Was ich noch sehen möchte

Wie nimmt man die Welt wahr, wenn alles stetig undeutlicher wird? Unsere Senioren-Kolumnistin wird erblinden – und hat deswegen einige Punkte auf ihrer To-Do-Liste.

Illustration: Nishant Choksi

Der Museumswärter öffnet die Tür zu der Ausstellung. Ich gehe in den dunklen Raum. Kirchenmalerei. Bestimmt interessant, aber ich bin aus einem anderen Grund hier. Also laufe ich an den florentinischen Kunstwerken vorbei, sehe all das Gold nur im Augenwinkel leuchten. Auf dem Plan sehe ich, wo die Porträts hängen. Dort sollte das Bild sein. Und dort ist es. Eine italienische Frau im Profil, auf dunkelblauem Grund. Gemalt von Antonio del Pollaiuolo. Ich gehe nah an das Bild heran und merke, dass eine Wärterin etwas nervös wird. Also bleibe ich stehen und schaue minutenlang darauf. Dann schließe ich die Augen. Es hat funktioniert, ich habe mir das Bild so gut eingeprägt, dass ich es in meinem Kopf trotzdem noch vor mir sehe. Ich bin so glücklich.

Wir hatten früher einen Druck des Porträts. Er hing jahrzehntelang in unserem Haus. Jedes Mal, wenn ich die Treppe hochlief, sah ich die Dame. Aber bei einem Umzug wurde der Druck leider zerstört. Als ich hörte, dass in der Alten Pinakothek die Werke florentinischer Maler gezeigt werden, wusste ich, dass es meine Chance sein könnte, das Bild zu sehen. Meine letzte Chance.

Ich habe eine Netzhautkrankheit, die in meinem Fall nicht mehr geheilt werden kann. Ein Loch in meiner Netzhaut, leider erblich. Mein Vater hatte es auch und war am Ende seines Lebens blind. Meine Schwester hat es auch und ist auf einem Auge blind. Ich habe das Glück, noch nicht absolut blind zu sein. Aber viel Sehkraft ist auch nicht mehr übrig. Ich kann seit Jahren nicht mehr gut sehen und, sollte ich noch sehr lange leben, ist es klar, dass ich eines Tages blind sein werde. Meine Augen werden zwar nur langsam schlechter, das ist mein großes Glück, aber dafür kontinuierlich. Schon jetzt sehe ich in der Ferne fast nichts. Und eine Brille hilft nur noch in der Nähe. Wenn ich etwas lesen möchte, muss ich aber zusätzlich noch eine Lupe benutzen.

Ich fürchte, die Sache mit meinen Augen tut meinem Ruf nicht gut. Denn wenn ich durch die Stadt laufe, kann ich die Menschen nicht grüßen. Ich erkenne ihre Gesichter nicht mehr. Die Köpfe sind beige Flecken, bis sie ein paar wenige Meter von mir entfernt sind. Nur enge Freunde erkenne ich am Gang oder an ihrer Jackenfarbe.

Ich habe gesundheitlich großes Glück, finde ich. Ich kann mich ohne Schmerzen bewegen. Nur das mit den Augen macht mir Angst. Denn wenn ich eines Tages nicht mehr sehen kann, bedeutet es auch, dass ich nicht mehr selbstständig leben kann. Dass meine Augen mich entmündigen werden. Ich habe es bei meinem Vater und meiner älteren Schwester ja erlebt.  Aber so düster der Gedanke an die Zukunft ist, so bin ich wenigstens dankbar dafür, dass ich weiß, was auf mich zukommt. Und ich mich so gut wie es eben geht auf die Situation vorbereiten kann.

Ich liebe Bücher, aber sie zu lesen, ist zu einer Qual für mich geworden. Zeile für Zeile muss ich mich mit der Lupe vorarbeiten. Also bin ich mit der Hilfe meiner Tochter auf einen E-Reader umgestiegen. Dort kann ich die Größe der Buchstaben einstellen. Momentan sind sie so groß wie meine Fingerkuppen. Außerdem habe ich mir ein iPhone gekauft und mir von meinen Enkeln Unterricht geben lassen. Jetzt weiß ich, wie ich auf WhatsApp Sprachnachrichten verschicken und abspielen kann, falls ich eines Tages die Textnachrichten nicht mehr lesen können sollte.

Wenn es einem gut geht, denkt man über die Gesundheit nicht nach. Was für ein Glück es ist, frei durch die Nase atmen zu können, wurde mir immer erst bewusst, wenn ich erkältet war. Und so geht es mir jetzt auch mit dem Sehen. Seit meine Augen immer schlechter werden, realisiere ich, was für ein riesiges Glück ich hatte, meine Welt so lange scharf zu sehen. Dass ich meine Wohnung so gut kenne und mich in ihr zurechtfinde. Dass ich die Gesichter meiner Kinder und Enkel vor meinem inneren Auge habe, dass ich weiß, wie Laub im Herbst leuchtet und wie satt das Grün einer Wiese im Sommer ist.

Während andere Menschen Pläne schmieden, was sie noch erleben möchten, geht es bei mir viel eher darum, was ich noch sehen möchte. Ich bin süchtig geworden nach Farben. Also hat mir meine Enkelin versprochen, dass wir im Frühjahr zusammen in die Niederlande fahren, sobald die Tulpen blühen. Wir werden durch die pinken, gelben und roten Felder laufen und ich werde es machen wie bei dem Kunstwerk in der Alten Pinakothek: Den Anblick auf mich wirken lassen und dann die Augen schließen.

Selbst wenn meine Welt einmal schwarz sein sollte – in meinem Kopf werden all die Farben weiter leuchten.

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