Die Tasse aus Kaffee

Als Folge unseres Kaffeedurstes fallen Tag für Tag gewaltige Mengen Kaffeesatz an. Findige Firmen versuchen nun, den vermeintlichen Abfall für ebenso nützliche wie überraschende Produkte zu verwenden.

Hätten Sie es bemerkt? Diese Kaffeetasse wurde aus Kaffeesatz hergestellt – und riecht sogar noch ein bisschen nach Kaffee, auch wenn keiner darin ist.

Foto: Kaffeeform

Das Problem: Wir Deutschen trinken pro Sekunde 2300 Tassen Kaffee und verbrauchen 400.000 Tonnen gerösteten Kaffee pro Jahr. Wohin mit den Abfällen?
Die Lösung: Schuhe, Filter, Tassen und mehr.

Na, haben Sie heute schon Kaffee getrunken? Espresso, Cappucino, Latte Macchiato oder einfach Filterkaffee mit Milch? Vermutlich würde ohne Kaffee die gesamte Medienbranche zusammenbrechen, und die Politik und die Börsen gleich mit. Es ist die Bohne, ohne die nichts geht.

Kaffee macht wach, aber natürlich wissen wir um die Umweltschäden dieser Gewohnheit: Monokulturen, Pestizide, die Ökobilanz der verdammten Aluminiumkapseln, von den Einwegbechern bei Starbucks ganz zu schweigen. Kann man denn gar nichts mehr guten Gewissens genießen?

Meistgelesen diese Woche:

Seit die EU Einwegplastik verbieten will, arbeitet eine Armada an Wissenschaftlern daran, ökologischere Koffein-Pipelines zum Verbraucher zu bauen. Heftig streiten Gegner und Befürworter um die richtigen Mehrwegbecher oder Pfandcontainer. In Australien hat Nestlé sogar die Postboten bestochen, damit sie im Busch die Aluminiumkapseln wieder einsammeln und zur Recyclinganlage fahren (kein Scherz).

Aber was tun mit den Bergen an eigentlichen Kaffee-Abfällen? Könnten die nicht auch wiederverwertet werden? Ließe sich der Kaffeesatz nicht sinnvoller entsorgen als nur mit den Eierschalen als Kompost, sozusagen im zweiten Aufguss?

Ristretto, Macchiato, Americano, Lungo, Cold Brew – genau wie wir bei der Lieblingsbarista zahlreiche Varianten bestellen können, gibt es inzwischen auch ähnlich viele Möglichkeiten, die Kaffeereste in kreative Produkte umzuwandeln. Erst durch diese Recherche wurde mir klar, dass ich Kaffee seit Jahren falsch anwende: nämlich nur oral. Wie wäre es stattdessen mit Tassen, Schuhen, Mehl oder Filtern aus Kaffee? Hier sind fünf wegweisende Ideen.

1. Der erste Kaffee-Turnschuh
Weltmeister im Kaffee-Konsum sind die Finnen (12 Kilo pro Kopf und Jahr). Vielleicht waren es deshalb auch Finnen, die als erstes nach einer modischen Möglichkeit suchten, aus Kaffeesatz mehr zu machen als das Rohmaterial für eine Wahrsager-Sitzung. Die finnische Firma RENS verarbeitet Kaffeereste und ausrangiertes Plastik zu Garn und stellt daraus Turnschuhe her. Sie sollen wasserfest, geruchsabweisend und gut für die Umwelt sein. Die hippen Teile sind zwar noch in der Entwicklungsphase, gewannen aber immerhin schon den zweiten Platz beim weltweit größten Ideenwettbewerb für klimafreundliche Lösungen, dem Climate Launch Pad 2018.

2. Kaffeetassen aus Kaffee
Eigentlich logisch. Woraus könnte man Kaffee besser trinken als aus Kaffee? Diese Frage (und viele starke Espressi) hielten auch den Berliner Julian Lechner nachts wach, als er im italienischen Bozen Produktdesign studierte. Acht Millionen Kilo Kaffeereste bleiben täglich in Europa übrig, weiß Lechner. Seine Anfangsversuche, aus dem Kaffeesatz mit karamellisiertem Zucker Tassen zu pressen, gingen schief: Die Tassen lösten sich auf, wenn der heiße Inhalt hineingeschüttet wurde. Inzwischen sammelt Lechner in Berliner Cafés den Kaffeesatz ein, erhitzt und trocknet ihn. Gemischt mit Buchenholzfasern, Stärke, Zellulose und Biopolymeren presst er daraus umweltfreundliche Espresso-, Cappuccino- und »Weducer«-To-Go-Tassen. Sie sind dunkelbraun wie ihr Ausgangsmaterial, fühlen sich leicht rau an, sind spülmaschinenfest, biologisch abbaubar – und jede wirkt ein bisschen anders. Der »Weducer«-Becher gewann übrigens gerade den Red Dot Design Award.

3. Kaffee-Mehl
Der erste große Abfallberg entsteht kurz nach dem Pflücken der Kaffeekirschen, also der frischen Früchte, denn als erstes wird das Fruchtfleisch entfernt. Das heißt: Mehr als die Hälfte der Frucht wird weggeworfen. Aus 50 Kilo gepflücktem Kaffee entstehen am Ende des Prozesses nur 10 Kilo Bohnen. Ein wenig Bio-Abfall kann als Dünger dienen, aber bei den Mengen, die hier anfallen, werden die Abfallberge schnell zur Plage. »Der Abfall wird oft in Gewässer geworfen oder verrottet in Haufen«, sagen die Gründer von CoffeeFlour in Seattle. Dan Belliveau muss es wissen, er war nämlich früher Technical Services Director bei Starbucks und hat bei seinen Besuchen auf Kaffeefarmen in Nicaragua oder Vietnam oft beobachtet, wie Berge von Fruchtfleisch verfaulten. Nun trocknet und pulverisiert das Startup das Fruchtfleisch der Kirschen. Das so gewonnene glutenfreie »Kaffeemehl« ist etwa so fein wie Kakao und lässt sich zum Backen und Kochen verwenden, anstelle von Weizen oder Mais. Für Kaffeebauern ist es eine zusätzliche Einnahmequelle. Außerdem enthalte es mehr Eisen als Spinat, mehr Eiweiß als Grünkohl, mehr Ballaststoffe als Weizenmehl und mehr Kalium als Bananen, sagen die Gründer. Das Überraschendste: Es schmeckt nicht nach Kaffee.

4. Wasserfilter aus Kaffee
Mehr als einer Milliarde Menschen weltweit fehlt eine zuverlässige Quelle an sicherem Wasser. Also gründeten findige Münchner Studenten das Projekt »Waterfilter« , das zwei Ziele gleichzeitig verfolgt: Menschen in Entwicklungsländern eine wirtschaftliche Grundlage zu geben – und einen effektiven Wasserfilter. Dabei kommt nun der Kaffee ins Spiel, denn Kaffeegranulat eignet sich hervorragend, um zusammen mit Ton Wasser zu reinigen. Stark vereinfacht ausgedrückt nimmt man Ton und ein organisches Material wie eben Kaffee (oder Sägespäne), presst es manuell in eine brennfeste Form und backt es im Ofen. Die organischen Stoffe verbrennen dabei und statt Kuchen entsteht ein feinporiger Zylinder. »Durch diese Mikroporen wird das Wasser filtriert und von allen Kontaminationen befreit«, versprechen die Initiatioren. Wird der Zylinder noch mit Silbernitrat beschichtet, filtert er mehr als 99 Prozent der Bakterien heraus.

Die Studenten zeigen zukünftigen »Waterpreneuren«, wie man die Filter herstellt, die sie dann selbst zu einem fairen Preis verkaufen können. Das Pilotprojekt in Tansania hat bisher mehr als 1200 Schulkinder mit sauberem Wasser versorgt. Ganz im Sinne dieser Kolumne sagen die Studenten: »Oft reichen einfache Konzepte aus, um ein komplexes Problem zu lösen.«

5. Hausmittel
Außerdem teilen Kaffeetrinker im Internet einschlägige Haushaltstipps: Kaffeesatz in der Blumenerde als Dünger und Abwehrwall gegen Ameisen, im Kühlschrank als Geruchskiller, auf der Haut mit Öl vermischt als Peeling. Topmodel Naomi Campbell empfiehlt gar, regelmäßig lauwarmen Kaffeesatz in Klarsichtfolie um die Oberschenkel und den Hintern zu wickeln und damit 30 Minuten zu entspannen. Das helfe gegen Cellulite, sagt sie. Es sei nur wichtig, richtig guten Espresso zu nehmen.

Wäre doch gelacht, wenn wir die Millionen Tonnen nicht irgendwo unterkriegen! Sonst sehe ich schwarz.

Artikel teilen: