Gut betucht und halb verschalt

Was hat es mit der Ursula von der Leyens fransiger Stola und dem bedruckten Seidentuch von Christine Lagarde auf sich? Und welche Schals sind diesen Winter noch beliebt? Eine Typologie.

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»Drei Grad in Brüssel« startet die Tagesschau am Sonntag in ihren Beitrag zum Antritt der EU-Kommission und zeigt Bilder von fröstelndem Personal in Uniform vor dem EU-Parlament. Dann kommt der Schwenk auf ihre neue Präsidentin, die mit ihrer Kleiderwahl direkt mal unerschrockene Willensstärke beweist. Ursula von der Leyen gönnt sich trotz eisiger Temperaturen zum luftigen Spitzenkleid als einzig wärmendes Textil bloß eine mehrfarbige Seidenstola mit Fransen, Marke »Musikalische Früherziehung«. Dass auch die neue Chefin der EZB, Christine Lagarde, neben ihr mit auffälligem Halstuch auftritt, zeigt nicht nur, dass ganz offiziell die mitteleuropäische Schalsaison begonnen hat, sondern ebenso, dass es Zeit ist, die beliebtesten Vertreter dieser Gattung und ihre jeweiligen AnhängerInnen genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine Schaltypologie.

Die MusiklehrerInnen-Stola

Die vielfarbige Seidenstola mit Fransenenden, ähnlich der von Ursula von der Leyen, ist in ihrem Wärmegrad gelinde. Viel mehr dient die Stola als dekoratives Element und textiles Zurschautragen der letzten Reise nach Südostasien oder Indien – oder der des eigenen Kindes, welches dort gerade ein Gap Year verbracht hat. Die Stola zeugt von Weltoffenheit und Begeisterung für die Künste, etwa Weltmusik oder das Theater. In Letzterem wird sie auch mal ganz festlich zum Wildseidekleid kombiniert – dann aber nie ohne homöopathisches Kleidungselement wie Filzschmuck, freche Schuhe mit Harlekin-Spitze oder knallrote, O-förmige Hornbrille.

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Zum Start in den neuen Job hat sich Ursula von der Leyen ein Stückchen Weltoffenheit um den Hals gewickelt.

Das Seiden-Carré

Das Carré (Französisch für »Quadrat«) ist die wohl eleganteste Vertreterin aller halsumwickelnden Accessoires. Besonders begehrt sind die von Hermès – das französische Modehaus hat seit 1937 Carrés mit mehr als 1.000 verschiedenen Motiven produziert, die klassische Variante mit 90 Zentimeter Kantenlänge liegt heute bei einem Kernpreis von 370 Euro. Zu Weltruhm gelangten die Tücher in den 60er-Jahren dank stilvollen Trägerinnen wie Jackie Kennedy, die ihre Carrés nicht nur um den Hals, sondern präferiert auch um den Kopf trugen. Neben den für Hermès typischen Prints aus der Welt der Pferde sind vor allem Paisley- oder Blumenmotive sehr beliebte Designs der Seidencarrés, bei Christine Lagarde scheint hier eine Mischform vorzuliegen.

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Stabiler als das Finanzsystem: Die Beziehung zwischen Lagarde und ihren Seidentüchern.

Das Männerschälchen

Maßgeblich zur Verbreitung dieses Modephänomens trug gegen Ende der 2000er Jahre das in Los Angeles ansässige Modeunternehmen American Apparel bei – in den Läden des damals schmerzhaft angesagten Labels konnte man nicht nur Aerobic-Bodies, Leggings und Tennissocken in jeder erdenklichen Farbe erwerben, sondern auch schmale Jerseyschals zum Meterpreis. Diese wurden mit Vorliebe zu den enganliegenden T-Shirts mit tiefem V-Ausschnitt aus selbigem Hause kombiniert – und ab in die Disko. Spätere und andauernde Auswüchse des typischen Männerschälchens umfassen vor allem gewebte Versionen im Karomuster. Was ihnen bleibt ist zwanghafte Unproportionalität zum Körper (immer zu schmal oder zu kurz) und die unbedingte zu halsnahe oder -ferne Wickeltechnik ihrer Träger.

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George Clooney trägt sein Männerschälchen halsnah.

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Der never ending Loop-Schal

So genannte Loop- oder Circle-Schals verlaufen, wie der Name sagt, in sich geschlossen – ihre AnhängerInnen schätzen sie deshalb dafür, dass es nirgends zieht. Sie sind so in den letzten Jahren zum textilen Inbegriff der Gemütlichkeit geworden und werden ganzjährig zu jedwedem Outfit kombiniert. Einsteigermodelle gibt es aus Jersey, die richtigen Loop-Schal-Fans stricken bzw. häkeln sich ihre überdimensionalen Modelle jedoch bei jeder Menge Tee und IKEA-Duftkerzen selbst – mit Ergebnissen, auf die selbst Lenny Kravitz neidisch wäre.

Wird getragen von: LehramtsstudentInnen, Frostbeulen, TextilgestalterInnen
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Trageanlass: Ganz gemütlich zu Hause

Irgendwann endet der Loop Schall dann doch: Jessica Alba trägt ihn im Jahr 2013, heute bleibt man damit lieber zu Hause.

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Der Hipster-Schal

Warum genau er es zu so großer Beliebtheit gebracht hat, ist unklar, schließlich handelt es sich bei dem »Canada Scarf« von Acne Studios im Grunde genommen um einen ziemlich schlichten, gewebten Schal aus Schurwolle – mit alles entscheidendem Logo-Patch. Doch irgendwie müssen Material, Format und Farbauswahl so genial gewesen sein, dass der Schal lange Zeit einen Großteil des Umsatzes des schwedischen Modelabels ausmachte und eine saftige Preissteigerung über die Jahre auch nicht ins Gewicht fiel. In Skandinavien trug ihn irgendwann jeder Mensch zwischen 9 und 99, hierzulande jeder, der markentechnisch etwas auf sich hielt. Am verbreitetsten scheint das Modell in Mittelgrau, das auch ähnlich gedeckt kombiniert wird – ums Auffallen geht es den Trägerinnen schließlich nicht. Wer es noch etwas klassischer (oder ironischer) mag, trägt alternativ Burberry-Schal, wer es etwas hipper (oder sportlicher) bevorzugt, trägt Fußballschal – aber nicht etwa von einem tatsächlichen Verein, sondern natürlich in der Luxusversion mit eingestricktem Logo des Lieblingslabels.

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Grauer Star auf Instagram (nicht die Influencerin, sondern der Hipster-Schal).