Hätte ich meiner ersten großen Liebe eher verzeihen sollen?

Unser Leser erhält die Nachricht, dass seine Jugendliebe verstorben ist. Die eine Person, die ihm damals das Herz gebrochen hat. Nun hinterfragt er seinen jahrelang gehegten Groll. Zu Recht?

Illustration: Serge Bloch

»Als Abiturient habe ich eine Hamburger Kunststudentin kennengelernt und war sehr verliebt in sie. Wir hatten ein paar aufregende, schöne Jahre zusammen. Eines Tages teilte sie mir mit, sie würde heiraten, aber nicht mich, sondern einen Referendar von der Universität. Ich war am Boden zerstört. 35 Jahre später war ich mit meinem erwachsenen Sohn in Hamburg und traf zufällig ihre Mutter, die mir sagte, ihre Tochter sei mit 47 Jahren an Darmkrebs verstorben. Mir kamen aber keine Tränen, ich habe auch nicht kondoliert. Vielmehr machte sich der Gedanke breit, dass das Schicksal mich vor Schlimmerem verschont hatte. Denn im Falle einer Ehe mit ihr wäre ich in jungen Jahren zum Witwer geworden. Ich frage mich nur, ob ich meiner ehemaligen Freundin Unrecht getan habe, da ich ihr lange Zeit nicht verzeihen konnte.« Gerhard B., München

Was für eine traurige Geschichte. Alles daran. Dass die Frau so früh gestorben ist. Dass Sie ihretwegen einst so unglücklich waren und heute nichts mehr übrig ist von all den Gefühlen, die einmal so groß waren, dass Sie sich vermutlich nicht vorstellen konnten, dass das Leben noch einmal gut weitergehen würde für Sie. Man kann natürlich finden, dass es gut ist, dass die Zeit alles heilt, aber ein bisschen traurig ist es auch – heißt es doch, dass letztlich nichts etwas bedeutet. Oder immer nur in dem Moment. Und dass eben jeder Moment vorübergeht. Auch der, den man festhalten wollte.

Zurück zu Ihnen: Ein bisschen herzlos kommt mir vor, wenn ich das sagen darf, dass Sie der Mutter nicht mal kondoliert haben. Meinen Sie, Sie haben einfach gar nichts gesagt, als die Ihnen erzählte, dass ihre Tochter nicht mehr lebt? Könnte man die Situation wiederholen, würde ich anregen wollen, dass Sie selbst bei ausbleibendem Mitgefühl dieses dennoch höflicherweise artikulieren. Die Mutter kann doch nichts dafür, dass ihre Tochter Sie damals verlassen hat. Aber vielleicht habe ich Sie auch missverstanden. Ohnehin ist das nicht Ihre Frage. Die dreht sich darum, ob Sie Ihrer ehemaligen Freundin schneller hätten verzeihen sollen. Hätten Sie es gekonnt, hätten Sie es getan, würde ich sagen. Denn es ist ja im Zweifel für einen selbst gut, wenn man vergibt. Ohne Groll lebt es sich angenehmer. Und irgendwann haben Sie ihr ja verziehen. Dass das gedauert hat, spricht doch nur für die Tiefe Ihrer Gefühle.

Aber vielleicht liegt unter dieser Frage ja doch eine andere: nämlich, ob es Sie zu einem schlechten Menschen macht, dass Sie die Nachricht, dass diese Frau gestorben ist, nicht nur nicht traurig machte, sondern sogar mit Erleichterung erfüllte. Wenn Sie etwas anderes hätten fühlen können, hätten Sie etwas anderes gefühlt. Jedenfalls in dem Moment.