Die Gewissensfrage

Wenn ein Partner mehr verdient als der andere, kommt schnell die Geldfrage auf. Sollte der Besserverdiener mehr zur Haushaltskasse beisteuern? Und wie fühlt sich der Andere dabei?

»Mein Gehalt liegt deutlich über dem meines Freundes. Daraus ergibt sich die Frage, wer wie viel zu gemeinsamen Ausgaben beisteuert. Wir haben uns geeinigt, dass wir unserem Einkommen entsprechend anteilig die Kosten teilen. Das bedeutet, dass ich mehr zahle. Hin und wieder äußert er Unbehagen darüber. Das kann ich verstehen, zumal ich ihn auch nicht in eine finanzielle Abhängigkeit bringen will. Aber sollte man das Ganze nicht im größeren Zusammenhang allgemeiner Gerechtigkeit sehen? Oder geht es sogar um etwas ganz anderes: die Auflösung der herkömmlichen Rollenverteilung?« Karin F., Berlin

Wenn es darum geht, innerhalb einer Gemeinschaft etwas zu verteilen, gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Maßstäbe: egalitäre und nicht egalitäre. Egalitäre Maßstäbe verteilen an jeden gleich, nicht egalitäre ungleich. Ungleich zu verteilen mag im ersten Moment ungerecht klingen, muss es jedoch nicht sein. Im Gegenteil, es kann auch sehr ungerecht sein, vollkommen gleich zu verteilen. Nur wenige Eltern werden dem Fünfjährigen genauso viel Taschengeld geben wie seinem 15-jährigen Bruder. Und noch auffälliger wird das, wenn man es nicht nur auf die Verteilung von Gütern oder Geld, sondern auch auf die von Lasten bezieht: Vermutlich trägt der Fünfjährige beim Familienausflug einen leichteren Rucksack als sein Vater. Die Lasten auf beide Rücken gleichmäßig zu verteilen wäre hier zutiefst ungerecht, wie auch in jedem anderen Fall, in dem einer wesentlich breitere oder stärkere Schultern hat.

Allerdings ist, wie der Moralphilosoph Ernst Tugendhat in seinen Vorlesungen über Ethik schreibt, das egalitäre Prinzip das primäre: Es gilt, solange nicht relevante Gründe vorliegen, die es einschränken. Die würde ich hier in der finanziellen Leistungsfähigkeit sehen, sozusagen der Breite der Einkommensschultern; moralisch nicht relevant wären hingegen Unterschiede, die man grundsätzlich zwischen Personen macht, also etwa dass Sie als Frau oder Ihr Freund als Mann mehr oder weniger bezahlen sollen.

Jedoch haben alle nicht egalitären Maßstäbe ein Problem: Während es nur einen egalitären Maßstab gibt – jeder bekommt das Gleiche – gibt es unendlich viele andere Verteilungsmöglichkeiten. Entsprechend schwer ist es zu entscheiden, welche davon richtig sind, und: Gehört Ihre dazu? Auch wenn es Ihnen nicht bewusst sein sollte, Ihre Regelung, im Verhältnis Ihrer beiden Einkommen zu zahlen, entspricht der Empfehlung von Aristoteles, der bei der Verteilungsgerechtigkeit – und die gilt eben auch bei Lasten – für eine geometrische Proportionalität plädierte: »In ihr verhält sich das Ganze zum Ganzen wie das Glied zum Glied.« Ihre Beiträge zu den gemeinsamen Unternehmungen wären hier das Glied und Ihre jeweiligen Einkommen das Ganze. Und Sie können sich vielleicht vorstellen, dass ich eine Regelung, die sich an Aristoteles orientiert, im Hinblick auf Gerechtigkeit für ziemlich gelungen halte.

Quellen:

Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993, dort die 18. Vorlesung: Gerechtigkeit, S. 364 ff.

Aristoteles, Nikomachische Ethik, hier zitiert in der Übersetzung von Olof Gigon, dtv, München, 5. Auflage 2002. Weitere Übersetzungen gibt es von Ursula Wolf im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006 und Franz Dirlmeier (Akademie Verlag und Reclam Verlag, Stuttgart 1986)

Illustration: Marc Herold

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