb haben wir Wild And Free auf dieselbe Art aufgenommen. So konnten wir den spirituellen Aspekt der Musik bewahren.

Auf Family Time singen Ihre eigenen Kinder mit. Hat denn Bob Marley, Ihr berühmter Vater, früher mit Ihnen gesungen?
Ja, wenn er Songs geschrieben hat, hat er manchmal mit uns gesungen. Er spielte auf seiner Gitarre, während wir um ihn herum saßen.

Hat er auch Kinderlieder mit Ihnen gesungen?
Nein. Kinderlieder und jamaikanische Folksongs haben meine Geschwister und ich in der Schule gelernt.

Hatten Sie eine glückliche Kindheit?
Ja. Da gibt es nichts, worüber ich mich beklagen könnte.

Wie sind Sie damit klar gekommen, dass Ihr Vater und Ihre Mutter immer wieder monatelang auf Tour waren?
Die Situation, in der wir aufgewachsen sind, war hart für uns – emotional und mental. Manchmal waren wir vielleicht traurig, weil wir unsere Eltern vermisst haben. Aber irgendwann hatten wir uns daran gewöhnt und ihre Abwesenheit hat uns nicht mehr gestört. Wir haben gelernt, mit solchen Situationen umzugehen.

Sie haben schon in den Siebzigern zusammen mit Ihren Geschwistern eine Kinderband gegründet, die Melody Makers. Was für einen Rat hat Ihr Vater Ihnen gegeben?
Er hat den Song »Children Playing In The Street« für uns geschrieben, ist mit uns ins Studio gegangen und hat auf der Aufnahme Gitarre gespielt. 1979 war das. Er hat uns ermutigt, Musik zu machen, die eine Botschaft hat. Aber er hat sich nicht hingesetzt und gesagt, das ist jetzt mein Rat für euch. Er hat uns angeleitet, indem er der Mensch war, der er war. Wir haben ihn beobachtet und dadurch viel über das Leben und die Musik gelernt.

Eine Episode Ihrer Biografie hat mich immer erstaunt: Dass Sie als Zwölfjähriger mit den Melody Makers bei der großen Trauerfeier für Ihren Vater in Jamaika aufgetreten sind.
Wie ich schon gesagt habe: In unserer Kindheit gab es immer wieder harte Situationen. Zum Zeitpunkt der Trauerfeier lag der Tod meines Vaters allerdings schon etwas zurück und wir hatten Gelegenheit gehabt, uns damit auseinanderzusetzen.

Wie wäre seine Karriere weitergegangen?
Das weiß ich nicht. Aber da mein Vater ein sehr revolutionärer Musiker war, nehme ich an, dass er weiter revolutionäre Musik gemacht hätte.

Dreißig Jahre nach seinem Tod ist er heute eine fast schon mythische Figur.
Mein Vater war ein einzigartiger Mensch. Er hat sein Leben für die Menschen gelebt, angetrieben von seiner Spiritualität und seinem Glauben. Ich glaube, dass er von der Kraft des Allmächtigen gelenkt wurde, von spirituellen Kräften, die wir nicht verstehen können. Aber das ist für mich keine Mythologie, sondern Realität – eine Realität, zu der die Menschen heute keinen Bezug mehr haben.

Fühlen Sie sich in der Pflicht, sein Erbe fortzuführen?
Über so etwas muss ich gar nicht nachdenken. Seine Musik und seine Ideen sind tief in mir verwurzelt.

Sie haben kürzlich einen Comic namens Marijuanaman veröffentlicht. Erklären Sie doch mal kurz, worum es darin geht.
Marijuanaman kommt von einem Planeten, auf dem es eine große Umweltkatastrophe gegeben hat. Er reist durchs Weltall, um nach einer Lösung zu suchen. Er landet auf der Erde, mitten in einem Marijuanafeld, und stellt dabei fest, dass er sehr stark auf diese Pflanze reagiert. Er wird von einer Gruppe von Umweltschützern aufgenommen, die viele Dinge aus Hanf herstellen – Kleider, Lebensmittel, Biotreibstoff, Baustoffe. Diese Gruppe befindet sich im Kampf mit einem Pharmakonzern, der die ganzen Marihuanapflanzen ausrotten und dann eine synthetische Version produzieren möchte, um sie den Leuten teuer zurück zu verkaufen. Der Trick ist nun: Wenn Marijuanaman den Marihuanarauch inhaliert, wird er zu einem Superhelden. So kämpft er zusammen mit den Umweltschützern gegen den bösen Pharmakonzern. Das ist der Rahmen der Geschichte.

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn mehr Leute Marihuana rauchen würden?
Das würde nicht reichen, um die Welt besser zu machen. Aber wenn wir die Hanfpflanze für die vielen anderen Dinge nutzen würden, für die man sie nutzen kann, auch in der Industrie, wäre das sehr positiv für unseren Planeten. Es ist eine Schande, dass diese Pflanze von unserer Gesellschaft immer noch dämonisiert und kriminalisiert wird.

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