»Je mehr sie meinen Vater geschlagen haben, desto stärker wurde er«

Afrobeat-Star Femi Kuti im Interview über das Vermächtnis seines Vaters Fela, dessen ungewöhnliche Erziehungsmethoden und die deprimierenden politischen Verhältnisse in seiner Heimat Nigeria.

Foto: Naive Records/Indigo

Wenn man auf die Popgeschichte zurückblickt, begegnet man vielen Visionären, Charismatikern und Exzentrikern. Doch selbst in diesem Panoptikum der genialen Typen ist der Nigerianer Fela Kuti eine ziemlich einzigartige Erscheinung. Dass liegt natürlich an seiner Musik, daran, dass er eigenhändig einen neuen Stil erfand - Afrobeat - und diesen auf mehreren Dutzend LPs hinaus in die Welt trug. In gleichem Maße liegt es aber an seinem politischen Aktivismus, seiner Opposition zur nigerianischen Militärjunta der Siebzigerjahre und dem von ihm als zynisch und korrupt kritisierten Staatsapparat. Im Westen ist politischer Aktivismus von Stars oft Pose, und wenn nicht, dann doch zumindest in der Regel ungefährlich. Kuti hingegen wurde vom nigerianischen Staat jahrelang brutal schikaniert. 1977 zerstörten 1000 Soldaten seine Kommune in Lagos, die Kalakuta Republic, verprügelten ihn und warfen seine Mutter aus einem Fenster, worauf diese starb. 1984 wurde er unter fadenscheinigen Gründen zu 20 Monaten Haft verurteilt, doch auch das hielt ihn nicht davon ab, weiterhin seine radikalen politischen Vorstellungen zu äußern. Als er 1997 an Aids starb, war es ruhig um ihn geworden, in den letzten Jahren hat seine Musik jedoch ein großes Revival erlebt und ist bis in den westlichen Indie-Underground vorgedrungen.

Als ich Felas Sohn Femi Kuti zum ersten Mal live gesehen habe, war ich wie vom Donner gerührt: Es war, als stünde Fela Kuti selbst auf der Bühne, und die Band des Sohnes spielte genauso groovy wie man es vom Vater gewohnt war. Wenn man genauer hinhört, findet man natürlich auch Unterschiede zwischen Fela und Femi. Dennoch ist mir im Pop kein zweiter Fall bekannt, bei dem ein Sohn ähnlich überzeugend in die Fußstapfen seines Vaters getreten wäre. Gerade ist sein neues Album No Place For My Dream (Naive/Indigo) erschienen, dessen Afrobeat-Monstergrooves und politische Statements das Erbe Fela Kutis würdig fortschreiben. Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, Femi Kuti zu Hause in Lagos anzurufen.

Femi Kuti, ihr Vater Fela Kuti ist seit 16 Jahren tot, dennoch ist seine Musik so lebendig wie nie. Inzwischen spielen selbst die Hipster in Berlin und Brooklyn Afrobeat.
Schon als kleiner Junge hatte ich das Gefühl, dass die Musik meines Vaters etwas besonderes ist. Deshalb überrascht es mich nicht, wenn ich heute von den jungen Afrobeat-Bands in Australien, Japan, Europa oder Amerika höre. Auch mein Vater, wo immer er auch ist, ist bestimmt sehr froh darüber.

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Wichtig für dieses Revival dürfte sein, dass seine Musik inzwischen viel leichter zu bekommen ist als zu seinen Lebzeiten.
Als Fela 1997 starb, gab es unzählige Raubpressungen mit seiner Musik. Das haben wir gestoppt und seinen umfangreichen Katalog an Plattenfirmen lizenziert, denen seine Musik wirklich am Herzen liegt. Für die Familie ist es sehr wichtig, dass seine Alben auf der ganzen Welt erhältlich sind.

Wie eng war ihr Verhältnis zu Fela, als Sie aufwuchsen? Soweit ich weiß, haben Sie als Kind nicht mit ihm zusammengewohnt.
Das stimmt, ich bin dann allerdings als Teenager in seine Band eingetreten und in die Kalakuta Republic gezogen (Anmerkung: Fela Kutis Kommune in Lagos). In dieser Zeit hatten wir ein sehr enges Verhältnis. Ich war seine rechte Hand und habe viel für ihn erledigt.

Und vorher?
Fela war kein konventioneller Vater. Er war viel unterwegs, hat irgendwo einen Gig gespielt, stand vor Gericht, hat sich vor der Polizei versteckt. Trotzdem war er im Leben von mir und meinen Schwestern präsent: Wir wussten immer, dass er uns liebte. Wir haben aber auch sehr früh verstanden, dass wir keinen Vater haben, der sich abends hinsetzt und mit uns Hausaufgaben macht.

»Jeder hat mich mit ihm verglichen. Du wirst nie so gut werden wie dein Vater, haben die Leute gesagt. Ich bin froh, dass ich diesen Sturm überstanden habe«

Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass Sie um seine Aufmerksamkeit kämpfen müssen?
Kämpfen nicht direkt. Wobei tatsächlich oft hundert Leute um ihn herum waren – der helle Wahnsinn. Aber als Kinder fanden wir das toll. Wir hatten sehr viele Freiheiten. Fela wollte nicht mal, dass wir in die Schule gehen – er fand, dass wir dort eine Erziehung im alten Kolonialstil bekämen und das hat ihm nicht gefallen. Wenn wir gesagt haben, wir bleiben heute zu Hause, war er sehr zufrieden. Als wir älter wurden, haben wir besser verstanden, was ihn beschäftigt hat und warum die Dinge so geschehen sind, wie sie geschahen.

Ziggy Marley hat mir mal erzählt, dass seine Kindheit oft ziemlich hart war.
Nun, es ist ja bekannt, dass Fela viele Jahre lang vom nigerianischen Militär und von der Geheimpolizei verfolgt wurde. Sie haben ihn oft zusammengeschlagen, belästigt und festgenommen. Meine Mutter hat versucht, uns vor diesen Sachen zu schützen und uns nah bei sich zu behalten. Aber je älter ich wurde, desto mehr habe ich davon mitbekommen.

Sind Sie auch von der Polizei verprügelt worden?
Ja, schon. Aber wesentlich weniger gravierend als mein Vater. Die haben Rücksicht darauf genommen, dass ich noch ein Kind war.

Trotz dieser ganzen Schikanen hat Fela nie klein beigegeben.
Das ist der Grund, warum er bis heute so angesehen ist. Er hat nie Kompromisse gemacht und sich auch mit noch so viel Druck nicht von seinen Überzeugungen abbringen lassen. Je mehr sie meinen Vater geschlagen haben, desto stärker wurde er! Deshalb ist seine Musik bis heute relevant. Den Menschen imponiert seine Standfestigkeit immer noch.

1978 hat Fela Kuti an einem Tag 27 Frauen geheiratet. Sie waren damals 16 – was haben Sie von dieser Aktion gehalten?
Die hatte keine große Bedeutung für mich und meine Geschwister. Was immer er tat, wir haben ihn unterstützt. Wir haben uns oft auf seine Seite gestellt, manchmal auch gegen unsere Mutter, und oft bewirkt, dass sie schließlich mit meinem Vater übereinstimmte. Naja, wahrscheinlich hat sie erkannt, dass wir nicht so genau verstanden haben, worum es ging. Vielleicht hat sie es auch nur um des lieben Frieden willens getan.

Was war Ihre Rolle in der Band ihres Vaters?
Angefangen habe ich als Saxofonist und mich dann zum stellvertretenden Bandleader hochgearbeitet. Als Fela 1984 ins Gefängnis musste, habe ich die Band zwei Jahre lang übernommen. 1986 habe ich dann meine eigene Band gegründet.

Mit Ihrem Vater haben Sie oft in seinem Nachtclub in Lagos gespielt, dem Shrine. Für viele Afrobeat-Fans ist das ein geradezu mythischer Ort. Wie würden Sie die Atmosphäre im Shrine beschreiben?
Es war ein sehr freier Ort. Sehr farbig, mit bunten Lichtern und vielen Mädchen. Wenn man den Shrine betrat, fühlte man sich wie auf einem anderen Planeten. Für viele Leute war es ein Ort, an dem sie den schwierigen Alltag in Nigeria und die Sorgen über die Regierung vergessen konnten. Die Musik war echt, und es wurde immer viel getanzt.

Einmal habe ich einen Deutschen getroffen, der in den Siebzigern in Lagos gelebt hat und selbst oft im Shrine war.
Dass Weiße in den Shrine kamen, war gar nicht so ungewöhnlich. Fela hatte viele ausländische Freunde, auch viele Botschaftsangestellte kamen regelmäßig. Selbst Paul McCartney war 1973 im Shrine.

Jetzt betreiben Sie den Shrine.
Ja, ich versuche es zumindest. Es ist allerdings nicht mehr dieselbe Location. Meine Schwester und ich haben im Jahr 2000 einen neuen Shrine gebaut, mit dem Erlös aus Felas Katalog.

Was ist der größte Unterschied zum alten Shrine?
Wahrscheinlich dass der öffentliche Marijuana-Konsum jetzt nicht mehr geduldet wird. Damit gab es einfach zu oft Ärger. Wir haben versucht, aus dem New Afrika Shrine nicht nur eine Konzertbühne, sondern einen spirituellen Ort zu machen; Wir ehren dort auch große Männer wie Nelson Mandela, Martin Luther King, Marcus Garvey, Patrice Lumumba, Thomas Sankara. Wir haben viele Ideen, um den Shrine voranzubringen – leider fehlen uns die Mittel. Wir haben große Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden, weil viele Firmen fürchten, es sich mit der nigerianischen Regierung zu verscherzen, wenn sie uns unterstützen.

Wird Fela Kuti von der nigerianischen Regierung denn immer noch als Gegner angesehen?
Das ändert sich gerade. In Lagos ist ein Museum für meinen Vater eröffnet worden, ein zweites soll dort errichtet werden, wo er geboren wurde. Wichtig für diesen Umschwung war der Erfolg des Broadway-Musicals Fela!, das von Leuten wie Will Smith, Jay-Z und Beyoncé untertstützt wurde. So etwas beeindruckt die nigerianische Regierung – da haben sie auf einmal Angst, als Gegner von Fela dazustehen. Bis zum Jahr 2010 hatten wir allerdings regelmäßig Probleme mit der Regierung, immer wieder wurde der Shrine geschlossen.

Wie ist ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Seun?
Gut.

Er tritt auch gelegentlich im Shrine auf, oder?
Ja, einmal im Monat.

Wie würden Sie Afrobeat musikalisch definieren?
Fela hat Blues und Jazz für afrikanische Ohren angepasst und mit afrikanischen Rhythmen und Melodien kombiniert.

Für seinen Erfolg dürfte es auch sehr wichtig gewesen sein, dass er den genialen Drummer Tony Allen in seiner Band hatte.
Das kann man so nicht sagen. Die Rhythmen kamen alle von meinem Vater. Keiner kam von Tony Allen. Ich frage mich, warum in Europa alle diese Tatsache ignorieren und Tony Allen in den Himmel heben. Ich habe nichts gegen ihn, er ist ein toller Drummer, ein Freund, ja sogar eine Art Vaterfigur. Aber ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater ihm bei Proben gesagt hat, was er spielen soll. Nicht nur einmal oder zweimal - immer. Fela hat vier Jahre in London Musik studiert, er konnte Noten lesen, komponieren und fast alle Instrumente spielen. Auf allen seine Platten steht composed, arranged and produced by Fela Kuti – und so war es auch.

Als Sie in den Achtzigern Ihre eigene Band gegründet haben – war es schwierig, aus Felas Schatten zu treten?
Ich habe keinen Schatten gesehen, aber viele Leute haben mir Stress gemacht. Jeder hat mich mit ihm verglichen. Du wirst nie so gut werden wie dein Vater, haben die Leute gesagt. Negativ, negativ, negativ. Ich bin froh, dass ich diesen Sturm überstanden habe. Seinen Einfluss auf mich und meine Musik habe ich nie bestritten, aber ich musste meinen eigenen Weg finden. Ich wollte allen klar machen, dass ich ebenfalls begabt bin. Aber ich stehe nicht in einem Wettbewerb mit ihm oder versuche gar, ihn zu überflügeln.

Hat Fela Ihnen einen Rat gegeben?
Als ich ihm meine ersten Songs gezeigt habe, hat er gesagt: »Die Songs sind schön, die Melodien gefallen mir, aber man kann nicht darauf tanzen. Wenn du in Afrika Erfolg haben willst, muss deine Musik tanzbar sein.« Das habe ich beherzigt.

Fela beschreibt Nigeria als ein Land unter dem Joch von korrupten Politikern, die mit großen Firmen und den alten Kolonialmächten unter einer Decke stecken. Ist das immer noch gültig?
Daran hat sich nichts verändert. Die nigerianische Regierung ist gescheitert. Wenn wir ehrliche Politiker hätten, die ihr Land lieben und Ernst machen mit dem Kampf gegen Korruption, würde Nigeria heute zu den fortschrittlichsten Ländern in Afrika gehören. Aber Nigeria ist leider Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Wir dürfen bei einer solchen Einschätzung aber auch die afrikanische Geschichte nicht vergessen – den Sklavenhandel, die Kolonialherrschaft, die schlechten Regierungen, die folgten. Man kann nicht erwarten, solche Probleme über Nacht hinter sich zu lassen. Ich hoffe sehr, dass Afrika irgendwann zur Freiheit findet, dem Weg von Nelson Mandela und meinem Vater folgend. Aber ich fürchte, ich werde das nicht mehr erleben.

Diese pessimistische Weltsicht finde ich auf Ihrem neuen Album No Place For My Dream wieder, obwohl die Musik wieder sehr groovy ist.
Ich möchte, dass meine Hörer mitbekommen, was sich heute in der Welt abspielt. So lange ich lebe, gab es noch nie so viel Leid auf der Welt. Ich versuche dabei, nicht nur über afrikanische Probleme zu reden. Schauen sie nach Haiti: Das war mal ganz groß in den Medien – wer redet jetzt noch darüber? Aber geht es den Leuten dort jetzt besser? Schauen sie weiter nach Portugal, Zypern, Griechenland, Amerika – überall gibt es Arbeitslose, die Ihre Familien nicht mehr ernähren können. Schauen Sie auf den Terrorismus in Mali, Nigeria, London. Ich denke, die Welt steuert auf einen Zustand der Anarchie hin. Es gab noch nie so viel Angst wie heute – aber dank der Musik können wir trotzdem noch eine wenig Spaß und Freude empfinden.