Wälchäs »ä« hättän Sie gärn?

Mit einer ungewöhnlichen Frage wendet sich ein Leser diese Woche an unsere Kolumnistin, nämlich warum TV-Sprecher den Buchstaben »e« oft wie »ä« aussprächen.

Illustration: Serge Bloch

»Beim Fernsehen ist mir eine Frage entstanden: Warum wählen Sprecherinnen und Sprecher (vor allem von Nachrichten und Texten) so oft das ›ä‹, wenn das ›e‹ geschrieben dasteht? Ein Beispiel: ›… das Wätter‹.« Arnd B., Gundelsheim

Ich liebe Ihre Frage. Sie erinnert mich irgendwie an Loriot. Dabei gibt es keinen Sketch von ihm, in dem eine idealerweise von Evelyn Hamann gespielte Nachrichtensprecherin das Wetter mit übertrieben theatralischem »Ä« spricht. Und das hat einen Grund. Ich habe mir das von der Sprechwissenschaftlerin Annette Weber-Diehl erklären lassen. Sie lehrt Sprechen und Moderieren vor Mikrofon und Kamera und arbeitet auch selbst als Sprecherin. Von ihr habe ich erfahren, dass es im Deutschen im Wesentlichen fünf verschiedene E-Laute gibt. (Es sind mehr, wenn man französische Lehnworte mit einbezieht, und noch mehr, wenn man in die Dialekte horcht, aber wir wollen uns hier auf die wichtigsten konzentrieren). Am häufigsten ist das sogenannte Schwa (auch Murmelvokal genannt), das ist das weg-gesprochene E, oft am Ende eines Wortes, so beifällig fallengelassen wie etwa das hintere e in weggenuschelt. Dann gibt es das lange, geschlossene E wie in Beten oder Beet (wobei geschlossen meint, dass der Mund dabei relativ geschlossen ist). Das lange, offene E wie in bäte oder Säge. (Phonetisch zählt das Ä, anders als sein Aus-sehen vermuten ließe, zu den E-Lauten!) Das kurze, geschlossene E wie in Melan-cholie oder Telefon. Uns interessiert jetzt aber vor allem das kurze, offene E wie in Bett oder eben Wetter. Oder auch in: sättigen. Folgt nämlich auf ein Ä ein doppelter Konsonant, wird es wie ein kurzes und offenes E gesprochen.

Es gibt Ausnahmen, klar, aber »das Wätter« gehört nicht dazu. Ich wünschte, ich könnte das Telefonat mit Annette Weber-Diehl jetzt zum Beweis vorspielen, dann würden Sie es hundertprozentig hören. Aber Sie können es auch selbst testen. Lesen Sie die folgenden Sätze laut: Hette Jätte bässeres Wätter, wäre es für ihre Rätter nätter. Hätte Jette besseres Wetter, wäre es für ihre Retter netter. Kein Unterschied, jede Wätte!