Autofokus

Oldtimer sind das Markenzeichen Kubas. Auch der Fotograf Florian Rainer fotografierte die historischen Autos - im Mittelpunkt seiner Bilder steht jedoch etwas ganz anderes.

Name: Florian Rainer
Alter: Geboren 1982 in Leoben
Ausbildung: Master in Soziologie und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien
Wohnort: Wien
Website: florianrainer.com

SZ-Magazin: Autos auf Kuba fotografieren - eigentlich keine sehr neue Idee.
Florian Rainer: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dort Autos fotografiert habe. Sie waren eher Trägermedien für die Umgebung. Eine Autoserie hätte ich in Kuba hundertprozentig nie fotografiert, weil das Blödsinn ist.

Ihr Projekt heißt »Zeitfenster«. Was entdeckt man, wenn man durch die »Zeitfenster« sieht?
»Zeitfenster« ist natürlich ein Wortspiel. Erstens natürlich mit den echten Autofenstern. Zweitens ist es ein »Zeitfenster«, in dem Kuba die Möglichkeit hätte, sich gesellschaftlich zu verändern. Zeitfenster bezeichnen ja immer eine Zeit, in der sich starke Veränderungen abzeichnen. Ich glaube, in Kuba sind die aber eher von den westlichen Medien herbeigeschrieben, viel verändert sich dort meiner Erfahrung nach nicht. Das Dritte war, dass man quasi durch diese Fenster auf eine Gesellschaft blickt, die sich kaum verändert und noch sehr in ihren kommunistischen Strukturen gefangen ist. Dieser Titel hat also drei Bedeutungen.

Dann war die Idee hinter den Fotos also, die Gesellschaft zu zeigen?
Ja genau. Zumindest die Gesellschaft, wie sie sich auf der Straße zeigt.

Wussten die abgebildeten Menschen und die Autobesitzer von Ihren Fotos?
Naja, die Besitzer und die Passanten haben angenommen, ich fotografier die Autos. Die dachten, »wieder ein Tourist, der die Autos fotografiert« und bemerkten nicht, dass ich in Wirklichkeit sie fotografiere.

War das Fotografieren mit Spiegelungen eine technische Herausforderung?
Spiegel faszinieren mich immer schon. Die baue ich oft und gerne ein. Bei dieser Technik musst du anders schauen. Du musst quasi durch dein Medium, die Autoscheibe, ums Eck schauen können. Am besten hat es funktioniert, wenn die Autos im Schatten standen und die gegenüberliegende Seite beleuchtet war.

Woher kommt die Faszination für Spiegel? 
Es fasziniert mich, wie vielschichtig man arbeiten kann. Du kannst mehrere Ebenen in dein Bild einziehen. Das finde ich persönlich spannend. Für den Betrachter ist es eine Herausforderung, erst mal zu checken, wie das überhaupt funktioniert. In meinen Lieblingsbildern gibt es immer mehrere Schichten, das heißt, du hast einerseits die Spiegelung, aber du kannst auch durch das Glas sehen. Das sind meiner Meinung nach die interessantesten Bilder, weil du dann plötzlich drei Ebenen hast, die kaum auseinander zu halten sind.

Gab es ein Auto-Modell, das Sie besonders gerne fotografiert haben?
Das Interessante an den Autos ist ja, dass man an ihnen die Geschichte Kubas ablesen kann. Sie sind nicht alle aus der gleichen Zeit und mit unterschiedlichen Intentionen in das Land gekommen. Da gibt es einige russische Fabrikate, die in den 60er und 70er Jahren kamen. Dann sind ein paar französische Autos dabei, die teilweise schon fast als Entwicklungshilfe interpretiert werden können und dann gibt es diese Straßenkreuzer aus der Zeit vor der Revolution, die an das »gute alte Kuba« erinnern. Aber wie gesagt, es geht nicht wirklich um die Autos, die sind mehr ein Nebenprodukt.

Seit 2014 ist es in Kuba erlaubt, fabrikneue Autos zu kaufen. Auf Ihren Bildern sind fast ausschließlich Oldtimer zu sehen. Warum?
Ich habe nicht um fabrikneue Autos »herum« fotografiert. Sie schauen manchmal ein wenig hervor, auf einem Foto ist ein Hyundai zu sehen. Fabrikneue Autos sind dort meist chinesische Fabrikate. Die sind halt super billig und können nicht viel. Aber man muss ehrlich sagen, die Oldtimer sind ja keine Alltagsautos. Die werden in 90 Prozent der Fälle als Taxis verwendet. Die wenigstens Kubaner fahren mit ihnen, die sind eher für die Touristen. Auch neue Autos findet man nur im Tourismus-Bereich. So wie alles, was halbwegs neu ist.

Es klingt, als stünden Sie dem Tourismus in Kuba eher kritisch gegenüber.
Der Tourismus dort ist ein sehr zweischneidiges Schwert. In Wirklichkeit führt er durch die Hintertür eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ein. Soweit ich weiß, wurde 2011 ein Gesetz erlassen, das es erlaubt, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Das merkt man jetzt ganz stark. Die Leute, die mit Touristen in Kontakt kommen, bekommen konvertible, harte Währung, die auch etwas wert ist. Alle anderen nicht. Außerdem gab es einige Tiefpunkte während meiner Reise. Einer war, zu beobachten, wie die westlichen Touristen nach Havanna kommen, sich in Busse setzen und dann genau die Punkte abklappern, die ihre Klischees von Kuba exakt bestätigen. Die bewegen sich in einer Blase über die Insel und kommen dann nach Hause, um zu sagen: »Es war so toll und schön und die Leute waren so gut drauf«. Da dachte ich nur noch: »Hallo, ihr seid nicht von eurer Reisegruppe weggegangen, ihr wart nie außerhalb eurer Hotels, in Wirklichkeit habt ihr gar nichts gesehen.« Es kam mir vor, als würden die Leute in einen All-Inclusive-Club fahren und dann ein Urteil über das Land abgeben. Besonders siehst du es in den kleinen Städten. Wenn du auf den Hauptplatz gehst, scharen sich dort die Fotogruppen, die mit ihren Zehntausend-Euro-Kameras alle exakt das gleiche Bild machen. Nämlich von der Kubanerin mit der Zigarre im Mund. Ein Durchschnitts-Kubaner verdient in zehn Jahren nicht genug, um sich das Equipment zu leisten, das denen um den Hals baumelt. Wenn du dann 200 Meter weiter gehst, betteln dich alle an. Das passt vorne und hinten nicht zusammen.

Haben Sie Kuba mit einem negativen Gefühl verlassen?
Ja, natürlich. Manche Leute lieben Kuba sehr und andere packen es überhaupt nicht. Es gibt wenig dazwischen. Tendenziell mögen es die Leute, ich gehöre leider nicht dazu. Gut, wenn ich 20 gewesen wäre und noch nie etwas gesehen hätte, dann hätte es mir dort wahrscheinlich gut gefallen. Die Häuser und die alte Kolonial-Architektur sind wirklich wunderschön. Nur hat das mit dem Kuba von heute überhaupt nichts zu tun. Das ist alles mittlerweile uralt und bröckelt.

Fotos: Florian Rainer

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