Superhelden machen Fehler

Ihre Vorliebe für Superheldenfilme hat Tennisprofi Andrea Petkovic gelehrt: Auch den Helden des realen Lebens sollte man ihre Makel zugestehen – selbst wenn das bedeutet, das Vorrundenaus der Nationalelf hinzunehmen.

Andrea Petkovic sieht Parallelen zwischen Profisportlern und Filmhelden.

Foto: privat

Manchmal wundere ich mich über die Begeisterung, die in den letzten Jahren für das Genre der Superheldenfilme entstanden ist. Ich kenne fast alle, denn ich empfinde sie als großartige, vielleicht ideale Flugzeugfilme. Alle sind weit über zwei Stunden lang, das heißt, die Hälfte des Fluges ist nach dem Film oftmals schon geschafft, sie sind kurzweilig und ständig explodiert etwas. Aber dafür ins Kino gehen? Ich weiß nicht. Zu vorhersehbar, zu sehr Schema F, zu amerikanisch, zumindest für meinen Geschmack. Dachte ich.

Dann sah ich in Miami den neuesten Superheldenfilm Black Panther. Black Panther ist, wie der Name schon andeutet, ein Mann im Kostüm eines Panthers, das ihm viele Fähigkeiten dieses Tieres schenkt. Er ist außerdem der König des fiktiven afrikanischen Landes »Wakanda« - und der Cast des Films ist größtenteils afro-amerikanisch. Kendrick Lamar, der wohl talentierteste Rapper der Welt, hat den Soundtrack dazu geschrieben. Alles in allem ein Durchbruch für die sonst so einseitigen Hollywoodblockbuster.

Das Publikum im Kino war sehr gemischt, die Mehrheit Afroamerikaner, viele Hispanos, einige Weiße hier und da und ich deutsch-serbische Kartoffel inmitten aller. Und was während des Films im Saal passierte, war für mich ein absolutes Novum: Die Protagonisten wurden angefeuert, angeschrien, die zwei Mädels neben mir umarmten sich nach gelungenen Aktionen des schwarzen Panthers und ständig sah ich durch den Raum geworfene »High Fives«.

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Nun, die Amerikaner sind vielleicht etwas extrovertierter in ihrer Begeisterung als wir Deutschen, aber es war nicht das erste Mal, dass ich in einem amerikanischen Kino war und sowas hatte ich bisher nicht erlebt. Es brachte mich zum Nachdenken darüber, dass vielleicht doch mehr hinter diesem Genre steckt, als bisher angenommen.

Die Afro-Amerikaner fühlten sich offenbar durch Black Panther in ihrer Stärke bestätigt und gewürdigt. Frauen und kleine Mädchen inspirierte Wonder Woman dazu, sich eine Welt vorzustellen, in der Empathie und Durschlagkraft keine Gegensätze und noch dazu weiblich konnotiert sein können. Und Tony Stark als Iron Man gab jedem Nerd die Hoffnung, irgendwann ein sarkastischer Superheld werden zu können. Ich könnte die Liste ewig weiterführen. 

Das Superheldengenre ist ein Spiegel der Gesellschaft und die Gesellschaft beeinflusst das Entstehen der neuen Filme. Und irgendwie erkenne ich da eine latente Verwandtschaft zum Sport: Wir alle haben Sportler, Vereine und Länder, die wir in unseren Köpfen zu Superhelden werden lassen, weil sie ganz offensichtlich per Zufallsgenerator genetisch bevorteilt wurden und sich damit von »normalen« Menschen unterscheiden.

Da treffen Tradition und Moderne im Eins gegen Eins aufeinander - und wir lieben es.

Wie bei den Film-Superhelden ist auch bei den Sport-Superhelden für jeden was dabei; die Sportartikelindustrie hat das längst erkannt und unterstreicht ihrerseits die speziellen Typen: Traditionalisten lieben Roger Federer und seine elegante Art und Weise auf dem Tennisplatz? Nike stattet ihn fast ausschließlich in Polos und gedeckten Farben aus. Rafael Nadal ist bekannt für sein physisches Spiel, das bei jedem Schlag die jahrelange Arbeit, die in Sportlern steckt, präsentiert? Nike gibt ihm ärmellose T-Shirts in Neonfarben. Und wir können auf den ersten Blick erkennen: Da treffen Tradition und Moderne im Eins gegen Eins aufeinander - und wir lieben es.  

Wie lieben es, weil es dadurch so einfach für uns ist, Partei zu ergreifen für eine Seite. Weil wir hoffen, unsere Emotionen auf diese Weise kanalisieren und uns schützen zu können vor tiefschürfenden Gefühlen (obwohl sie das Leben ja eigentlich erst ausmachen). Aber solche Gefühle sind schmerzhaft, intensiv und energieaufreibend. Sie lassen uns leer und ratlos zurück, weil sie manchmal in Tiefen vordringen, vor deren Existenz dich keiner warnt. Und deswegen erschaffen wir Filme und Sportveranstaltungen und Konzerte, in denen wir Dinge fühlen, aber vorher ungefähr wissen, was wir fühlen werden.

Wenn dann Überraschungen passieren, mit denen tatsächlich kaum jemand gerechnet hat, wie jetzt das Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Gruppenphase als Gruppenletzter, dann fühlt es sich an wie damals, als dein erster Freund mit dir Schluss gemacht hat, weil er deine Cousine süßer fand. So haben wir und alle Disneyfilme meiner Jugend nicht gewettet! Und die Empörung darüber, dass uns keiner ordentlich darauf vorbereitet hat, wie man sich mit Würde und Stolz hundsmiserabel fühlt in dieser Welt, ist irgendwie ein ziemlicher Schock.

Und doch ändert sich langsam etwas. Die Superhelden von heute sind fehlerhafter, launischer, handeln manchmal irrational und treiben uns in den Wahnsinn. Sie sind kein Superman der Fünfzigerjahre, als es noch genug Öl für alle gab, jeder einen heterosexuellen Ehepartner, zwei Kinder und ein Haus hatte. Sie sind menschlich. Sie nerven uns, sie reiben uns auf, wir leiden mit ihnen, und am Ende verzeihen wir ihnen trotzdem. Und ich finde, all das sollten wir den Fußballern genauso zugestehen. Ja, sie sind schon etwas bizarre Kreaturen des modernen Sportbusiness, aber wir alle sind bizarre Kreaturen unserer Zeit, und deswegen hoffe ich von Herzen, dass die Jungs ihren Urlaub genießen können.

Und sofern ich weiß, ist die Welt bis jetzt noch immer von irgendeinem der zahlreichen Superhelden gerettet worden.

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