Ich schwimme, also bin ich

Sport und Dicksein, das passt in den Augen vieler Menschen nur dann zusammen, wenn es ums Abnehmen geht. Unsere Kolumnistin ist dieses Denken leid. Sie will schwimmen oder radeln können, ohne abschätzige Blicke dafür zu bekommen.

Foto: Nikita Teryoshin

Wasser ist die große Liebe meines Lebens. Seit ich als Dreijährige Schwimmen gelernt habe, ist es mein Element. Als Kind bin ich erst aus dem Becken geklettert, wenn die Lippen schon dunkelblau angelaufen waren, und auch dann nur widerwillig. Heute weiß ich, meine Wasserliebe beruht auf Physik: Fett hat eine geringere Dichte als Wasser – das sorgt für Auftrieb. Im Wasser bin ich ein Federchen und damit ziemlich nah am Traum vom Fliegen. Und noch etwas ist schön: Im Alltag ist mein dicker Körper ständig unter Beschuss, gleitet er jedoch ins Wasser, fühlt sich das wie eine bedingungslose, liebevolle Umarmung an.

Deshalb liebe ich es, zu schwimmen. Lust ist meine Motivation, nicht Leistung. Oder Gewichtsverlust. Das scheint für viele ein absurder Gedanke zu sein. Wenn dicke Menschen Sport machen, dann doch, um abzunehmen – und nicht, um Spaß zu haben. Fragen Sie mal Kinder, warum die auf Bäume klettern: Weil sie Lust drauf haben. So geht es mir auch, ich schwimme nicht, um schlank zu werden.

Allerdings ist das erst heute wieder so; die Freude an Bewegung war mir in der Schule zwischenzeitlich ziemlich vergangen. Denn es gab lange überhaupt kein Angebot für mich. Schulsport war gleichbedeutend mit Mannschaftssport oder Leichtathletik, und Leichtathletik umfasste damals vor allem Laufen und Springen und nicht die Kraftdisziplinen wie Kugelstoßen. Da hätte ich alle Chancen gehabt, denn durch meine Begeisterung fürs Schwimmen steckte viel Kraft in meinen Armen. So blieb mir nur der panische Blick des Sportlehrers, als ich darauf bestand, den 800-Meter-Lauf wie alle anderen zu Ende zu laufen - nur eben in meinem Tempo.

Bis zur Oberstufe war Schulsport für mich eine lästige Pflichtveranstaltung, wozu die nicht vorhandene Auswahl an Sportbekleidung für meine Konfektionsgröße ihren Teil beitrug. Weil ich keine Funktionskleidung fand, musste ich im Sportunterricht das schwarze Baumwoll-T-Shirt mit dem Schriftzug »Dirty Dancing« quer über der Brust tragen – ein Modevergehen meiner Mutter, mitgebracht aus irgendeinem Kanaren-Urlaub. Natürlich hatten die Buchstaben einen Neon-Verlauf durchs ganze Farbspektrum, es waren schließlich die Achtziger. Das sicherte mir in puncto Mobbing einen der vorderen Plätze.

Erst vor dem Abi wurde es besser, denn bei den Sportarten konnten wir nun frei wählen. Rudern war perfekt. Durch meinen Bauch waren keine raumgreifenden, langen Ruderzüge möglich. Damit passte ich rhythmisch nicht in ein Vierer-Team und hatte von Anfang an ein geklinkertes Ruderboot für mich alleine. Mit einer Kombination aus Kraft und höherer Schlagzahl konnte ich an meinen Schulkameradinnen vorbeiziehen, die noch nach einem gemeinsamen Rhythmus suchten. Endlich die eigenen Stärken fühlen und einsetzen zu können, tat unbeschreiblich gut!

Ohne ein passendes Angebot ist Schulsport der Einstieg in den Ausstieg vom Sport für dicke Kinder

Dieses späte Erfolgserlebnis war ein Privileg. Ohne den Wechsel in die Oberstufe hätte ich die Möglichkeit hierfür nicht gehabt und die Schule mit dem Eindruck verlassen:  Sport und der dicker Körper? Passen einfach nicht zusammen. Entweder, oder. Vielleicht hätte ich sogar das Vorurteil geglaubt, dass dicke Menschen per se unsportlich sind. So wurde mir klar: Ohne ein passendes Angebot ist Schulsport der Einstieg in den Ausstieg vom Sport für dicke Kinder.

Die Politik hat die Aufgabe, hier gegenzusteuern, doch dieses »entweder, oder« findet sich auch dort. Vor etwa zehn Jahren legte die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan unter dem Titel »Fit statt fett« für Kinder und Jugendliche auf. Fit STATT fett. Soll heißen: »Wer fett ist, kann gar nicht fit sein.« Wie sehr dieses Denken in den Köpfen verankert ist, habe ich an anderer Stelle schmerzhaft erfahren müssen. Ich habe keinen Führerschein, daher bin ich öfter auf meinem kleinen Faltrad unterwegs, ein Hightech-Wunder mit Ballonreifen, auf dem ich in der Stadt von A nach B radle. Als »Kompaktklasse« auf einer Kompaktklasse werde ich dabei gelegentlich unterschätzt. »Fett kommt nicht vom Fleck«, dachte sich offenbar auch der BMW-Fahrer, der mich neulich links überholte, um dann vor mir in eine Einfahrt abzubiegen. Die breite Schramme in Rallystreifenlänge, die mein Drahtkorb in seiner Seitentür hinterließ, dürfte ihn zum Nachdenken angeregt haben.

Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin keine Sportskanone, ich renne nicht 42 Kilometer weit oder auf Berge rauf, ich spiele nicht zwei Stunden Squash nach Feierabend, um mich »richtig auszupowern«. Und in der kalten Jahreszeit würde ich einen gepflegten Winterschlaf jederzeit einem Ausflug ins Schwimmbad vorziehen. Aber wenn ich gerade Lust darauf habe, mich zu bewegen, will ich das unkommentiert tun können, also ohne Kopfschütteln oder abschätzige Blicke zu bekommen. Letztere können Menschen mit dickem Körper übrigens vermehrt an einem Ort erleben, an den sie viele Mitmenschen gern zwangsweise zur Abnehmkur schicken würden: im Fitnessstudio. Ich habe eine gute Freundin, auch sie ist dick, die telefonisch bei einem Studio um einen Beratungstermin und ein Probetraining bat. Sie könne sehr gerne vorbeikommen, flötete die Stimme am anderen Ende der Leitung. Als sie dann persönlich vor dem Empfangstresen stand, hieß es plötzlich, dass derzeit keine neuen Mitglieder aufgenommen werden.

Ich habe schon öfter von ähnlichen Fällen gehört und nenne das Phänomen inzwischen »Beweg deinen fetten Arsch, aber zeig ihn mir nicht«. Das beschreibt gut die doppelte Erwartungshaltung, der dicke Menschen gegenüberstehen. Sie sollen Sport machen, um ästhetisch gefällig zu werden. Sich aber erst zeigen, wenn sie es sind.

Protokoll: Sara Peschke

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