Die längste Nacht meines Lebens

Unser Autor sieht so gut wie nichts. Das war nicht immer so, bis zu seinem 18. Lebensjahr konnte er wie jeder andere Teenager leben. In der ersten Folge seiner Kolumne »Von hier an blind« erzählt er von dem Moment, nach dem es für ihn nie wieder ganz hell wurde. 

Foto: Evelyn Dragan

Ich bin 38 Jahre alt und blind. Also fast, auf dem linken Auge sehe ich von Geburt an nichts, auf dem rechten ein Prozent. Das ist wenig, aber es ist etwas. Eine Art Spähschlitz, den Sie sich vorstellen können, als würden Sie ein Auge zukneifen und mit dem anderen durch einen dünnen, sehr trüben Strohhalm schauen, der nach unten abgeknickt ist. Ich bin unheimlich dankbar für diese winzige visuelle Verbindung zu meiner Umwelt, denn sie hilft mir, die Eindrücke vom Leben zu bewahren, die ich bis zu meinem 18. Lebensjahr gesammelt habe. Bis dahin sah ich auf dem rechten Auge noch vier Prozent, und auch wenn sich das für Sie nach kaum einem Unterschied anhören mag – für mich bedeuteten diese vier Prozent die Welt.

Denn bis zur längsten Nacht meines Lebens (so nenne ich diesen Moment vor nun 20 Jahren, als ich mein Sehvermögen fast vollständig verlor) fühlte ich mich nicht wie ein Blinder. Sondern einfach wie ein Teenager. Ich traf Freunde, ging auf Partys, lernte fürs Abi und begann, politisch aktiv zu werden. Berlin war für ein paar ähnlich denkende Bekannte und mich ein Sehnsuchtsort, und irgendwann fuhren wir zu einer Demo und einem Treffen alternativer Ökonomen in die Hauptstadt.

Auf der Rückfahrt in den Südwesten – wird lebten in der Nähe von Wiesbaden – war etwas anders. Ich erinnere mich gut daran, wie der vollbesetzte Neunsitzer im Dunkel der Nacht durch die Tiefebene Brandenburgs fuhr, im Auto wurde geraucht und diskutiert, alle waren aufgekratzt nach den Erlebnissen der vergangenen Tage. Nur ich fühlte mich merkwürdig betäubt, ohne genau sagen zu können, was los war mit mir. Ich erkannte draußen vor den Fenstern nichts. Gar nichts. Zumindest die Rücklichter anderer Autos hätte ich verzerrt sehen müssen, wie sonst auch. Doch vor meinen Augen flimmerte es nur diffus, nicht einmal Schatten nahm ich mehr wahr. Nur das Rauschen der Autobahn. Ich schwieg, und die Schwere der Dunkelheit presste mich in den Rücksitz.

War ich zu müde? Immerhin war es halb vier Uhr nachts und wir hatten in Berlin wenig geschlafen. Aber das war es nicht. Hatte ich in den vergangenen Tagen schon irgendwo ganz tief unten eine Art Unruhe und Zweifel gespürt, kroch mir jetzt ein lähmender Druck in die Brust. Eigentlich wusste ich längst, was los war. Aber ich konnte und wollte es noch nicht begreifen. Wenn ich heute an diesen Moment denke, habe ich noch immer den Geschmack von altem Zigarettenrauch im Mund. Er ist der Geschmack der Nacht, nach der es für mich nie wieder ganz hell wurde.

Als wir zuhause ankamen, strömte die eisige Januarkälte in den Bus hinein. Ich stieg aus und ging den gewohnten Weg zur Haustür. Doch ich sah den Weg nicht, meine Beine kannten ihn. Als mir das bewusst wurde, stolperte ich, ich konnte mich gerade noch am Türgriff festhalten.

In dieser Nacht war aus meiner starken Sehbehinderung Blindheit geworden. Die Netzhaut am rechten Auge hatte sich abgelöst, und nur dank mehrerer komplizierter Operationen konnte mir mein kleiner Sehrest erhalten werden. Seit meinem 25. Lebensjahr ist dieses eine Prozent stabilisiert, doch es können jederzeit weitere Probleme auftreten. Vielleicht wird es irgendwann ganz schwarz.

Für alle um mich herum sollte meine Erblindung erst einmal unsichtbar bleiben. Denn ich hatte ja Pläne: das Abitur machen und endlich raus aus der kleinen Stadt

In den Wochen nach dieser Nacht reihten sich Frust und Verlust aneinander. Mein kleines Fenster zur Welt war fast vollständig zugeworfen worden, die verlorene Selbständigkeit betäubte mich. Ich schwankte zwischen Zukunftsangst, Selbstaufgabe und Selbstleugnung, versteckte meine Zweifel aber so gut es ging – vor mir und meiner Umwelt. Für alle um mich herum sollte meine Erblindung erst einmal unsichtbar bleiben. Denn ich hatte ja Pläne: das Abitur machen und endlich raus aus der kleinen Stadt. Ich nahm mir vor, die gleichen Dinge wie zuvor zu schaffen, nur eben ohne zu sehen.

Meine Leistungskurse waren Chemie und Sport. Waren Basketbälle bis dahin immer spielerisch leichte Abipunkte gewesen, donnerten sie jetzt gegen meinen Kopf. Fünf- oder sechseckige Kohlenstoffzuckermoleküle rief ich aus der Erinnerung hervor, aber die komplexen Reaktionsketten konnte ich weder von der Tafel noch aus Büchern ersehen. Mühsam und mit einer neuen, starken Lupe schälte ich mir die Informationen aus Büchern heraus. Oft reichte mein winziger Spähschlitz nicht und ich musste mit Schwindel und Rückenschmerzen aufgeben. Das Abi habe ich trotzdem geschafft, manchmal frage ich mich, wie.

Noch einschneidender sind mir aber die Partys aus jener Zeit in Erinnerung geblieben: Konnte ich früher im Dunkel des Steinbruchs, an dem die Oberstufe immer feierte, meine Jungs noch irgendwie finden, stand ich jetzt verloren im Dunkeln zwischen all den Stimmen; Blicke, Lächeln und Flirts flossen an mir vorbei. Ich war einsam unter vielen. Ein bedrückendes und beängstigendes Gefühl.

Das Dunkel der Partys war ein Vorbote auf etliches, das mir in den kommenden Jahren noch bevorstehen sollte: Trauer, Angst, hilflose Wut. Und gleichzeitig habe ich schon damals gespürt, dass das Leben für mich trotzdem besondere Momente bereithalten würde. Momente, das weiß ich heute, die nur ich erleben darf. Weil ich die Welt seit der längsten Nacht meines Lebens anders wahrnehme. Ich rieche sie anders, ich schmecke sie anders, ich höre, fühle und sehe sie anders. Das ist manchmal lästig (Stichwort Gerüche), oft praktisch und immer wieder wunderschön. Davon möchte ich Ihnen in den kommenden Wochen berichten. Ich möchte Sie mitnehmen und Ihnen zeigen, wie man die Welt ohne funktionierende Augen wahrnimmt, wenn man sich für ihre Vielfalt öffnet. Denn Blind kann sehen.

Ich zum Beispiel sehe seit meiner Erblindung in bestimmten Momenten eine Farbe, die ich zuvor so nicht wahrgenommen habe. Ein ganz spezielles Blau, das sich vor mir grenzenlos aufspannt. Bevor die Nacht für alle anderen Menschen zum Tag wird, in diesem kurzen Augenblick des Schwebens zwischen den Welten, sehe ich diesen unendlich tiefen und ruhigen Blauton am Himmel. Der Grund dafür ist schnell erklärt: Die Kunstlinse in meinem rechten Auge lässt besonders das blaue, energiereiche Licht durch, nur so kann ich überhaupt noch etwas wahrnehmen (bei heller Sonne bin ich dagegen oft geblendet). Das macht meine blaue Stunde so intensiv.

Zum ersten Mal habe ich diesen für mich neuen Farbton wahrgenommen, als ich nach einer Party mit einem Freund durch den Wald zurücklief, meine Hand fest auf seinem Rücken. Es muss vier oder fünf Uhr gewesen sein und die Party für mich ziemlich anstrengend. Statt zu feiern war ich nur damit beschäftigt gewesen, die Orientierung nicht zu verlieren. Und plötzlich war da dieses umarmende Gefühl der blauen Dämmerung, das mich beruhigte und tröstete. Es war ein Moment, in dem ich keine Angst mehr vor der Zukunft hatte. Ich spürte den Rücken meines Freundes, der mir auf einmal Halt gab, und konnte plötzlich mit Mut nach vorne gehen. Durch den Wald – und in dieses neue Leben.

In der nächsten Woche: Warum Vertrauen in fremde Menschen in vielen Lebenssituationen mein wichtigstes Werkzeug ist.