Warum in der Schule nur männliche Autoren gelesen werden

Wer in Deutschland Abitur macht, liest möglicherweise kein einziges Buch einer Frau. Staatliche Bildungseinrichtungen setzen so die Unterdrückung weiblicher Stimmen wissentlich fort. Wie kann das sein?

Kinder in der Bibliothek ihrer Schule in Bonn.

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Sie hat wirklich viel zu tun mit den Kindern, die ihr Vater gezeugt hat, ohne sie versorgen zu wollen. Neun Kinder insgesamt, sie selbst ist die Älteste. Da tritt dieser junge Mann in ihr Leben, er will sie, ohne sie zu kennen, aber dafür ganz dringend. Die interessanten Unterhaltungen führt er allerdings lieber mit ihrem Verlobten und ihrem Vater als mit ihr. Wie kam er überhaupt auf sie? Irgendwas am Brotschneiden hat ihn verzaubert, sie versteht es nicht. Er will sie

Ein deutscher Klassiker, aber aus Frauenperspektive. Kaum wiederzukennen, wie der Werther auch gewirkt haben könnte, wenn man nicht nur ihm folgte, wie er sich an seinen Launen berauscht, sondern dem Gegenüber: Lotte. Womöglich eine bessere Protagonistin für die große Unfreiheit. Eine Perspektive, die deutsche Klassiker kaum bieten. Bei denen wird die Welt aus Männersicht erzählt. Was Frauen treiben, was sie wollen, was sie fühlen – man weiß es nicht. Und das ist ein Problem.

Eine Deutschstunde am Robert-Bosch-Gymnasium bei Stuttgart,

Das hier ist ein Leistungskurs, noch eineinhalb Jahre haben sie bis zum Abitur. Bis dahin werden sie Der Steppenwolf von Hermann Hesse, Der goldne Topf von E. T. A. Hoffmann und Johann Wolfgang von Goethes Faust durchgehen. Die drei Bücher, die derzeit alle Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg für das Deutschabitur lesen müssen. Das Buch einer Frau werden sie nicht kennenlernen, sich nicht in eine Frau einfühlen müssen durch die Kunst.

Und, bei allem Föderalismus, bei der Übergehung von Frauen sind sich alle Bundesländer einig. Wer in Deutschland Abitur macht, liest in der Schule vielleicht kein einziges Buch einer Frau. Wie in Baden-Württemberg sind auch in Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und im Saarland unter den verpflichtenden Lektüren, die während der letzten Schuljahre in den Deutsch-Grundkursen für das Abitur 2020 gelesen werden, keine Romane von Autorinnen. In Sachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen jeweils eine: Corpus Delicti von Juli Zeh beziehungsweise Sommerhaus, später von Judith Hermann.

Dabei geht es bei der Frage

Was gelesen wird und was nicht, ist kein Zufall. Das SZ-Magazin hat mehrere Kommissionen angefragt, die in den Bundesländern darüber entscheiden, darunter die in Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen. In all diesen Ländern war kein Kontakt zu den Kommissionen möglich. »Gerne, kommen Sie vorbei« – das sagte nur Martin Brück am Telefon. Er sitzt im dritten Stock eines Bürogebäudes in Stuttgart-Nord. Über Schullektüren wissen wenige so viel wie er. Brück, Lieblingsautor Peter Handke, ist seit 33 Jahren Deutschlehrer. Seit zehn Jahren leitet er die »Abiturkommission Deutsch« in Baden-Württemberg. Unter seiner Führung war keine einzige Autorin unter den Pflichtlektüren. Keine Terézia Mora, keine Nelly Sachs, keine Christa Wolf. Die letzte Autorin überhaupt, mit der Schülerinnen und Schüler in Kontakt kamen, war Ingeborg Drewitz mit dem Roman Gestern war heute: Hundert Jahre Gegenwart, der die Geschichte einer Berliner Arbeiterfamilie aus Sicht der Frauen erzählt. Das war 1978.

Warum seitdem nicht mehr? Martin Brück wechselt das Thema gleich zu all den anderen Schwierigkeiten, die mit der Auswahl einhergehen: Eltern, die sich beschweren, wenn Sex in einem Buch vorkommt. Eltern, die meinen, Der Steppenwolf von Herman Hesse rege zum Drogenkonsum an. Und ja, unter den Beschwerden seien auch die von Lehrerinnen, die kritisieren, dass Frauen fehlen. Klingt wie: Beschwerden gibt es immer. Aber ist die Perspektive einer Hälfte der Menschheit wirklich eine Beschwerde aus der Kategorie »Beschwerden gibt es immer«? Brück findet eine Antwort: »Es gibt halt einen engeren Kanon, und Goethe, Schiller, Kleist, Kafka, Eichendorff gehören dazu.«

Alle Gespräche über Schullektüren führen zu

Und wenn sich die Zeiten ändern,

Der Schulkanon ist wie ein Finger

Literatur gibt Halt. Wer ein Buch liest, kann sich wiederfinden, Orientierung erfahren. Und man kann die Welt mit anderen Augen sehen, Empathie entwickeln. Die Schriftstellerin Ruth Klüger schreibt in ihrem Essay Frauen lesen anders, dass Frauen das schon als Mädchen lernen. Weil sie sich von klein auf daran gewöhnen müssen, Texte von Männern zu verstehen. Bis zum Abitur lesen sie zahlreiche Entwicklungsromane mit männlichen Protagonisten. Mädchen lernen, was es heißt, als Mann erwachsen zu werden, als Mann zu zweifeln, als Mann zu herrschen. Jungen sind auf einen solchen Perspektivwechsel nicht angewiesen. So werden gesellschaftliche Schieflagen reproduziert: Männerprobleme werden zu Menschheitsproblemen, alles andere zur Nebensache.

Fiktionen könnten helfen, das zu ändern,

Wie die unsichtbare Hand wirkt, lässt sich gut hinter der Stuttgarter Stadtgrenze verstehen, in der Unternehmenszentrale von Reclam. Hier werden die kleinen gelben Bücher gemacht, mit denen Schülerinnen und Schüler deutschlandweit an Literatur herangeführt werden. Für die meistgelesenen Schulklassiker von Reclam gibt es Sonderausgaben. Unter den 68 Sonderausgaben ist nur eine von einer Frau: Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff. Reclam erklärt schriftlich, der Verlag reagiere mit seinem Programm auf die Lektürevorgaben der Ministerien. Martin Brück sagt hingegen, dass die Ministerien sich bei ihrer Auswahl daran orientieren, welche Bücher bei den Verlagen verfügbar seien, günstig, lieferbar. Weder der Verlag noch das Ministerium scheinen ihre Rolle als gestaltende Kraft zu erkennen. Der Kanon als Instanz, die Akteure als Abhängige.

Spricht man mit Martin Brück darüber, warum während seiner Amtszeit keine Autorinnen auf den Lektürelisten standen, verweist er auf die Kriterien, die Schullektüren erfüllen müssen: literarische Qualität, Eignung für die Schule, Vergleichbarkeit. Außerdem seien immer wieder Autorinnen im Gespräch gewesen, und die Lehrkräfte könnten mit ihren Kursen ja auch Lyrikerinnen lesen. Für frühere Klassen empfiehlt Baden-Württemberg die Lektüre von Theresa Fontanes Stadtgedicht, Niedersachsen Gedichte von Ingeborg Bachmann wie Früher Mittag und Römisches Nachtbild. Es ist wichtig, Lyrikerinnen wie diesen Raum zu geben, an dem Fehlen von Romanautorinnen ändert das aber nichts. Und: Ob vor dem Abitur Gedichte von Frauen gelesen werden, liegt wie in Baden-Württemberg auch in vielen anderen Bundesländern an den Lehrerinnen und Lehrern, vorgegeben werden meistens nur die Epochen.

Martin Brücks Kommission besteht aus vier weiteren Lehrkräften, die wie er beim Regierungspräsidium beschäftigt sind. Bewerben kann man sich nicht. Einbestellt wird, wer auffällt. Die Auswahl der Lektüren läuft so ab: Die Vier sprechen einen Termin ab, schlagen Bücher vor, treffen sich einen Nachmittag lang, entscheiden. Selten ist ein zweites Treffen nötig. Diesmal fiel die Wahl mit Der Steppenwolf, Faust und Der goldne Topf auf einen Entwicklungsroman aus dem 20. Jahrhundert, eine Tragödie und ein Märchen aus dem 19. Jahrhundert. Alle drei Autoren sind Männer, alle drei sind tot, alle drei Bücher haben männliche Protagonisten, alle drei sind Klassiker.

Für Menschen wie Brück gehören Klassiker wie diese zum Besten, was die deutschsprachige Literatur zu bieten hat. Aber auch die Literaturwissenschaftlerinnen, die für diesen Artikel befragt wurden, wollen Klassiker nicht aus der Schule verbannen. Genauso wenig will das Birgit Hecht vom Robert-Bosch-Gymnasium. Als neulich unter den Lehrkräften darüber diskutiert wurde, ob vor dem Abitur immer Goethes Faust gelesen werden sollte, war sie dafür. Hecht spricht etwas leiser als sonst, als spräche sie eine Wahrheit aus, die niemand mithören sollte, sie sagt: »Wer würde das freiwillig lesen?«

Schullektüren sind ein Politikum. Als das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen bekanntgab, ab 2021 statt Faust fortan Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing fürs Abitur zu lesen, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, er sei »fassungslos«. Wer den Kanon hinterfragt, macht sich unbeliebt.

Saša Stanišić, 2019 für seinen Roman Herkunft mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, gehört zu den Kritikern. Der 42-Jährige spricht von einem »Kanon der Defizite«, Goethe nennt er einen »Lehrplandauergast«, Hesse findet er »wunderbar mittelmäßig und süffig«. Ihm fehle zu viel, es werde zu viel nach hinten und zu wenig nach vorn geschaut, die Literatur habe zu wenig mit den Leserinnen und Lesern zu tun. Überhaupt hält Stanišić wenig von Diskussionen, die abwägen, ob jene Autorin bessere Texte geschrieben habe als jener Autor: »Es geht darum, dafür zu sensibilisieren, dass es diese Autorinnen gegeben hat und sie es verdienen, mehr als Randnotizen der Literaturgeschichte zu sein.« Es hat einen gewissen Charme, wenn Stanišić so über den Kanon spricht, er gehört schließlich selbst dazu – in Hamburg steht er auf der Lektüreliste für das Abitur.

Wie Stanišić sind auch die Literaturwissenschaftlerinnen,

Die Literaturwissenschaft lässt in dieser Frage keine Zweifel zu: Frauen haben immer geschrieben, zu allen Zeiten, nur eben unter erschwerten Bedingungen. Jane Austen versteckte ihre Manuskripte zwischen Löschpapier. Emily Brontë schrieb wie ihre Schwestern unter männlichem Pseudonym, sie nannte sich Ellis Bell. George Sand, die eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil hieß, schrieb spätabends, weil sie tagsüber ihre Großmutter pflegte. Und Maya Angelou mietete zum Schreiben Hotelzimmer, um häuslichen Pflichten zu entkommen. Als Joanne Kathleen Rowling 1997 den ersten Band von Harry Potter veröffentlichte, beschloss ihr Verlag aus wirtschaftlichen Gründen, ihr Geschlecht unkenntlich zu machen. Auf einigen Ausgaben steht noch immer: J. K. Rowling. Eine Studie der Ohio State University untersuchte 2013, wie sich das Geschlecht der Autorin oder des Autors auf die Wahrnehmung von wissenschaftlichen Texten auswirkt. Ein Ergebnis: Die meisten Menschen neigen dazu, einen Text als besser zu bewerten, wenn sie glauben, er sei von einem Mann geschrieben worden.

Seit dem 18. Jahrhundert prägt uns die Vorstellung, der Mann sei das kulturschaffende Geschlecht, der Dichter und Denker. Wie in anderen Bereichen der Gesellschaft wurden Frauen auch in der Literatur in die Passivität gedrängt. Ein gutes Beispiel ist Cornelia Goethe, Johann Wolfgang von Goethes Schwester. Sie erhielt die gleiche bürgerliche Erziehung wie ihr Bruder, wurde in Sprachen, Recht, Geografie, Schreiben und Rechnen unterrichtet, lernte Fechten und Reiten. Studieren durfte sie nicht, sie wurde verheiratet. Trotzdem zeigte sich ihr schriftstellerisches Talent, und zwar in ihren Briefen, die sie heimlich schrieb – an ihren Bruder, der sie für ihren Schreibstil bewunderte, ihre Briefe später verbrannte und ihr verordnete, das »angenehmste« Mädchen zu werden. Oder in ihrem Brieftagebuch Correspondance Secrète, das erst 1990 veröffentlicht wurde, 223 Jahre nach ihrem Tod.

Seitdem hat sich einiges getan, vor

Birgit Hecht zieht eine Liste des baden-württembergischen Kultusministeriums aus ihrer Tasche, in verschiedenen Kategorien werden darauf Bücher empfohlen, die während der Gymnasialzeit gelesen werden können. Hecht hat nachgezählt:
»Wissenschaft und Verantwortung«: nur Männer.
»Freiheit und Verantwortung«: nur Männer.
»Recht und Gerechtigkeit«: nur Männer.
»Selbstbestimmung und Fremdbestimmung«: 16 Männer, eine Frau.
»Von Söhnen und Töchtern«: 15 Männer, eine Frau.
Und – Achtung – »Versuche weiblicher Identitätsfindungen«: neun Männer, sechs Frauen.
Von insgesamt 241 empfohlenen Werken stammen nur 22 von Autorinnen. Listen wie diese bestimmen den Lesestoff niedriger Klassen und ziehen sich über die gesamte Schulzeit bis an die Universitäten.

Frauen sind in den Geschichten, die beim baden-württembergischen Abitur gelesen werden, zweitrangige Nebenfiguren, die nur in Beziehung zum Mann vorkommen. Sie sind Partnerin, Schwester, Geliebte, Stiefmutter. Im goldnen Topf erfährt die Leserschaft, wie die »wahnsinnige« Veronika und Serpentina um Anselmus buhlen. Im Steppenwolf, wie das »hübsche bleiche Mädchen« Hermine möchte, dass Halle sich in sie verliebt, während die Prostituierte Maria ihn sexuell befriedigt. Am Ende wird Hermine aus Eifersucht von Halle getötet. Und bei Goethe liest man, wie Gretchen, »weder Fräulein, weder schön«, sterben muss, damit Faust mit sich selbst leben kann. Natürlich gehört zur passiven Frauenfigur ein selbstbewusster männlicher Gegenpart. Faust bei Goethe, Wilhelm Tell bei Schiller, Danton bei Büchner – die Liste der wichtigen Männerfiguren in Schulklassikern ist lang, die der bedeutenden Frauen besteht aus Leerstellen.

Auch deswegen macht Birgit Hecht mit

Wie stark Lektüren das eigene Schreiben und Sein beeinflussen, erlebte auch die Schriftstellerin Chimamanda Ngozie Adichie. In ihrem TED-Talk Die Gefahr der einzigen Geschichte erzählt sie von ihrer Kindheit in Nigeria, in der sie vor allem britische und US-amerikanische Bücher las. Als sie selbst zu schreiben begann, waren die Menschen in ihren Geschichten weiß und blauäugig, spielten im Schnee, aßen Äpfel und sprachen darüber, wie schön es sei, dass die Sonne rauskomme. »Ich war damals nie außerhalb Nigerias gewesen«, erzählt Adichie. »Wir hatten keinen Schnee, wir aßen Mangos und wir sprachen nie über das Wetter.« Adichie hatte die Bilder übernommen, denen sie in Büchern begegnet war. Und weil sie sich selbst und ihre Erfahrungen nicht darin wiederfand, glaubte sie, relevante Literatur müsse von Dingen handeln, die mit ihrem Leben nichts zu tun haben. Könnte es jungen Leserinnen in der Schule nicht genauso gehen?

Und wenn man das weiterdenkt: Wer

Mädchen und Jungen, Frauen und Männer,

Zu letzteren gehört Enis Maci, 27

Für Maci sind Schullektüren deswegen eine