»Emotionale Entfremdung tötet die Liebe schleichend«

Wie hält man die Beziehung frisch und bleibt sich auch lange nach der Verliebtheitsphase noch nah? Indem man sich Aufmerksamkeit schenkt, sagt der Paartherapeut Guy Bodenmann. Ein Gespräch über fatale Fehler, kleine Rituale im Alltag und die Rolle von Sexualität.

Verliebtheit können Paare auch noch nach Jahrzehnten spüren. Anders als am Anfang müssen sie dafür aber ein bisschen was tun.

Foto: istock/AleksandarNakic

SZ-Magazin: In Ihrem Buch »Mit ganzem Herzen lieben« schreiben Sie, Commitment, also Selbstverpflichtung, sei »der Schlüssel zur Liebe«. Was genau meinen Sie damit?
Guy Bodenmann: Wir wissen bis heute nicht, wie die Liebe entsteht, wie Sympathie für jemanden oder Anziehung gegenüber jemandem in Liebe übergeht. Wenn die Liebe aber einmal entstanden ist, wissen wir, wie man sie pflegen kann. Commitment stellt die Motivation zur Pflege der Liebe dar und schlägt sich nieder im täglichen Engagement für die Partnerschaft mit einer zukunftsgerichteten Perspektive. Es ist die Bereitschaft, sich voll auf die andere Person einzulassen und in die Beziehung zu investieren.

Zeit ist für Sie ein weiterer entscheidender Faktor, damit eine langlebige Liebe gelingen kann. Wie viel Zeit braucht denn eine funktionierende Beziehung täglich, wöchentlich?
Das variiert von Paar zu Paar. Deshalb zeigen die Studien zur Zahl der Stunden, die man mit dem Partner oder der Partnerin verbringt, keinen klaren Zusammenhang zur Beziehungsqualität. Viel entscheidender ist die Zufriedenheit mit der gemeinsam verbrachten Zeit. Die Pflege der Liebe kann man mit der Fürsorge für ein Pflänzchen vergleichen. Man muss es im Blick haben, merken, wann es Wasser braucht oder gedüngt werden sollte. Diese Empfindsamkeit für die Liebe benötigt ausreichend Zeit, da einem sonst die Augenblicke entgehen, in denen man Veränderungen realisieren und darauf reagieren kann. Tägliche Aufmerksamkeit ist daher wertvoller als spektakuläre Qualitätszeit einmal im Jahr.

Was, wenn man diese Zeit im Alltag einfach nicht hat? Wenn ständig die Kinder, der Job, der Haushalt oder andere Care-Arbeit dringender erscheinen?
Wenn einem etwas wichtig ist, hat man immer Zeit dafür. Alles andere sind meistens faule Ausreden. Rät die Kardiologin einem Top-Manager aus gesundheitlichen Gründen dazu, täglich 30 Minuten Cardio-Training zu absolvieren, findet er die Zeit dafür. Er nimmt sie sich. Dasselbe gilt für die Partnerschaft. Wenn man sich bewusst ist, wie wichtig die Zeit für sie ist, dann sucht man nach Wegen, um sie zu finden.

Empfehlen Sie Rituale, um diese Zeitfenster im Alltag zu verankern?
Fest eingeplante Paarzeiten können bei einem vollen Terminkalender nützlich sein, damit das Paar überhaupt Zeit für sich findet. Auch Rituale morgens beim Aufstehen oder abends vor dem Zubettgehen können solche Inseln schaffen, in denen man sich begegnet und austauscht. Solche Rituale können beispielsweise ein gemeinsamer Spaziergang, eine ungestörte Tee-Runde zu zweit oder das gemeinsame gemütliche Abschalten nach einem Tag auf dem Balkon oder auf dem Sofa sein. Wichtig bei diesen Ritualen ist einerseits, dass sie fest eingeplant sind, und andererseits, dass sie die Möglichkeit zum ungezwungenen Gespräch und persönlichen Austausch ermöglichen. Zusammen Netflixschauen bietet das eher nicht.

In einem Interview sagten Sie, einer der größten Fehler, den man in der Liebe machen könne, sei es, diese als selbstverständlich anzusehen. In der ersten Phase der Verliebtheit fühlt es sich an, als gehe das ewig so weiter. Wann kommt der Punkt, an dem man merken sollte: Jetzt ist Arbeit nötig?
Das ist ein ernstes Problem. Zu Beginn zeigen beide Partner in der Regel ein außerordentliches Engagement. Doch zu diesem Zeitpunkt kostet es keinen Aufwand, es läuft von selbst, quasi im Flow der Verliebtheit. Mit der Zeit muss man immer mehr Commitment aufbringen. Es muss bewusst erfolgen, man muss sich dazu motivieren, die Investitionen in die Partnerschaft vorsätzlich tätigen. Wann genau der Zeitpunkt kommt, an dem diese bewusste Arbeit nötig wird, ist unterschiedlich, doch in aller Regel viel früher, als man denkt. Sobald sich der graue Alltag in eine Beziehung einzuschleichen beginnt und Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, um sich bewusst mehr zu engagieren.

Sie haben die Fürsorge für die Liebe mit der Fürsorge für eine Pflanze verglichen. Pflanzen kann man aber auch überpflegen. Gibt es auch zu viel Liebespflege?
Ja, wie bei allem im Leben kommt es auf das Maß an. Ein Zuviel ist genauso schädlich wie ein Zuwenig. Eine Beziehung muss atmen können, dazu braucht es auch Freiräume und Platz für eigene Bedürfnisse. Wenn eine Beziehung zu eng wird, erstickt sie die Liebe. Gründe für ein Zuviel an Zuwendung und gewissermaßen erdrückende Liebe sind meistens Besitzansprüche, krankhafte Eifersucht oder Überängstlichkeit. Ein Zuviel hat immer mit einem selber zu tun, es geht dabei nicht um den Partner oder die Partnerin. Man ist übereifrig aus einem eigenen Bedürfnis oder einer eigenen Problematik heraus.

Wie schaffe ich es, meinem Partner zu vermitteln, dass ich es wirklich ernst meine und mich mit allem, was ich habe, auf ihn einlassen will – ohne ihn zu erdrücken?
Indem Sie auf Rückmeldungen achten: Kommt Ihnen der Partner entgegen, wenn Sie auf ihn zugehen? Reagiert er oder sie mit demselben Enthusiasmus, wenn Sie gemeinsam Pläne schmieden? Commitment ist eigentlich nicht schwierig. Wenn Menschen frisch verliebt sind, zeigen sie all das, was es dazu braucht, um glücklich zu sein und den anderen glücklich zu machen. Die Kunst ist, dieses Verhalten auch nach einigen Jahren aufrechtzuerhalten. Commitment wird deshalb mit zunehmender Dauer der Beziehung immer wichtiger. Die Strategie sollte sein, das nicht zu unterlassen, was man in der Verliebtheitsphase spontan und mühelos tat: dem oder der anderen die eigene Zuneigung zu zeigen.

Und was, wenn ich merke, dass mein Partner nicht dasselbe Maß an Engagement zeigt wie ich?
In solchen Momenten spürt man eine zunehmende Unzufriedenheit, nimmt eine diffuse Ungerechtigkeit wahr, fühlt sich vernachlässigt, zu wenig wertgeschätzt. Es fehlen diese kleinen, feinen Signale, die liebenswürdigen Gesten und Handlungen, der besondere Einsatz für einen, der Zusatzaufwand, den man vorher nicht gescheut hat und der nun auf einmal dem Partner oder der Partnerin zu viel wird. Die Wahrnehmung dieses Ungleichgewichts kann sehr subtil sein, nicht mehr als ein Verdacht. Aber es gibt nur eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun: miteinander reden. Denn vielleicht liegt auch das Zuwenig nicht an einem selbst, sondern womöglich fühlt sich die andere Person zum Beispiel gestresst von der Arbeit oder hat gesundheitliche Sorgen oder etwas stimmt nicht in der Partnerschaft. Natürlich bezieht man es erstmal auf sich, wenn das Engagement des anderen spürbar nachlässt – und so kann schnell eine ungünstige Wechselwirkung eintreten, die der Liebe schadet.

Gibt es etwas, das absolut fatal für die Liebe ist?
Emotionale Entfremdung tötet die Liebe schleichend. Heute lassen sich viele Paare aufgrund von Entfremdung scheiden. Sie haben den Draht zueinander verloren, spüren einander nicht mehr, klagen, ihre Liebe sei erkaltet. Zeitmangel oder ein erlahmtes Commitment spielen dabei eine wichtige Rolle. Gegenseitige Updates sind zu selten geworden, die eine konnte nicht mehr an der Entwicklung des anderen teilhaben – und auf einmal realisieren beide eine gefühlsmäßige Distanz. Es ist ein schleichender Zerfall der Liebe, aus Unachtsamkeit und Vernachlässigung. Bei schweren Verletzungen verläuft der Prozess anders.

Wie denn?
Dabei bricht ein erschütterndes Ereignis in das Leben des Paares ein, das die Liebe massiv destabilisiert. Das kann beispielsweise eine bekanntgewordene Untreue sein, das Verschweigen von hohen Schulden oder ein emotionaler Verrat. In diesen Fällen wird die Liebe plötzlich auf den Prüfstand gestellt. Haben beide Partner über die Jahre ausreichend in die Beziehung investiert, können diese Investitionen entscheidend für das Weiterleben der Liebe sein. Wenn man beim Bild der Liebe als Pflänzchen bleibt: Es stirbt, wenn man es nicht ausreichend pflegt, aber auch, wenn man es durch Grobheit oder Unvorsichtigkeit zerbricht.

Woher weiß man in einer langjährigen Beziehung, ob es Gewohnheit ist, die einen zusammenhält, oder wirklich Liebe?
Das spürt man. Wie man zu Beginn den Unterschied zwischen Mögen und Lieben deutlich wahrnimmt, wird die Liebe auch im Verlauf der Zeit etwas Spezielles bleiben. Sie kann sich in ihrem Charakter verändern, von der leidenschaftlichen, erotischen Liebe zur ruhigeren, sinnlichen Liebe werden, doch die Liebe ist immer unverkennbar. Die Sexualität spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Deshalb betone ich auch immer die Bedeutung des sexuellen Commitments. Das heißt, dass Paare sich um diese Art des Zusammenseins ebenso kümmern müssen wie um die emotionale Nähe oder gegenseitige Unterstützung. Sexualität und Liebe gehören eng zusammen. Interessanterweise werden dieselben Hirnareale aktiviert, wenn wir jemanden lieben oder Sex mit dieser Person haben.

Bedeutet das, mein Commitment ist größer, wenn ich sexuelles Verlangen nach meinem Partner spüre?
Beides bedingt sich wechselseitig. Wenn man den Partner oder die Partnerin als committed, also aufrichtig engagiert wahrnimmt, fühlt man sich sicher, aufgehoben und getragen. Das geht sowohl mit einer stärkeren Libido einher also auch einer höheren Zufriedenheit mit der partnerschaftlichen Sexualität. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Beziehungszufriedenheit und die Bereitschaft aus, sich für diese Partnerschaft zu engagieren. Und beides trägt zu einer längerfristig glücklichen Liebe bei.

In Ihrem Buch schreiben Sie: »Emotionen versus Sexualität – das ist das Dilemma des modernen Menschen«. Können Sie das genauer erklären?
Früher gehörten Sexualität und Treue zusammen, man forderte vom Partner oder der Partnerin sexuelle Treue. Heute werden Bindung, Sexualität und Treue als Einheit erlebt, man fordert alle drei Aspekte gleichermaßen ein. Das macht dase Ganze komplexer und anspruchsvoller als je zuvor. Gleichzeitig strebt man Selbstverwirklichung, Autonomie und sexuelle Freiheit an. Das geht nicht zusammen. Der Anspruch auf emotionale und sexuelle Exklusivität kollidiert mit einem großzügigeren Ausleben von Sexualität. Damit setzt sich letztlich das Bindungsbedürfnis gegen den Wunsch nach frei gelebter Sexualität durch.

Sie haben mit vielen Paaren zusammengearbeitet. Was hatten die glücklichsten, verliebtesten unter ihnen gemeinsam?
Sie waren engagiert für ihre Beziehung, realisierten deren Wichtigkeit und die Notwendigkeit, nicht immer alles bitterernst zu nehmen, sondern gemeinsam locker sein zu können. Sie zeichneten sich durch Großzügigkeit, Toleranz und Versöhnlichkeit aus. Sie waren bereit, den Fehler auch bei sich zu sehen, einzulenken und gemeinsam faire Kompromisse zu finden.