Schokolade soll böse sein?

Unsere Kolumnistin hat mehrere Abnehmprogramme mitgemacht - doch immer waren die Kilos nach einiger Zeit wieder da. Sie findet: Diäten bringen vor allem Körperhass und ein gestörtes Essverhalten.

Foto: Nikita Teryoshin

Ob in Restaurant oder Café, kaum rücke ich die Gabel in die Nähe eines Stücks Kuchen, habe ich schon fragende Blicke à la »Echt jetzt?« als Beilage auf meinem Teller. Eine Diät ist dabei keine Möglichkeit, für die ich mich frei entscheiden kann - sie ist eine Erwartung an mich. Wenn ich diese Erwartung erfülle, also signalisiere, dass ich auf Diät sein könnte, weil ich mir den Kuchen verkneife, ist mein dicker Körper für die meisten Menschen okay. Zumindest vorübergehend und unter Vorbehalt. Das allgemeingültige Ziel muss es schließlich sein, irgendwann richtig schlank zu werden.

Darauf sind die meisten Menschen konditioniert, in ihrem Kopf gibt es nur diese eine Rechnung: Diät = schlank = gut. Das ist kein Wunder, denn wir alle werden in die Diät-Kultur hineingeboren. Es ist deshalb nur logisch, dass auch ich ein paar Runden auf dem Diät-Karussell gedreht habe. Gestartet bin ich als knapp fünfjähriges Mädchen, weil mein dicker Bauch meiner Mutter Sorgen bereitete. Sie sah die Lösung in einem Programm, das sich »Gewichtswächter« nannte. Ich erfüllte ihr den Wunsch - wer will schon Sorge statt Sonnenschein der Mama sein? - und machte mit.

Die »Gewichtswächter« wachten in einem Krankenhaus über mein Gewicht. Ich wurde gewogen und vermessen. Von da an wurden die Kalorien-Tabellen bei uns zuhause behandelt wie die Heilige Schrift. 800 Kalorien durfte ich zu mir nehmen, etwa so viel wie ein einjähriges Kind. 800 Kalorien, das war nichts gemessen daran, was bei uns üblicherweise auf den Tisch kam: Butterbrot zum Frühstück, Fleisch mit Kartoffeln, Gemüse und Sauce zum Mittagessen, und am Abend noch mal Butterbrot. Obst oder eine Nascherei gab es als Snack zwischendurch. Vieles davon existierte für mich plötzlich nicht mehr. Nun standen geriebene Äpfel und Möhren auf meinem Speiseplan, die Salatgurken vermehrten sich bei uns Zuhause, als würden sie sich nachts heimlich teilen. Und während alle weiterhin ihr deftiges Mittagessen genossen, bekam ich einen Teller mit Spinat, Kartoffeln und etwas Rührei hingestellt. Es ging kaum mehr darum, was ich wollte oder was mir schmeckte. Essen wurde zu einem Instrument, um mich schlank zu machen.

Je älter ich wurde, desto komplexer wurden die Abnehm-Programme, die zur Auswahl standen.

Unter den Lebensmitteln gab es plötzlich Schurken, wie ich sie aus meinen Hörspielen kannte. Sie waren böse, weil sie viele Kalorien hatten. Niemals hätte ich etwas so Wunderbares wie Schokolade auf der Schurkenseite vermutet. Leber vielleicht, die schmeckte mir nicht. Gut waren Lebensmittel nur dann, wenn sie wenige Kalorien hatten. Die galten dann gleichzeitig als gesund – was ich persönlich nicht nur bei Süßstoff stark in Frage stellen würde.

Je älter ich wurde, desto komplexer wurden die Abnehm-Programme, die zur Auswahl standen. Noch ein zweites habe ich um des Familienfriedens willen lange mitgemacht: Essen nach Punktesystem mit den »Weight Watchers«. Dort war ich die einzige in meiner Altersklasse und das, was in den Gesprächsrunden thematisiert wurde, war so weit von meiner eigenen Lebens- und Gedankenwelt entfernt wie Nimmerland von Berlin. Wöchentlich mussten wir dort unsere Körper wie ein Werkstück vorlegen, das es zu prüfen galt. Hatte ich erfolgreich an mir gearbeitet? Darüber sollte die Waage entscheiden. Manchen kam diese distanzierte Sicht auf den eigenen Körper entgegen. Er war ein Fremdkörper für sie, mit dem sie nichts zu tun haben wollten. Ich hingegen fühlte mich entzweit. Die Euphorie, die sich im Raum verbreitete, wenn jemand ein paar Kilo abgenommen hatte, konnte ich nicht richtig teilen, dafür krochen mir die Schuld und die Scham unter die Haut, die viele mit einem Gewichtsanstieg verbanden. »Du weißt doch, wie es geht!« Das ist nicht nur der Vorwurf der inneren Stimme, wenn das Gewicht steigt, es ist auch der Vorwurf von außen. Es wird dann nicht die Diät in Frage gestellt, sondern der Wille der Person, sie durchzuziehen.

Ich war ungefähr 17 Jahre alt, als ich aus diesem »Diet-Cycling«, also dem ständigen Ab und Auf von Gewicht (über die Spannbreite meines Gewichts habe ich an anderer Stelle schon mal geschrieben) ausstieg. Essen nach Kaloriengehalt, Abnahme als Lebensziel und wenn durch die Feiertage ein paar Pfunde drauf gekommen waren, vielleicht sogar eine Crash-Diät mit Kohlsuppe oder Instantshakes statt Mittagessen? Ich begriff, dass das zu meinem Leben nicht passte. Aber mal ehrlich: Zu welchem Leben passt das schon? Sollte ich heute ein Statement dazu abgeben, was Diäten bringen, wäre meine Antwort: Körperhass, ein gestörtes Essverhalten und mehr Gewicht.

Inzwischen höre ich auf meinen Bauch. Und manchmal will er eben Schokolade oder eine Pizza Mista. Mein Körper und ich sind jetzt 41 Jahre gute Freunde. Mittlerweile weiß ich, ob ich einfach Lust auf Pizza habe, oder ob ich sie gerade aus anderen Gründen brauche. Das ist übrigens nichts, was irgendwie an ein hohes Gewicht gekoppelt wäre. Manchmal brauchen wir alle was für Herz und Magen. Falls was im Argen liegt, kann ich danach an der Ursache schrauben. Mir etwas zu verbieten, wäre nur zusätzlicher Stress – und der hat noch kein Problem gelöst.

In den vergangenen zehn Jahren haben mich durch diese unaufgeregte Art einige Kilos dauerhaft verlassen. War ihnen vielleicht zu langweilig. Aber über das Jahr gesehen bleibe ich die Frau im Mond: in der kalten Jahreszeit im zunehmenden Mond, in der warmen Jahreszeit im abnehmenden Mond. Ohne Diät, ohne Schuld und Scham, ohne Euphorie, einfach so.

Protokoll: Sara Peschke

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