Wie ein Käsekuchen in der Glasvitrine

»Dich findet eh keiner attraktiv«: Viele dicke Menschen haben dieses Mantra derart verinnerlicht, dass sie Annäherungsversuche oft gar nicht erkennen. Doch wo lernen sie am besten potentielle Partner kennen? In klassischen Datingportalen eher nicht, meint unsere Kolumnistin. Sie hat eine andere Strategie. 

Datingportale fühlen sich für Natalie Rosenke an, als würde sie durch eine Glasscheibe angeglotzt.

Foto: Nikita Teryoshin

Benutzen Sie eine Dating-App wie Tinder? Dann kennen Sie diese Bewegungen: Gefällt mir - Wisch nach rechts, gefällt mir nicht - Wisch nach links. Die Entscheidung für oder gegen einen Menschen fällt oft in wenigen Sekunden, ausgelöst durch einen kurzen Blick auf ein Foto. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie würden auf so einem Foto eine dicke Person wie mich sehen. Wie würden Sie entscheiden?

Wobei, von einer bewussten Entscheidung lässt sich da kaum sprechen. Das, was uns dazu bewegt, innerhalb einer halben Sekunde mit dem Daumen nach rechts oder links zu wischen, ist vielmehr ein Reflex. Und bei reflexartigen Handlungen greifen wir automatisch auf das zurück, was wir von klein auf erlernt haben. Im Fall von Attraktivität ist dieses Erlernte das uns kulturell vermittelte Schönheitsideal; für Frauen hätten wir da eine kleine Nase, wenige Falten, große Augen, volle Lippen, dichtes Haar und - nicht zu vergessen - den schlanken Körper. Unsere antrainierte Attraktivitäts-Checkliste greift bei den Dating-App-Bildern sofort, natürlich in Kombination mit ein paar eigenen Vorlieben. Es geht dabei um Effizienz, um schnellstmögliches Filtern, denn die Auswahl ist groß. (Über meine eigenen Erfahrungen mit dieser Attraktivitätscheckliste habe ich vor einigen Wochen hier schon einmal geschrieben.)

Trotzdem habe auch ich Dating-Plattformen getestet, aber ich fühlte mich dort schnell wie ein Stück Käsekuchen in der Glasvitrine, das allein nach seiner Verzehrbarkeit bewertet wird. Und das gleichzeitig selbst nach den leckersten Stücken Ausschau halten soll. Dieses Gefühl fand ich so gruselig, dass ich mich nach kürzester Zeit wieder abgemeldet habe. Außerdem: Wie soll ich durch bloßes Ansehen  wissen, ob die Sahne in der Schwarzwälder Kirschtorte nicht butterig ist? Oder ob der Schokokuchen wirklich so saftig schmeckt, wie er aussieht? Das kann ich doch nur einschätzen, wenn ich mehr über den Backprozess und die Zutaten weiß. Heißt übersetzt: Wenn ich einen Menschen kennenlerne, interessiert mich zuallererst, was in ihm steckt, was ihm durch den Kopf geht. Und das steht niemandem auf die Stirn geschrieben. Das gilt im Übrigen auch für Seiten wie OkCupid, bei denen es mehr um Individualität geht, was ich ja prinzipiell sehr begrüße. Aber ich kann mich einfach generell nicht mit dieser Art der Selbstvermarktung anfreunden.

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Früher kam ich online mehr auf meine Kosten, wenn ich neue Leute kennenlernen wollte. Damals gab es Tinder, Parship & Co. noch nicht. Foren waren so etwas wie die große digitale Sofalandschaft, bei der alle für einen entspannten Plausch vorbeischauten. Dort konnte ich seitenlange Unterhaltungen verfolgen, und sobald ich merkte, dass mir gefiel, was jemand schrieb, las ich nach, wozu er oder sie sich sonst noch so Gedanken machte. Bevor ich auch nur eine Ahnung davon hatte, wie eine Person aussah, wusste ich so oft schon, was ihr Lieblingszitat war, wie sie sich politisch positionierte, worüber sie lachte. Kamen wir daraufhin ins Gespräch und merkten, dass wir uns verstanden, wurde daraus manchmal ein Treffen im realen Leben. So habe ich zum Beispiel meinen ersten Partner kennengelernt.

Als dicker Mensch lernst du sehr früh, dass du für den Datingmarkt uninteressant bist - weil du nicht der allgemeinen Auffassung von attraktiv entsprichst.

Ich weiß von vielen Paaren, bei denen zumindest eine oder einer dick ist, dass sie sich auf diese Weise gefunden haben. Und umgekehrt kenne ich viele dicke Menschen, denen es - wie mir - auf der Straße oder bei den eigenen Aktivitäten schwerfällt, einen potentiellen Partner kennenzulernen. Das hat einen einfachen Grund: Uns allen wird früh vermittelt, dass Schönheit die Basis für ein erstes Interesse ist - und der dicke Körper nicht schön. So als steckte in Schönheit eine Qualifikation oder Notwendigkeit. Dieser Gedanke lässt sich mit ein wenig Feminismus im Geiste abschütteln, aber das verinnerlichte Gefühl von Wertlosigkeit, das ist etwas anderes. Es hinterlässt oft eine gewisse Skepsis, wenn sich jemand mit eindeutigen Absichten nähert. In besagten Foren schrieben vor allem Männer, dass sie sich im realen Leben von dicken Frauen oft erstmal eine Abfuhr abholen - weil diese einfach nicht glauben können, dass die Avancen ehrlich gemeint sind. 

In der Schulzeit war ich eine von ihnen. Als Mitglied der Theatergruppe arbeitete ich gerade an den Kulissen für die nächste Aufführung, als Jan plötzlich an meiner Seite auftauchte und mir seine Hilfe anbot. Wir kannten uns flüchtig aus der Redaktion der Schülerzeitung. Hämmernd und scherzend verbrachten wir die Zeit bis zum späten Nachmittag. Als ich die Werkzeuge einpackte, schaute Jan auf einmal durchs Pappfenster von Fausts Studierstube und streckte mir die Hand entgegen: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ Gretchen war zwar nicht meine Rolle im Stück, aber ich kannte ihren Text. Prompt entgegnete ich: »Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.« Ich gab Jan einen Korb - und merkte es noch nicht mal. Der Gedanke, dass jemand mir gegenüber romantische Absichten haben könnte, lag damals einfach außerhalb meiner Vorstellungswelt.

Es hat Jahre gedauert, ehe mir aufging, dass Jan mit mir geflirtet hat. Heute liegt meine zeitliche Verzögerung bei etwa zwei Stunden, was die Zahl der verpassten Gelegenheiten nicht wesentlich gesenkt hat. Doch das sehe ich gelassen. Da ich mit meiner Arbeit verheiratet bin, suche ich nicht - was das Finden ja nicht ausschließt. Die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick wird es bei mir wohl nicht sein. An der bin ich zu wenig interessiert. Woran ich aber glaube, ist die Liebe auf den ersten Satz. Denn die habe ich tatsächlich schon erlebt.

Protokoll: Sara Peschke

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