Rechtfertigt Erfolg mieses Verhalten?

Andrea Petkovic gibt sich seit einiger Zeit Mühe, ein besserer Mensch zu sein. Doch die freundliche Andrea spielt schlechter Tennis als die egozentrische, fiese Andrea. Gibt es da einen Zusammenhang? 

Ich bin jetzt seit sechs Jahren Single. Langsam fühle ich mich wie so eine kritische Immobilie, die zu lange auf dem Markt ist und bei der sich jeder irgendwann fragt, wo eigentlich der Haken ist. Beziehungsunfähig bin ich nicht, das kann ich ausschließen, denn ich wohne seit einigen Jahren mit meiner Schwester zusammen und weiß, wie sich eine Ehe anfühlt - zumindest, was den Haushalt und die klassischen Streitpunkte und Kompromisse betrifft.

Meine Schwester kocht, putzt, sie macht die Wäsche, kümmert sich um unseren kleinen Garten. Und ich komme mit bahnbrechenden Ideen für effizienteres Spülmaschineneinräumen um die Ecke, die ich in irgendwelchen Podcasts aufgeschnappt habe. Unfaire Aufgabenverteilung, finden Sie? Finde ich auch – allerdings erst, seit ich den Film Phantom Thread mit Daniel Day-Lewis gesehen habe.

Day-Lewis spielt darin ein Fünfzigerjahre-Genie, das den berühmtesten und modernsten Frauen Londons Klamotten auf den Leib schneidert. Er wohnt mit seiner Schwester und seiner Ehefrau zusammen und in seinen kreativen Phasen ist er ziemlich unerträglich. Ihn stört es, wie seine Ehefrau die Butter auf ihren Toast schmiert und dass seine Schwester ihm Tee ins Atelier bringt. Er will keinen Tee in diesem Moment, und als die Schwester den Tee wieder wegbringt, sagt er: »Der Tee verschwindet, aber die Störung bleibt.« Super. Könnte von mir stammen.

Wir Tennisspieler sind egoistische Geschöpfe, die damit aufwachsen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Wir reisen mit Trainern, Physiotherapeuten und anderen Helfern, die uns das perfekt ausgeklügelte Essen hinstellen, die Taschen tragen und nur dafür da sind, dass es uns an nichts fehlt. Denn: Wir sollen ja genug Kraft haben, um Tennismatches unter großem Druck durchzustehen, um vier bis sechs Stunden Training an spielfreien Tagen zu überleben  – und um dann auch noch in der Öffentlichkeit mit einem sonnigen Gemüt daherzukommen.

Wenn ich vor einem wichtigen Match stehe, bin ich angespannt und meist schlecht gelaunt. Wer kriegt das ab? Mein Team. Wenn ich eine Niederlage hinter mir habe, will ich zwei, drei Tage nur meine Ruhe haben, und wenn meine Elektrolytdrinks und Proteinshakes dann nicht rechtzeitig gemischt sind – wer bekommt den Blick des Todes zu spüren? Mein Team. Ich könnte die Liste hier beliebig weiterführen.

Womit dann auch der Haken an der Immobilie geklärt wäre, die seit sechs Jahren auf dem Markt ist.

»Seit ich ein besserer Mensch bin, spiele ich schlechter Tennis«

Bloß: Das stimmt alles gar nicht mehr. Ich war früher so. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich wie Daniel Day-Lewis in Phantom Thread aufführe, dass der einzige Mensch, der mich wirklich nervt, ich selbst bin, und dass die anderen Menschen um mich herum einfach nur Ventile sind.

Und jetzt kommt die Crux, die mich in die absolute Verzweiflung treibt: Seit ich ein besserer Mensch bin, spiele ich schlechter Tennis. Rechtfertigt Erfolg also egomanisches Verhalten und wieviel egomanisches Verhalten braucht man, um Erfolg zu haben? Ihre Antwort auf diese Frage, falls es überhaupt eine gibt, würde mich interessieren.

Um nochmal auf Phantom Thread zurückzukommen: Dort ist für alle Beteiligten selbstverständlich, dass ALLES dem Willen des kreativen Genies zu unterwerfen ist. Es gibt so viele Geschichten von großen Künstlern, die sich zu Hause wie herrschsüchtige Diktatoren benehmen, die die Menschen um sie herum terrorisieren und für all das auch noch von der eigenen Familie entschuldigt werden - denn was haben einfache Leute schon zu sagen in Angesicht eines Ausnahmemenschen. Je besonderer der Beruf, desto gerechtfertigter das abscheuliche Verhalten.

Ich habe nichts gemein mit jeglicher Art von Genie, weder sportlich noch kreativ, aber auch ich habe eine Zeitlang vorausgesetzt, dass meine besondere Berufsauswahl mit einem unverhältnismäßigen Maß an Verständnis meiner Umwelt einhergehen muss (unbewusst, aber das macht es sicher nicht besser). Ich musste erst begreifen, dass dieser Job nur ein Teil meiner Identität ist, ein Bruchstück. Und dass somit genügend Restteile übrig bleiben, die ich mit Anstand und Empathie füllen sollte, in der Hoffnung, dass das ausreichen möge, um den dunkleren Teil meiner Persönlichkeit auszubalancieren.

Während ich hier am Esstisch sitze und das alles aufschreibe, saugt meine Schwester Staub und das dröhnende Geräusch des Geräts frisst sich gerade in alle verbliebenen Gehirnwindungen. Ich sage nichts zu ihr. Werde aber vielleicht später am Rande erwähnen, dass ich von einem effizienteren Weg des Wäschewaschens gelesen hätte und das morgen ja mal ausprobieren könnte. Meine eigene Art, Danke zu sagen.

Artikel teilen: