Die Vertrauensfrage

Wie bewegt sich ein blinder Mensch durch die Welt? Unter anderem indem er Passanten anspricht und um Hilfe bittet. Das musste unser Kolumnist nach seiner Erblindung lernen – und machte dabei nicht nur schöne Erfahrungen.

Foto: Evelyn Dragan

Die ersten Schritte in der neuen Stadt waren leicht, ich musste mich einfach nur vom Strom treiben lassen. Denn alle Menschen um mich herum hatten zunächst dasselbe Ziel: raus aus dem Kölner Bahnhof, rauf auf die Domplatte. Dort angekommen zerstreuten sich ihre Wege – und ich stand da, vor dem riesigen Dom, und (er-)kannte nichts und niemanden. Ich war 19, hatte gerade mein Abitur bestanden und mir in den Kopf gesetzt, an einer der größten Unis Deutschlands Jura zu studieren. Super Idee, zumindest in der Theorie. In der Praxis erwies sich schon die Besichtigung meines ersten WG-Zimmers als ungeahnte Herausforderung.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und natürlich hatte ich mein Heimatkaff vor dem Abi schon mal verlassen. Aber nie alleine und nie mit dem Ziel, ein neues Leben aufzubauen. Jetzt drehte ich mich um meine eigene Achse und versuchte, mich auf der riesigen Domplatte irgendwie zu orientieren. Menschen und Gesprächsfetzen flirrten an mir vorbei, als säße ich in einem Karussell, das sich immer schneller dreht. Kurz hatte ich den Gedanken, einfach Kehrt zu machen und in den nächsten Zug nach Hause zu steigen. Als ich vor ein paar Stunden losgefahren war, war ich richtig euphorisch gewesen. Jetzt fühlte ich mich unsicher und überfordert.

Ich atmete ein paar Mal tief ein. Ich wollte es ja so. Ich wollte es alleine schaffen, mir mein neues Leben aufzubauen. Gleichzeitig spürte ich in diesem einsamen Moment inmitten hunderter Fremder: Wenn es ohne mein bisheriges Umfeld klappen sollte, dann ging es nicht ganz alleine. Dann musste ich die Hilfe anderer Menschen annehmen. Ich würde mich trauen müssen, Passanten auf der Straße anzusprechen und vielleicht sogar körperlichen Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Mich trauen, fremden Menschen zu vertrauen.

Das mag erstmal nicht so kompliziert klingen. Aber wenn man bedenkt, dass wir uns das Vertrauen in Fremde, die Abhängigkeit von anderen, auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen Stück für Stück abtrainieren, können Sie vielleicht ahnen, welch Überwindung solche Offenheit einen gerade volljährigen jungen Mann kostet. Rückblickend kann ich sagen: Ich habe diese Fähigkeit nach meiner fast vollständigen Erblindung mit 18 neu gelernt. So wie ich gelernt habe, mich auf meine anderen Sinne zu verlassen, um mich selbstständig durch die Welt bewegen zu können.

Aber zurück zur Domplatte. Auf der Zusage für mein WG-Zimmer im Studentenwohnheim (ich hatte riesiges Glück, denn Wohnraum in Köln war auch damals schon schwer zu kriegen) stand eine Adresse in Lindenthal. Ich wusste, dass ich zu einem Ort namens Neumarkt fahren und von dort die Buslinie 136 nehmen musste. Doch niemand, den ich fragte, konnte mir weiterhelfen. Alle schienen damit beschäftigt, ihre Shoppingtüten schnell nach Hause zu bringen. Ich wollte schon aufzugeben, als ich die Lösung auf der Toilette fand, beziehungsweise sie mich fand. Ich muss wohl sehr hilflos ausgesehen haben, wie ich so vor dem Herrenklo im Keller eines großen Kaufhauses stand, denn auf einmal hörte ich ein »Wat söks do dann?«. Es war die Toilettenfrau. Wer Köln kennt, weiß, dass die Kölschen ihr Herz auf der Zunge tragen – eine Eigenschaft, die ich in den folgenden Jahren noch sehr zu schätzen lernte. Als die Dame merkte, dass sie mich mit ihrer langen Wegbeschreibung vor allem verwirrte, packte sie meinen Ellenbogen, hakte mich unter und begleitete mich kurzerhand zur Bushaltestelle 136. Was für ein Geschenk!

Jede Art von Hilfe ist wertvoll und willkommen. Wichtig ist nur, dass man den blinden Menschen vorher kurz fragt, ob und wie ihm geholfen werden kann

Es war auch diese Begegnung, die mir dabei geholfen hat, eine neue Form von Vertrauen in meine Mitmenschen aufzubauen. Ein Vertrauen, das zwangsläufig oft tiefer gehen muss als zwischen unbekannten Menschen, die sehen können. Natürlich stoße ich am Arm von Fremden manchmal irgendwo an oder erschrecke mich. Aber das macht nichts, ich erwarte keine perfekte Fußgängernavigation. Wer hat schon Erfahrung darin, einen blinden Menschen zu führen? Außerdem ist mir klar, dass solch spontane Hilfestellung die andere Seite auch Überwindung kostet. Deshalb versichere ich Ihnen: Jede Art von Hilfe ist wertvoll und willkommen. Wichtig ist nur, dass man den blinden Menschen vorher kurz fragt, ob und wie ihm geholfen werden kann.

Kürzlich habe ich wieder so eine Situation erlebt, in der ich ohne Vertrauen in die Hilfe Fremder aufgeschmissen gewesen wäre. Ich war dienstlich verreist und hatte mir die Zugverbindung genau eingeprägt. Aber als ich am entsprechenden Bahnsteig stand, kam der Zug nicht. Das heißt, er kam schon – aber an einem anderen Gleis. Das war nicht durchgesagt worden, sondern nur den Anzeigetafeln zu entnehmen. Die ich nicht sehe, schönen Dank. Ein Gleiswechsel passiert sehr oft bei der Deutschen Bahn, häufig gibt es dazu akustische Hinweise, aber eben nicht immer. Manchmal ist es in dem Moment, in dem ich die Änderung bemerke, schon zu spät und der Zug weg. Manchmal, so wie neulich, habe ich Glück und finde einen Passanten, der schnell handelt und mich an den richtigen Abfahrtsort führt. Und manchmal wollen Mitreisende zwar helfen, geben in der Eile jedoch eine Auskunft, die ich nicht richtig verstehe oder die falsch ist.

Es kommt auch vor, dass Menschen mein Vertrauen und mein Handicap ausnutzen. Ich bin zwar noch nie bestohlen oder beim Rückgeld betrogen worden (mit den neuen Euromünzen und Scheinen wäre das auch gar nicht möglich, weil ich diese tastend unterscheiden kann). Doch als ich jemanden einmal spät abends nach dem Weg fragen wollte, stürmte der Typ auf mich zu – er war völlig betrunken, was ich nicht hatte sehen können –, lallte irgendwas und küsste mich auf den Mund. Ich musste mich fast übergeben, so erschrocken und angewidert war ich. Ein Einzelfall, trotzdem kratzte er an meinem Vertrauen in einen respektvollen Umgang miteinander.

Würde ich mich von so etwas entmutigen lassen und mich zurückziehen, hätte ich im Alltag ein Problem. Ich habe deshalb in mühsamer Arbeit gelernt, meine Wut und Enttäuschung in solchen Momenten zu kontrollieren, um nicht grundsätzlich misstrauisch zu werden. Wenn etwas schief läuft, steckt dahinter ja meist keine Absicht, sondern Unwissen oder Stress oder schlechte Kommunikation. Diese Welt ist einfach eine visuell geprägte und ein blinder Mensch wird nicht automatisch mitgedacht. Ich nehme dann ein paar tiefe Atemzüge, denke an etwas Schönes, Motivierendes und sage mir: Die Welt dreht sich weiter, deine halt manchmal in etwas anderem Tempo.

In der nächsten Woche: Woran ich erkenne, dass ich einen Menschen attraktiv finde – obwohl ich ihn nicht sehe. 

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