Das falsche Fundament

Immer wieder wurde der Text des deutschen Grundgesetzes den gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst. Ein komplett überkommenes Wort aber blieb stehen: Rasse. Es ist höchste Zeit für die weiße Mehrheit im Bundestag, diesen rassistischen Begriff endlich zu entfernen.

Rassismus lässt sich nicht mit rassistischen Begriffen bekämpfen.

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Ich könnte mich in diesem Text hinter einem »wir«, einem »die« oder einem »man« verstecken, aber ich muss »ich« sagen, wenn ich über Rassismus spreche. Nicht weil ich rassistisch beleidigt werde, sondern weil ich zur weißen Mehrheit in Deutschland gehöre. Zu einer Mehrheit, die zum Teil leider immer noch nicht bereit ist anzuerkennen, dass es so etwas wie strukturellen Rassismus überhaupt gibt.

Struktureller Rassismus in Deutschland beginnt nicht erst mit dem verweigerten Mietvertrag, mit der ausbleibenden Einladung zum Vorstellungsgespräch und auch nicht mit einer »anlasslosen« Polizeikontrolle. Struktureller Rassismus beginnt in Deutschland schon mit dem Grundgesetz.

In Artikel 3, Absatz 3 steht: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.« Niemand darf wegen seiner »Rasse« benachteiligt oder bevorzugt werden. Dieser Satz, der Menschen in Deutschland vor Rassismus schützen soll, setzt voraus, dass es so etwas wie »Rassen« überhaupt gibt und ist somit selbst rassistisch. Er sollte gestrichen werden.
Wissenschaftlich ist längst belegt: Menschen lassen sich nicht in Rassen einteilen. Der genetische Ursprung aller Menschen liegt in der Subsahara, es gibt keine getrennten Evolutionslinien und Hautfarben markieren lediglich die jahrhunderttausendealte Anpassung an klimatische Bedingungen. Diese Erkenntnisse sind seit Jahrzehnten wissenschaftlicher Standard. Erst im vergangenen Jahr veröffentlichten vier Professoren für Evolutionsforschung die »Jenaer Erklärung«. Sie ist überschrieben mit dem Satz: »Das Konzept der Rasse ist Ergebnis von Rassismus, nicht dessen Voraussetzung.«

Deshalb sind auch Begriffe wie »Rassenunruhen« und »Rassenkrieg« mit Hinblick auf die Demonstrationen im Gedenken an George Floyd und gegen Polizeigewalt in den USA falsch. Und sie sind gefährlich, weil sie einen Zusammenhang zwischen einer vermeintlich schwarzen Rasse und Gewalt herstellen.

Ich bin nicht die erste, die fordert, den Begriff »Rasse« aus dem Grundgesetz zu streichen. Das haben schon viele vor mir getan: das Institut für Menschenrechte, die Europäische Kommission, die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, Die Linke im Bundestag.

Bereits 1950 stellte die UNESCO in ihrem »Statement on race« fest, dass der Begriff »Rasse« nur für eines gut sei: die Verfolgung bis zum Genozid. Und verwies damit auch auf den rassistischen Ursprung des Begriffs, der in Europa Anfang des 18. Jahrhunderts Einzug hielt. Zu einer Zeit also, in der die Europäer bereits seit rund zwei Jahrhunderten auf einem weltweiten Beutezeug waren, versklavten, missbrauchten, mordeten. Man teilte die Welt unter sich und die Menschen in Farben auf, mit dem weißen Mann als Schöpfer, Herrscher, Gottgesandten.

Rassismus wird in Europa seit Jahrhunderten gelebt, wir »inhalieren« ihn geradezu, schreibt die Autorin Tupoka Ogette in ihrem Buch »Exit Racism«. In Deutschland mündete die Entwertung des »Anderen« im Rassenwahn der Nationalsozialisten. Nach dem Mord an Millionen Menschen jüdischen Glaubens, an Sinti und Roma, Homosexuellen und Menschen mit Behinderung sollte das Grundgesetz schließlich das Dokument eines Neuanfangs sein, eine Feier der Freiheit und Gleichheit aller. Der »Rasse«-Begriff fand trotzdem Einzug.
Länder wie Österreich, Schweden und Finnland haben den Begriff mittlerweile getilgt. Auch aus den Landesverfassungen von Thüringen und Brandenburg ist er herausgestrichen worden. Nach dem rechtsextremen Anschlag in Hanau griffen die Grünen das Thema wieder auf und unterstrichen ihr Anliegen nun noch einmal vor dem Hintergrund der Geschehnisse in den USA. VertreterInnen von SPD, FDP und Linke schlossen sich ihnen im Laufe der vergangenen Woche an.

Zeit wird’s. Das Grundgesetz wurde in den vergangenen 70 Jahren laufend den gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst. Die »Rasse«


Der Einwand ist berechtigt, doch er setzt voraus, dass das Wort »Rasse« kritisch gelesen wird. Das ist in Deutschland kaum der Fall, man liest und versteht das Wort genau so, wie es einmal gemeint war: als sprachliches Instrument, das erlaubt, die eigene Macht zu erhalten, indem man andere Menschen abwertet. So haben wir es schließlich in der Schule gelernt, so wurde es uns im Alltag vorgelebt.
»rassismus bleibt/bleiches gesicht einer krankheit/ die uns heimlich und öffentlich auffrisst.« Dieses Zitat stammt von der Dichterin May Ayim, die eine der wichtigsten Vertreterinnen der Schwarzen Community in Deutschland war. Egal, wie weh diese Einsicht tut: Ich bin selbst eines dieser bleichen Gesichter.

Somit ist das Überleben der »Rasse« im Grundgesetz nicht nur Ausdruck politischer Trägheit. Es ist vielmehr Ausdruck einer tief verwurzelten Ignoranz der weißen Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer von strukturellem Rassismus durchzogenen Realität, mit der sich Schwarze und People of Color Tag für Tag konfrontiert sehen.
Wahrscheinlich hat es die Mehrheit der weißen Deutschen bisher einfach nicht sonderlich interessiert, ob im Grundgesetz das rassistische Wort »Rasse« steht, weil sie selbst nicht von Rassismus betroffen sind. Möglicherweise profitieren sie als Weiße sogar von den Ungerechtigkeiten. Zumal ich, wenn ich weiß schreibe, viel mehr als eine Hautfarbe meine.

Viel eher beschreibt dieses Wort ein alle Lebensbereiche umspannendes Netz aus Privilegien, das auch mir, obwohl ich eine Frau bin, immer einen Vorsprung verschafft. In der Schule, an der Uni, im Beruf, in der Auseinandersetzung mit Polizisten und Beamtinnen, auf dem Wohnungsmarkt, im Wartezimmer.

Die Autorin Şeyda Kurt twitterte diese Woche: »An fast jedem verdammten Tag des Jahres gedenken wir in Deutschland eines Opfers rechten Terrors. Oder Opfern institutioneller Gewalt. Und manche Menschen fragen sich tatsächlich immer noch, ob es hierzulande ein Rassismusproblem gibt.« Sie hat Recht. Die Beweisführung ist längst abgeschlossen.

Ich kann als Weiße nicht nachempfinden, was es bedeutet, von Rassismus betroffen zu sein. Meine Hautfarbe war in meiner Lebensrealität immer die Norm und wenn ich doch mal die einzige Weiße war, habe ich meine Andersartigkeit nicht als ein Defizit empfinden müssen, weil mir daraus keine Nachteile erwuchsen. Eher war das Gegenteil der Fall.

Meine Hautfarbe hat nie eine besondere Rolle gespielt. Dass das auch anderen Weißen so geht, merke ich an den Reaktionen, wenn ich mich vor Weißen selbst als weiß bezeichne. Vor allem mittelalte Menschen und besonders jene aus dem bildungsbürgerlichen Milieu reagieren irritiert bis ablehnend, wenn man versucht mit ihnen über die Privilegien zu sprechen, die sie stets so selbstverständlich in Anspruch genommen haben. Rassistisch sind in ihren Augen immer die anderen. Dann geht es um die Pogrome Anfang der Neunziger in Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, um den NSU, die Anschläge in Hanau und Halle oder den Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke. Um die vielen Übergriffe auf Geflüchtete in den vergangenen Jahren geht es im Übrigen fast nie. Das Problem wird derweil auf die Extremisten verlagert. Es ist wichtig, über die Entwicklungen des Rechtsterrorismus in Deutschland Bescheid zu wissen. Doch dass dieser seit Jahrzehnten gedeihen kann, hat auch mit der Normalisierung rechter Positionen im Alltag zu tun, die mit dem Einzug der AfD in Landtage und Bundestag einen neuen Höhepunkt erreichte. Und diese Normalisierung beginnt mit vermeintlichen Kleinigkeiten wie dem N-Wort. Ich selbst habe Ende der 90er bei MTV gelernt, dass man dieses Wort nicht mehr benutzen sollte. Dass man sich mit diesem Begriff die Sprache der Sklavenhalter zu eigen macht. Wie oft habe ich, haben wir seitdem darüber diskutiert? Öffentlich und im Privaten?

Trotzdem wird es immer noch gesagt, auch und manchmal mit Wonne. Darauf angesprochen scheinen sich die Leute zu schämen, räumen ihren Fehler aber trotzdem nicht ein: War doch nur ein Scherz und sowieso ganz anders gemeint! Der große amerikanische Essayist James Baldwin sagte 1963 im Gespräch mit dem Psychologen Kenneth B. Clark: »What white people have to do is try and find out in their own hearts why it is necessary to have a 'nigger' in the first place, because I'm not a nigger. I'm a man. But if you think I'm a nigger, it means you need it.« Frei übersetzt: »Was weiße Menschen tun müssen, ist in ihrem Herzen die Frage zu beantworten, warum sie überhaupt einen N* brauchen, denn ich bin kein N*. Ich bin ein Mann. Aber wenn du glaubt, dass ich ein N* bin, bedeutet das, dass du es so brauchst.«
Was Baldwin uns vor Augen führt: Die Abwertung des »Anderen« verweist immer zurück auf den Abwertenden selbst und stellt die Frage nach dem Warum. Warum hat es jemand nötig, heute noch Schwarze Menschen als N* abzuwerten? Was sagt das über das Weißsein?

In denselben Gesprächen schnurren dann auch die deutschen Kolonialverbrechen schnell zu »den paar Kolonien« zusammen und die »viel schlimmeren« Kolonialherren aus Belgien, Frankreich und Großbritannien sind bald ausgemacht.

So weit haben die Schlussstrichfantasien von rechts vielleicht schon geführt: Für die Aufarbeitung vergangener Verbrechen wünschen sich

Das deutsche Kaiserreich war zwar nicht in Libyen, da hat Gabriel Recht, aber es herrschte zwischen 1884

Die Streichung des Begriffs »Rasse« aus dem Grundgesetz wird diese Ignoranz nicht aus der Welt schaffen. Sie kann nur eine weitere von vielen Maßnahmen gegen Rassismus sein. Ein Anfang am Anfang unserer Demokratie, gewissermaßen. Rassismus lässt sich nicht mit rassistischen Begriffen bekämpfen. Wir stehen auf dem falschen Fundament.

Deshalb ist nun die weiße Mehrheit in Bundestag und Bundesrat gefragt, den Begriff »Rasse« mit einer Zweidrittelmehrheit aus dem Grundgesetz zu verbannen und damit endlich zu sagen: Wir hören euch! Wir glauben euch! Der Kampf gegen Rassismus geht uns alle an.
Der neue Artikel lautet dann hoffentlich: »Niemand darf rassistisch oder wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.« Und hoffentlich hören die weißen Deutschen dann endlich auf, beleidigt zu sein und fangen endlich an, sich mitgemeint zu fühlen, wenn von strukturellem Rassismus in Deutschland die Rede ist. Es geht nicht um Schuld oder Scham, sondern um Verantwortung.

Schließlich sind Gesetze mehr als Rechtsnormen, sie regeln nicht nur unser Zusammenleben, von ihnen kann auch eine