Klarer Falt von Schönheit

In Japan lassen Gäste im Restaurant oft kleine Wunder­werke zurück – auf die Schnelle gefaltet aus der Verpackung von Essstäbchen. Ein Künstler hat sie gesammelt.

Das Wort »Danke« lässt sich im Japanischen auf viele Arten sagen. Je nachdem etwa, wie förmlich es sein soll, ob das dankbarkeitserzeugende Ereignis in der Vergangenheit liegt, ob es sich auf eine gut erledigte Arbeit bezieht – oder ob die Person, bei der man sich bedanken will, einen höheren sozialen Status hat. Es gibt sogar einen Ausdruck, der nur als Dank nach einem ­guten Essen dient, er lautet »gochisou sama deshita«. Nur eine Art des Dankes ist in Japan nicht sehr verbreitet: das Trinkgeld.

Stattdessen gibt es eine andere Sitte: Als Anerkennung für Kellner und Küche lassen Gäste in japanischen Restaurants gern kleine Kunstwerke zurück, gefaltet aus der Papierverpackung von Essstäbchen. Der heute 27-jährige Künstler Yuki Tatsumi hat während seines Studiums in Tokio die Tische in einem traditionellen japanischen Restaurant gewischt. 2012 fiel ihm dabei zum ersten Mal ein kunstvoll gefaltetes Papier auf, das ein Kunde zu einer aufwendigen, abstrakten Form gerollt hatte. Tatsumi nahm es mit. Bald hatte er Papier in Form von Menschen, Hunden und Schlangen aufgelesen, von ­Autos und Häusern, eine Art Diorama des Alltags. Tatsumi war begeistert. »Viele dieser Teile machen die Menschen eher unbewusst, sie falten drauflos«, sagt er. Er begann, die kleinen Wunderwerke zu sammeln. Manche der Figuren sind so raffiniert, dass man sie nur hinbekommt, wenn man lange übt. »Besonders habe ich mich immer über Figuren gefreut, die aussehen wie Menschen.«

Yuki Tatsumi erkannte gewisse Muster. »Oft findet man Kraniche und Schildkröten, das sind in Japan traditionelle Glücksbringer. Fische sind beliebter als andere Tiere, vermutlich weil sie in Japans Küche eine so große Rolle spielen«, sagt er. Tatsumi klapperte bald auch andere Restaurants ab, 2016 fuhr er dafür mit seinem Auto mehrere ­Monate lang durch Japan, immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Faltkunstwerken, die er dann auf einer Website präsentierte: »Japanese Tip«, japanisches Trinkgeld. Auch heute fährt er durchs Land, wann immer er Zeit hat, und bittet Wirte und Kellner um ihre schönsten Exemplare. Mit vielen von ihnen ist er inzwischen befreundet, sie schicken ihm auch besonders gelungene Arbeiten per Post zu.

Seit Beginn seiner Leidenschaft hat Yuki Tatsumi mehr als 12 000 dieser Miniskulpturen zusammengetragen, er hat ein Buch über sie veröffentlicht und eine Ausstellung mit rund 8000 Fundstücken konzipiert. Schade, dass es für diese Art von Sammelfreude kein spezielles Dankeswort in Japan gibt: Danke-dass-du-zeigst-wie-viel-Poesie-im-Alltag-versteckt-sein-kann.

Text: Till Krause