Gebt Tieren Grundrechte!

Etliche Studien beweisen die Empfindsamkeit von Tieren, in der Schweiz wird nun die qualvolle Behandlung von Hummern verboten. Warum wir diese Debatte auch in Deutschland führen müssen.

Das Problem: Allein in Deutschland töten wir jedes Jahr 750 Millionen Nutztiere und experimentieren an drei Millionen Versuchstieren.
Die Lösung: Gebt Tieren Grundrechte!

Ab 1. März wird es in der Schweiz illegal, Hummer bei lebendigem Leib zu kochen. Die Schweiz räumt Tieren schon jetzt wesentlich mehr Rechte ein als Deutschland. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse lassen keine Zweifel mehr daran, dass Tiere viel klüger und empfindsamer sind, als Menschen lange dachten. Aber die Rechtsprechung hat hier mit den neuen Forschungsergebnissen nicht mitgehalten. 99 Prozent der Deutschen halten sich für tierlieb, aber 99 Prozent der Deutschen essen und benutzen Tiere. Wir brauchen neue Lösungen.

Jeder, der einen Hund, eine Katze oder einen Hamster hat, weiß: Das Tier fühlt Schmerz und Freude, es liebt und leidet. Inzwischen wurde diese Erfahrung auch von Wissenschaftlern eindeutig bestätigt. Ständig liefern Forscher neue Belege, dass nicht nur Menschenaffen, sondern auch andere Arten viel intelligenter und empfindsamer sind, als wir Menschen lange dachten. Schimpansen rechnen auf dem Niveau von fünfjährigen Kindern, Elefanten trauern um tote Artgenossen; nicht nur Säugetiere, auch Vögel und sogar Ameisen pflegen verletzte Kameraden wieder gesund. Das ist oft mehr als Überlebensinstinkt: Dafür braucht es eine gewisse Intelligenz, Planungsvermögen, Mitgefühl. Auch Fische, so attestierte der Schweizer Ethikprofessor Markus Wild in einem Gutachten, empfinden zweifellos Schmerz. »Die allermeisten Tiere, die wir züchten und halten, um sie als Nahrungsmittel zu verarbeiten und zu essen, sind empfindungsfähig«, konstatiert Wild. »Sie empfinden Lust und Leid, Furcht und Freud. Sie haben ein Bewusstsein.« Und damit auch »basale Interessen, wie Schmerz und Furcht zu vermeiden«.

An dieser Erkenntnis kann eigentlich niemand mehr zweifeln. Nur, was wäre eigentlich, wenn wir diese Einsichten tatsächlich ernst nehmen würden?

Ab 1. März wird es in der Schweiz illegal, Hummer bei lebendigem Leib zu kochen oder lebend auf Eis zu transportieren. Die Schweiz reagiert damit auf neue Studien, die beim Hummer Empfindungsfähigkeit feststellen. Die neuen Gesetze verbieten auch Streichelzoos bei Veranstaltungen, elektronische »Bellstopp«-Halsbänder für Hunde und eine ganze Reihe weiterer Praktiken, die Tieren Schmerz und Stress zufügen. Unser Nachbarland war da schon immer progressiver als Deutschland, selbst wenn auch in Deutschland Tiere nicht mehr ausschließlich als Sache gelten: »Es ist in seiner Mitgeschöpflichkeit zu achten«, heißt es im Kommentar zum deutschen Tierrecht so schön.

So sehr ich da spontan applaudieren möchte, so sehr wirft gerade die Hummerfrage ein Schlaglicht auf die Widersprüchlichkeit solcher Entscheidungen: Auf Eis darf man die Panzerkrebse nicht mehr transportieren, aber töten darf man sie schon. Warum frierende Hummer verbieten, aber gleichzeitig Legehennenbatterien erlauben? Wieso Kaninchen aus Streichelzoos befreien, aber Leder tragen? Wieso Herkunftsnachweise für Welpen aus Osteuropa einfordern, aber gleichzeitig massenhaft Schweine zusammengepfercht quer durch Europa zum Schlachthof transportieren?

Das sind Symptome der Schizophrenie, mit der wir die »Mitgeschöpflichkeit« unserer vierbeinigen und gefiederten Freunde achten: Fast jeder Deutsche hält sich für tierlieb, aber 99 Prozent der Deutschen essen und benutzen Tiere; der Veganer-Anteil liegt bei einem knappen Prozent. Wir ummanteln unseren geliebten Labrador im Winter mit einem Designerpulli und essen anschließend eine Hühnerbrust, die mit Sicherheit nicht auf einer idyllischen Wiese auf diese unnatürliche Größe anschwoll. Wir verhätscheln unsere Haustiere mehr als je zuvor, spendieren ihnen Nierentansplantationen und Millionen für neue Behandlungsmethoden, die Ärzte bisher nur am Menschen anwandten, aber gleichzeitig erhöht sich jedes Jahr die Zahl der Tiere, die wir einsperren, schlachten und ausbeuten. Das macht keinen Sinn.

Viel konsequenter ist der Ansatz von Tierethikern wie Markus Wild, die Grundrechte für Tiere einfordern. »Gewisse Tiere sollten Grundrechte erhalten, nämlich ein Recht auf Leben und ein Recht auf körperliche Unversehrtheit«, meint der Professor an der Basler Uni. »Mit der Würde eines Tieres ist es unvereinbar, dass man es besitzen, kaufen, verkaufen, als Eigentum erwerben kann. Das tun wir mit Kindern auch nicht.«

Wild unterstützt in der Schweiz die »Initiative Grundrechte für Primaten« der Organisation »Sentience Politics«. Sie kämpft zur Zeit im Kanton Basel für die Aufnahme von zwei Grundrechten für Primaten in die Kantonsverfassung: Recht auf Unversehrtheit und Recht auf Leben.

In Amerika engagiert sich der Anwalt Steven Wise vom Nonhuman Rights Project gerade dafür, für drei Elefanten in Connecticut und den zwei Schimpansen Kiko und Tommy in New York Grundrechte zu erstreiten: Er glaubt, dass »Zivilrechte für nicht-menschliche Tiere« die nächste große Barriere sind, die zu Fall gebracht wird und verweist auf die Parallelen zum »historischen Kampf« um Grundrechte für Frauen, Sklaven und Ureinwohner. Es gibt ja wirklich eine ganze Reihe von Bereichen, in denen die Definition als »Person« durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder eine moralische Weiterentwicklung adjustiert werden musste, etwa auch bei Föten.

Und tatsächlich haben seine Streitgenossen in Buenos Aires vor einem guten Jahr einen Erfolg erzielt: Die Schimpansendame Cecilia wurde in Argentinien erstmalig als »nicht-menschliche legale Person« mit »inhärenten Rechten« anerkannt und aus ihrem engen Zookäfig in ein artgerechtes Reservat nach Brasilien verlegt.

Die Schimpansen und Elefanten sind für das Nonhuman Rights Project - und ähnliche Organisationen wie Peter Singers Great Ape Project - aber nur der Anfang, weil bei ihnen die Fähigkeit zu außergewöhnlich komplexen Entscheidungsprozessen längst nachgewiesen ist. »Wir verlassen uns auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse«, sagt Wise im Interview mit dem SZ-Magazin. »Die Tiere haben emotionale und intellektuelle Fähigkeiten, deshalb sollten wir sie nicht ins Gefängnis stecken. Darum konzentrieren wir uns darauf, ihnen einen Personenstatus zu erstreiten. Das heisst aber nicht, dass wir anderen Tieren nicht auch diese Rechte zugestehen sollten. Ich weiß nur nicht genau, wo die Grenze liegt.«

Klar ist auch: Wer Menschenaffen Grundrechte zugesteht, warum soll das dann nicht auch für Elefanten und Seelöwen gelten, die mindestens genauso intelligent sind? Oder für Oktopusse und Elstern, die wahnwitzige Leistungen vollbringen und möglicherweise viel klüger sind als wir? Tiere sind komplexe soziale Wesen. Viele können Dinge, zu denen wir Menschen gar nicht oder nur in Ausnahmesituationen in der Lage sind – 100 Kilometer am Stück laufen, unter Wasser kommunizieren, uns ohne Kompass über den Weltmeeren orientieren. Und letztendlich ist auch der Mensch nur ein Tier. Egal ob man es aus philosophischer, biologischer oder rechtlicher Sicht betrachtet: Grundsätzliche Unterschiede lassen sich da nur ganz schwer definieren. Dazu muss man sich gar nicht dem Antispeziesismus von Peter Singer und Tom Regan verschreiben, selbst Genetiker können den Homo Sapiens einfach nicht in eine gänzlich andere Kategorie als den Homo Troglodytes packen, also den gemeinen Schimpansen. Und Kognitionsforscher, die lange dachten, nur der Mensch hätte eine komplexe Sprache entwickelt, präsentieren immer neue erstaunliche Ergebnisse, wonach sich auch Spezies wie Delfine und Fledermäuse ganz prima unterhalten können – wir verstehen sie nur nicht.

Die Tierrechts-Professorin Anna Charlton in New Jersey lacht lauf auf, wenn man ihr mit dem Argument kommt, schon im Alten Testament stünde, dass der Mensch das Recht hat, sich die Erde untertan zu machen. »Die hielten auch Frauen nicht für vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, da sollten wir vorsichtig sein, wen wir hier zur moralischen Autorität erklären!«

Wild leitet aus dem Bewusstsein von Tieren unsere Pflicht ab, ihre Interessen zu berücksichtigen, und zwar nicht nur bei Affen und unseren geliebten Haustieren, sondern auch bei Hühnern, Truthähnen, Kaninchen, Schweinen, Ziegen, Schafen oder Kühen: »Wenn wir diese Tiere nun züchten, um sie zu töten, dann widerfährt ihnen dadurch ein großes Unrecht, weil wir sie einsperren, oft unter leidvollen und lustlosen Bedingungen, und sie dann töten, was in vielen Fällen auch qualvoll geschieht. Diese Tiere durchlaufen zu Abermillionen himmelschreiendes Elend.«

Wo hört es dann auf? Können wir uns darauf einigen, dass keinem Lebewesen unnötig Schmerz zugefügt werden darf? Ja, das würde dann in die eigene Bequemlichkeit schneiden, nicht wahr, denn dazu gehört auch die Massentierhaltung. »Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen«, lautet der Grundsatz im deutschen Tierschutzgesetz. Aber selbst der modernste Schlachthof ist immer noch eine Vorhölle, die diese Maxime ad absurdum führt.

»Wenn Schlachthöfe Glaswände hätten, wären wir alle Vegetarier«, hat Paul McCartney so schön gesagt.

Weil die 1 Prozent in dieser Demokratie nur schlecht die Veganer-Diktatur ausrufen können, wäre das wohl wirklich die beste und moralisch einwandfreie Lösung: Glaswände für alle Zuchtfarmen, Schlachthöfe, Metzgereien und Versuchslabore. Damit wir uns das anschauen müssen, was wir anrichten.

Foto: Mikael Damkier/Fotolia.de

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