Raus aus den Säcken

Lange Zeit wurde unsere Kolumnistin in dunklen, weiten Klamotten versteckt. Bis sie als Jugendliche genug davon hatte. Kaschieren? Nein, danke. Sie wählte Kleidung, mit der sie auffiel - und war auf einmal als dicker Mensch sichtbar.

Foto: Nikita Teryoshin

Hexen können wie Bibi Blocksberg, schlau sein wie Justus Jonas von den Drei Fragezeichen oder doch lieber fliegen? Die Wunsch-Auswahl an besonderen Fähigkeiten war groß, als ich klein war. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Musste ich auch nicht. Denn bald nachdem ich eingeschult worden war, entschied meine Mutter für mich: Unsichtbarkeit sollte mein Superkraft sein. Sie ließ mich in überweiten dunklen Oberteilen komplett verschwinden - damit mein runder Bauch zu einem Geheimnis zwischen ihr und mir wurde.

Dieser Unsichtbar-Look machte mich im wahrsten Sinne des Wortes liebenswert. Ein erstes Gefühl dafür bekam ich als junges Mädchen auf Familienfesten. War mein Körper erfolgreich versteckt, bekam ich Komplimente, wie hübsch ich heute aussehen würde. Viele kamen auf mich zu, um mit mir zu plaudern. Trat ich dagegen in den Klamotten auf, die mir selbst am besten gefielen, fühlte ich mich oft im vollen Raum allein. Manche Verwandte gingen mir regelrecht aus dem Weg. Ein Schamgefühl lag in der Luft, aber wer sich für wen schämte oder wer sich schämen sollte, traute sich niemand auszusprechen. Klar war für mich nur: Wollte ich von allen akzeptiert sein, musste ich meinen Körper verstecken.

So fügte ich mich lange Zeit den Stylingwünschen meiner Mutter, die diese am liebsten in der Adler-Modewelt in Erfüllung gehen ließ. Ja, genau: Adler-Moden. Damals die Kompetenz schlechthin für feine Blusen, die in keinem Loriot-Sketch fehlen durften, florale Muster aus der Mottenkiste und putzige Tierchen auf T-Shirts. Es war die Hölle in Pastelltönen zu einer Zeit, in der ich Guns n’ Roses und Die Ärzte hörte und den Punkrock-Stil abgemischt mit knalligen Farben als Klamotte wollte. Doch wie sollte das gehen? In den Geschäften für die Szene war meine Konfektionsgröße nicht zu haben, bei Adler-Moden gab es nichts, was für den Look taugte, und das World Wide Web war noch ein so zartes Pflänzlein, dass Online-Shopping keine Option war.

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Heute ist der Kleidungskauf für dicke Menschen nur wenig befriedigender, denn in den Kaufhäusern ist die Auswahl jenseits von Konfektionsgröße 48 sehr dürftig und in vielen Modegeschäften praktisch nicht vorhanden. Im Gegensatz zu damals gibt es jetzt zwar Fachgeschäfte für »Große Größen«, allerdings habe ich dort erst letztens wieder ein schwarzes Longshirt mit einem Pudel drauf erspäht, zebragemustert und mit rosa Schleifchen. Adler-Moden lässt grüßen. Einen eigenen Stil kreieren oder Bummeln mit Freunden ist so nicht wirklich möglich. Im Online-Handel sieht es auf den ersten Blick besser aus, meist bleiben von einer 500-EUR-Bestellung allerdings nur ein, zwei Oberteile zurück. Groß allein ist einfach kein Schnittkonzept und mit meiner »Vovihiwe«-Verteilung - vorne viel, hinten wenig - bringt mir die Rückkehr des »Vokuhila« - vorne kurz, hinten lang - in der Modewelt so richtig gar nichts. Da hängt mir das Oberteil hinten wie eine Gardine über dem Po, während ich vorne bauchfrei bin.

Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mich nicht nur fühlen - ich konnte mich im Spiegel wirklich sehen.

Das ist durchaus ein Problem. Passende Klamotten tragen erstens dazu bei, sich wohlzufühlen, und zweitens kann Kleidung ein Mittel sein, um Zugehörigkeit oder Abgrenzung auszudrücken (Punkrock!). Sie kann helfen, eine Identität zu entwickeln, vor allem, wenn man jung ist.

Deshalb entschied ich mich als Jugendliche irgendwann, mit den gelernten Regeln zu brechen: mit dem Wunsch meiner Mutter, dass ich unsichtbar sein sollte, und dem Gedanken, dass meine Klamotten in dem Teil des Geschäfts hängen müssten, der sich »Damenabteilung« nennt. Ich weitete meinen Suchradius auf Fachgeschäfte für Berufsbekleidung und Flohmärkte aus. Am Ende meiner Suche trug ich eine schwarze Cordlatzhose voll bunter Pins in Kombination mit einem blau-gelb-rot-quergestreiften Shirt und einer Ballonmütze, unter der mein damals orangefarbener Pony hervorlugte. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mich nicht nur fühlen - ich konnte mich im Spiegel wirklich sehen.

Es war ein wichtiger Schritt auf meinem Weg zum »Coming-Out as fat«. Also dem Punkt in meinem Leben, an dem ich erkannte, dass Dicksein ein Teil von mir ist, eine Identität, und damit nichts, wovon ich mich lösen kann oder will. Wenn ich nun über den Schulflur lief, konnte man mich nicht mehr übersehen. Und um auch die Letzten über meine Existenz zu informieren, befestigte ich im Herbst an meinem Kurzmantel kleine Glöckchen, die bei jedem meiner Schritte wild bimmelten. Jetzt war ich voll da.

Mein Entschluss sichtbar zu werden, änderte vieles in meinem Leben. Auf einmal wurde ich wahr- und ernstgenommen. In der Schultheatergruppe bekam ich mit Käpt’n Haken eine Hauptrolle in Peter Pan. An der Seite meines besten Freundes wurde ich Gründungsmitglied einer Acapella-Gruppe. Nichts schien mehr unmöglich. Ich zog mich nicht mehr an, sondern ich verkleidete mich fürs Leben. Weil ich erlebte, welche Wirkung ich so auf andere Menschen hatte. Für jede Situation hatte ich bald eine passende Garderobe parat.

Solche »Alltagskostüme« zu entwerfen und anzufertigen war viel einfacher, als krampfhaft nach den Klamotten für einen eigenen Stil zu suchen. Es war wohl das Ergebnis dieses neuen Selbsterlebens, weshalb ich mich nach dem Abitur für ein Modedesignstudium entschied. Schon nach zwei Semestern war mir klar: Meine Liebe galt nicht der Kleidung oder den Kostümen selbst, sie galt dem, was ich durch meine Sichtbarkeit erreichen konnte. Menschen sahen nicht länger nur mein Dicksein, was die weiten, dunklen Oberteile im Übrigen nicht erfolgreich hatten verstecken können. Durch meine Kreativität - ob Schauspiel, Kunst oder Gesang - öffneten sie sich für mich. So konnte ich nicht nur aus der Schublade schlüpfen, in die sie mich gesteckt hatten. Ich konnte etwas in ihnen bewegen.

Protokoll: Sara Peschke

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