Aussterben ist keine Lösung. Oder doch?

Weil sie Angst vor der Zukunft haben, entscheiden sich gerade mehr Menschen dafür, keine Kinder in die Welt zu setzen. Ist das albern oder irgendwie nachvollziehbar?

Um die britische Regierung zu mehr Engagement beim Klimaschutz aufzufordern, kippen Demonstranten vor der Downing Street Kunstblut auf die Straße. Auch die Aktivistin Blythe Pepino von »Birthstrike« war dabei.

Foto: Reuters

Das Problem: Der Planet kann keine 10 Milliarden Umweltverschmutzer aushalten.
Die Lösung: Gebärstreik.

Diese Woche machte die britische Sängerin Blythe Pepino, 33, Schlagzeilen, aber nicht wegen ihrer Musik, sondern wegen dem, was sonst so aus ihrem Mund floss: »Unser Planet ist am Kollabieren«, sagte sie in einem Fernsehauftritt bei der BBC, »Ich mache mir solche Sorgen, dass ich beschlossen habe, keine Kinder in die Welt zu setzen.«

Als sie diese Entscheidung in einigen Umweltschutzgruppen kundtat, sei sie von der Welle an Zuspruch überwältigt worden. »Es gibt offensichtlich eine Menge Leute, die genau so denken«, sagt sie und gründete deshalb die Gruppe Birthstrike, also Gebärstreik. Das ist eine Gruppe von (überwiegend) Frauen (und einigen Männern) um die 30, die sich zusammengeschlossen haben, weil sie wegen der drohenden Klimakatastrophe ihren Kinderwunsch aufgeben. Pepino wollte eigentlich mit ihrem Partner Kinder haben und beschreibt, wie ihr Kinderwunsch heranreifte, gleichzeitig parallel dazu aber ihre Angst vor den Folgen der Klimaerwärmung wuchs. Seit sie im vergangenen Herbst den jüngsten Umweltreport gelesen habe, könne sie eine Mutterschaft einfach nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren, sagt sie. »Das ist meine Art zu sagen: Leute, ich habe fast die Hoffnung verloren.« Außerdem gebe ihr die Kinderlosigkeit mehr Zeit, sich für den Umweltschutz zu engagieren.

Meistgelesen diese Woche:

Die Gebärstreikenden haben zwei Hauptargumente: Erstens haben viele Angst vor den unwägbaren Umweltrisiken, denen ihre Kinder im Lauf ihres Lebens ausgesetzt wären. Die Sprecherin von Birthstrike, Pepinos Freundin Alice Brown, 25, sagt, sie sei jeden Tag enorm deprimiert über die negativen Berichte. »Ich kann keine Kinder haben, bis ich ernsthaft, wirklich ernsthaft davon überzeugt bin, dass wir einen anderen Weg einschlagen.« Zweitens trage es schon automatisch zur Klimaerhitzung bei, wenn weitere Menschen auf die Welt kämen.

Andererseits kann man auch einwenden: Wenn nur Ökoaktivisten in den Gebärstreik treten, überlassen sie den Planeten quasi denen, denen die Umwelt schnurz ist

Seit Pepino mit diesen Argumenten durch die Medienwelt zieht, wird in der Öffentlichkeit heftig über ihre Position diskutiert. Zusammen mit den Umweltaktivisten der britischen Initiative Extinction Rebellion schüttete sie am vergangenen Samstag eimerweise Kunstblut vor der Downing Street auf die Straße, um »den Tod unserer Kinder« durch den Klimawandel zu symbolisieren. Gleichzeitig sorgt gerade in Deutschland das Buch Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest der Regensburger Lehrerin Verena Brunschweiger, 38, für Aufregung. Ihre These: Das beste für die Umwelt ist der Kinderverzicht. »Das hat damit zu tun, ob ich beitragen will zu Überbevölkerung oder Umweltzerstörung oder ob ich es schön haben will für andere Kinder und Pflanzen und Tiere, die schon da sind«, sagte Verena Brunschweiger dem BR.

Obwohl die Gebärstreikenden betonen, sie träfen diese Entscheidung nur für sich und wollten niemandem  vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, und obwohl sie sogar eine Resolution »der mitfühlenden Solidarität« mit Eltern unterzeichneten, befeuert das Thema die Emotionen, als hätten die Aktivisten angekündigt, Kinderkriegen sei ab sofort verboten.

Auch die amerikanische Kongressabgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez, 29, meinte, einige ihrer Altersgenossen machten sich ernsthaft Sorgen, ob sie angesichts der drohenden Umweltrisiken noch Kinder in die Welt setzen. »Unser Planet geht einem Desaster entgegen, wenn wir das Ruder nicht herumreißen«, sagte Ocasio-Cortez auf Instagram. »Die Wissenschaftler sind sich einig, dass das Leben der Kinder sehr schwierig sein wird. Wir haben eine moralische Verpflichtung, ihnen eine bessere Welt zu hinterlassen. Junge Leute fragen sich: Ist es noch OK, Kinder zu haben?« Dafür wurde sie sofort von konservativen Kommentatoren mit der schlimmsten aller Anfeindungen belegt: Das sei »faschistisch«.

Das alles ist kein Randthema: Als die New York Times letztes Jahr fragte, warum die Amerikaner immer weniger Kinder bekommen, bekannten immerhin 11 Prozent der Befragten, sie »wollen keine Kinder oder seien sich nicht sicher«, weil sie sich »wegen des Klimawandels Sorgen machen«. Und 33 Prozent gaben an, sie hätten wegen der Klimasorgen weniger Kinder als sie eigentlich haben wollten. Wahnsinn, ein Drittel?! 

Eine ähnliche Bewegung gab es schon mal in den Siebzigerjahren, damals aus Angst vor der Atombombe, und ich persönlich bin heilfroh, dass meine Mutter sich dieser Bewegung nicht anschloss, sonst wäre ich heute nicht hier.

Denn natürlich ist das Aussterben der Menschheit keine Lösung. Oder etwa doch?

Tatsächlich haben die Bedenken einen ernsten Kern, nicht nur weil die Angst der Schüler, die gerade für den Klimaschutz auf die Straße gehen, für sich spricht und die Prognosen der Klimaforscher in der Tat bedrohlich sind, sondern weil es auch wissenschaftliche Gründe für eine umweltfreundliche Entscheidung gegen Kinder gibt.

Pepino, Brunschweiger und die anderen Gebärstreikenden berufen sich fast alle auf die gleiche Studie: Kimberly Nicholas, Professorin für Nachhaltigkeitsstudien an der schwedischen Lund Universität, und Seth Wynes von der University of British Columbia in Kanada wollten mal genau wissen, was der Einzelne am besten zum Schutz des Klimas unternehmen sollte. Die beiden nahmen 39 Einzelstudien unter die Lupe und untersuchten 148 Szenarios in zehn Industrieländern. Sie kamen zu einem Schluss, der den Gebärstreikenden aus der Seele spricht: Eine der effektivsten Maßnahmen für die Reduzierung der eigenen Umweltbelastung ist der Entschluss, keine kleinen Klimaschädlinge in die Welt zu setzen.

Weil »der Einzelne ein schlechtes Verständnis davon hat, welche Handlungen wirklich effektiv sind«, analysierten die Forscher die 216 gängigsten Ratschkäge, die in einschlägigen Umweltschutz-Ratgebern  empfohlen werden: Fleisch reduzieren, Benzinverbrauch mindern, Recycling, alle Energie für den Haushalt aus erneuerbaren Quellen beziehen, die Wäsche zum Trocknen aufhängen statt in den Trockner werfen oder Wäsche in kaltem Wasser waschen und so weiter.

Die Forscher geben vier Empfehlungen, die am effektivsten sind, um die Klimabelastung zu mindern: das Auto abgeben, nicht fliegen und sich fleischlos ernähren. An erster Stelle steht aber: weniger Kinder haben.

Konkret: Verglichen mit anderen Aktionen, die Experten bisher für effektiv hielten wie Wäsche zum Trocknen aufhängen (spart 0,21 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr) spart pflanzliche Ernährung 0,3 bis 1,6 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr, jeder Flug, den man vermeidet (je nach Dauer) 0,7 bis 2,8, der Verzicht aufs Auto 1 bis 5,3 Tonnen pro Jahr, aber der Verzicht auf ein Kind: 23,7 bis 117,7 Tonnen CO2-Äquivalent-Ausstoß pro Jahr, je nach Alter und Lebensumständen des Kindes.

Die Studienleiter monieren, dass alle Bücher mit Umweltschutz-Empfehlungen, die sie fanden, nur mittel bis wenig effektive Aktionen propagierten: »Kein einziges Buch empfiehlt, weniger Kinder zu haben.« Stattdessen werde den Menschen weitgehend fleischfreie Ernährung und weniger Autofahren ans Herz gelegt. Das sei alles nicht falsch, aber eben auch nicht weitreichend genug.

So einflussreiche Menschen wie der Naturfilmer David Attenborough und die Primatenforscherin Jane Goodall unterstützen die britische Organisation Population Matters, die zwar nicht das Aussterben der Menschheit propagiert, aber doch darauf hinweist, dass das Bevölkerungswachstum die Umwelt schädigt, Ressourcen ausbeutet und Armut und Ungleichheit befördert. Auch Population Matters meldet einen ständig wachsenden Zustrom von Interessenten. »Alle unsere Umweltprobleme werden mit weniger Menschen leichter zu lösen sein«, fasst David Attenborough die Logik zusammen, »und schwieriger – und schließlich unmöglich – mit immer mehr Menschen.«

Die Erde brauchte 200.000 Jahre, um die erste Milliarde Menschen zu beherbergen, 126 Jahre für die Verdoppelung, 30 Jahre für eine weitere Milliarde, und so weiter, rechnen die Organisatoren vor, das sei »ziemlich angsteinflößend«.

Andererseits kann man auch einwenden: Wenn nur Ökoaktivisten in den Gebärstreik treten, überlassen sie den Planeten quasi denen, denen die Umwelt schnurz ist. Letztendlich braucht es aber eine junge Generation (Stichwort: Greta Thunberg), die den Wandel einleitet und sich für eine gesunde Zukunft einsetzt.

Artikel teilen: