Ich hätte auch gern mehr Platz

Viele Verkehrsmittel sind nicht für dicke Menschen gemacht. Um unfreiwillige Nahkämpfe mit den Sitznachbarn zu vermeiden, hat sich unsere Kolumnistin spezielle Tricks angeeignet. Aber manchmal helfen selbst die nicht.

Foto: Nikita Teryoshin

Als Mensch mit dickem Körper ist die Überwindung längerer Distanzen eine Herausforderung. Damit meine ich jetzt keine Marathonläufe oder eine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike, sondern die Art von Fortbewegung, über die sich schlanke Menschen wenige Gedanken machen müssen: das Reisen mit Verkehrsmitteln wie Bus oder Flugzeug. Bei größerem Körperumfang bringt das Hürden logistischer und emotionaler Natur mit sich, denn weder Busse noch Flugzeuge sind für den dicke Körper gemacht. Und die Nerven mancher Mitreisender gelegentlich auch nicht.

Ich weiß: Reisen ist für die meisten Menschen mit Stress verbunden, wer ist schon gerne über Stunden wie Legehennen auf engstem Raum eingepfercht? Genau deshalb reise ich bevorzugt zu Zeiten, zu denen viele andere noch oder schon im Bett liegen. Das bedeutet zwei Sitzplätze für mich und keine angsterfüllten Blicke der Mitreisenden in meine Richtung, weil sie befürchten, dass ich mich neben sie setzen könnte. Oder einen Hechtsprung ans Fenster, wenn ich den Gang durchquere, unsere Körper könnten sich ja sonst berühren.

Manchmal bleibt mir allerdings keine Wahl. Wie auf dieser Flixbus-Fahrt von Frankfurt nach Berlin vor ein paar Jahren. Ich hatte mich auf einer Konferenz festgequatscht und war viel zu spät zum Busbahnhof aufgebrochen. Schon von weitem sah ich, dass der Bus proppenvoll war – sodass meine wichtigste Busreise-Regel nicht greifen würde: als eine der Ersten einsteigen für freie Sitzplatzwahl. Denn wer sich dann selbst für den Platz an meiner Seite entscheidet, hat offensichtlich kein Problem mit meinem Körper.

In einem vollen Bus scheidet diese Möglichkeit aus, also habe ich mir angewöhnt, die verfügbaren Plätze nach einem Dreipunkte-System zu scannen:

1. Sitzt irgendwo eine andere dicke Person? Wenn ja: daneben setzen. Wir wissen ja beide, was es bedeutet, dick zu reisen. Das verbindet.

2. Erwidert irgendjemand mein Lächeln? Wenn ja: daneben setzen. Sympathie ist  eine wichtige Basis für unfreiwilliges Kuscheln.

3. Lässt sich das Problem Platzmangel aushebeln? Heißt: Gibt es eine Person, die so schlank ist, dass wir uns räumlich nicht in die Quere kommen? Wenn ja: daneben setzen.

In besagtem Flixbus blieb mir nur Punkt 3. Die schlankste Person mit freiem Nebenplatz war eine elegante Dame Anfang 50, die einer Person vor dem Fenster aufgeregt und voller Zuneigung winkte. Super, da ist Empathie im Spiel, dachte ich, und glitt in den Sitz neben ihr. Wie immer rutschte ich dabei mit meinem Körper so weit wie möglich in Richtung Gang: lieber die Armlehne etwas im Hüftspeck als unerwünschter Körperkontakt. Es passte; wir passten. Dachte ich. Sie bemerkte mich erst, als der Bus anfuhr – und noch nie habe ich ein Gesicht so schnell die Farbe verlieren sehen. Sie bemühte sich, durch mich hindurch zu blicken, zerrte aus ihrer schicken Lederhandtasche hastig die größte Zeitung heraus und verschanzte sich dahinter.

Hätte sie drei Wünsche frei gehabt, mein Verschwinden wäre der erste gewesen. Das zeigte sie mir deutlich, indem sie mir bei jedem Umblättern in den Oberarm boxte. Statt einer Entschuldigung folgte der Attacke stets ein genervtes Stöhnen, ein Empörungsrascheln mit der Zeitung und ein abschätziger, mich von oben bis unten musternder Seitenblick. Um blauen Flecken vorzubeugen, klappte ich die Armlehne hoch und rutschte weiter in den Gang. Sie hatte nun anderthalb Sitzplätze für sich, trotzdem reichte die Distanz nicht aus, um eine Deckung aufzubauen, auch der nächste Schlag saß. Und dann wieder: dieser Blick.

Im Kopf ging ich meine Fluchtoptionen durch. Klo? Platzangst in Kombination mit chemischen Kampfstoffen: eher eine dürftige Verbesserung der Situation. Gang? Zu viel Durchgangsverkehr und außerdem ein Fluchtweg. Ich sah mich um und entdeckte ein paar Reihen vor mir eine junge Frau, die entspannt im Sitz lümmelte und auf ihrem Laptop einen Film schaute. Verdammt, genau so hatte ich mir diese Reise auch vorgestellt! In dem Moment bog der Busfahrer für eine frühe Pause auf einen Autobahnparkplatz ab. Meine Rettung. Beim Aussteigen schilderte ich der Laptop-Frau meine Situation und fragte sie, ob ich mich zu ihr setzen darf.

Ich durfte. Aus dem Boxkampf mit meiner Ex-Sitznachbarin wollte ich allerdings nicht ausscheiden, ohne wenigstens einen Gegentreffer gelandet zu haben. Sie hatte mich behandelt, als wäre ich die Fat Lady in einer Zirkus-Freakshow, wie sie früher umhertingelten - kein Mensch, sondern etwas zur Schau gestelltes, das begafft werden darf. Das sollte sie wissen. Ich brachte meine Gedanken zu Papier und legte den Zettel beim Einsteigen auf ihren Platz. Danach machte ich es mir neben meiner neuen Sitznachbarin gemütlich.

Ohne es zu ahnen, sorgte diese dafür, dass die Reise für mich doch noch mit einem kleinen Sieg ausging – indem sie mir einen Schokoriegel anbot. Er war ein klares Zeichen dafür, dass sie mich nicht nur an ihrer Seite tolerierte, sie hieß mich ausdrücklich willkommen. Als ich genüsslich in die Schokolade biss, vernahm ich schräg hinter mir ein letztes Mal ein leises Stöhnen und das empörte Rascheln einer Zeitung.. Nie zuvor und nie wieder danach war der Biss in ein Stück Schokolade für mich ein derart politisches Statement.

Protokoll: Sara Peschke

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