Und woher kommst du wirklich?

Unser Leser ist frustriert und genervt von der Frage zu seiner Herkunft. In seinem Umfeld finden allerdings viele, er würde überreagieren. Nicht so unsere Kolumnistin.

Illustration: Serge Bloch

»Ich bin in Deutschland geboren. Meine asiatischen Eltern sind in den Siebzigerjahren, noch vor meiner Geburt, eingewandert. Ich habe einen deutschen Pass, spreche Deutsch, habe einen deutschen Namen, überwiegend deutsche Freunde, gehe wählen, interessiere mich für deutsche Politik – fühle mich deutsch. In den letzten Jahren merke ich, dass ich immer sensibler und genervter reagiere, wenn mich jemand fragt, woher ich komme. Obwohl ich weiß, dass die Frage oft unschuldig gemeint ist, empfinde ich sie als Affront. Meistens antworte ich, dass ich aus Deutschland komme, und lasse mein Gegenüber zappeln. Derjenige weiß oft nicht, wie er seine eigentliche Frage – nach meinem asiatischen Hintergrund – besser formulieren soll. Ist das falsch? Meine deutschen Freunde und meine Familie finden, ich überreagiere.« Anonym, per Mail

Es tut mir leid, dass Sie diese Erfahrung wieder und wieder machen, und ich muss Ihnen nicht sagen, dass viele Menschen es vermutlich nur nett meinen, das schreiben Sie ja sogar selbst, und auch wenn etwas nett gemeint ist, kann es verletzend sein, und wenn Sie das so empfinden, dann ist es auch so. Aber Sie können sich Ihre Umgebung leider nicht backen. Das bedeutet, die Frage nach Ihrer Herkunft wird Ihnen auch in Zukunft wieder begegnen. Damit müssen Sie rechnen. Sie werden weiter von Fremden daran erinnert werden, in deren Augen offenbar »anders« zu sein, nicht »richtig« deutsch.

Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Sie darauf freundlich reagieren müssen, wenn das Ihre Frage ist. Es ist vollkommen in Ordnung, darauf zu antworten, wie Sie es tun, und Ihr Gegenüber im eigenen Rassismus zappeln zu lassen. Es gibt für viele Menschen bestimmte Fragen, die mit Horror und unangenehmen Gefühlen behaftet sind, und es hilft, sich eine Antwort zurechtzulegen, die man ziehen kann, ohne in der jeweiligen Situation nachdenken zu müssen. Seien Sie einfach gewappnet. Und verurteilen Sie sich nicht: Sie müssen sich kein bisschen in Ordnung damit fühlen, sich ausgrenzen zu lassen. Reagieren Sie genau so, wie es Ihnen entspricht, ohne Rücksichtnahme auf egal wen. Ihr Gefühl ist vollkommen richtig. Sie können sich zutiefst darauf verlassen, dass das, was Sie fühlen, stimmt, und wenn Sie selbst sich nicht länger dafür verurteilen, an dieser Stelle verletzlich zu sein, sondern für sich einstehen, dann mal sehen, wie lange irgendjemand Sie noch mit dummen, unbedachten Worten verletzen kann. Es geht in Wahrheit gar nicht so sehr darum, wie Sie auf die dummen Leute und die blöde Frage reagieren – es geht um Ihre Einstellung sich selbst gegenüber. Haben Sie Mitgefühl mit sich, das ist die Aufgabe: Stehen Sie zu hundert Prozent für sich ein.