Tennis ist wie Rock'n'Roll. Fast

Als Tennisprofi kommt Andrea Petkovic zwar viel rum - Gleichgesinnte zu finden, ist aber nicht immer ganz leicht. Als sie sich auf Tour mit einer Band begab, wurde sie von deren Alltag überrascht. 

Unterwegs mit der Band »Tennis« merkte Andrea Petkovic, dass Tennisspielen und Konzerte geben sich ziemlich ähneln.

Foto: privat

Ich bin schon immer eine Aktivurlauberin gewesen. Am Strand rumliegen und Bücher lesen entspannt, aber nach einem Tag bekomme ich Zustände. Das hat meistens damit zu tun, dass ich ständig Angst habe, etwas zu verpassen. Dass die Tennissaison von Januar bis Anfang November dauert, wir ständig unterwegs sind und selten mehr als zwei Tage freinehmen können, verstärkt dieses Unruhegefühl. Deshalb habe ich immer das dringende Bedürfnis, außerordentliche Urlaube zu planen, in die ich so viel Leben hineinpressen kann wie möglich.

Meinen letzten Urlaub zum Beispiel verbrachte ich einquetscht in einem Bus mit der Indiepop-Band Tennis (die heißt wirklich so). Wir fuhren durch die Wüste an der Westküste Amerikas, wo wir unsere Nächte in schäbigen Flughafenhotels verbrachten und die Band Shows in zwielichtigen Konzertlocations spielte. Ich machte Polaroid-Fotos davon und schrieb später eine Reportage darüber, wie es als Sportler ist, auf Tour mit Künstlern zu sein.

Die meiste Zeit aber schaute ich aus dem Fenster, betrachtete die Wüste in all ihrer Pracht und Einsamkeit und vernachlässigte in beängstigender Form meine Hygiene. Immer wieder dachte ich an den Film The Doors von Oliver Stone und wie wenig das Tourleben des 21. Jahrhunderts mit jenem in den Siebzigerjahren gemein hat. Bei uns wurde wenig getrunken, wenig geschlafen (schon gar nicht miteinander) und die einzigen Drogen, die konsumiert wurden, waren die Steroide, die die Sängerin Alaina sich ständig einwarf, weil ihre Stimme jeden zweiten Tag kurz vor dem Aus stand. Es gab einen brutal durchgetakteten Zeitplan, an den wir uns halten mussten; für unverantwortlichen Lebensstil hatte da keiner einen Kopf.  

Sie fragen sich, warum ich diese Art von Urlaub wählte? Das fragte ich mich währenddessen auch: Warum war ich hier? Was erhoffte ich mir von dieser Tour mit Musikern, die doch auf den ersten Blick so anders sind als wir Profisportler? Eine Antwort, die ich ziemlich schnell fand, lautet: Verständnis. 

Meine Freunde zu Hause in Darmstadt, die ich Gott sei Dank seit meinem Abitur alle noch habe und die mich schön auf dem Boden der Tatsachen halten, sind die besten. Aber oft fällt es ihnen schwer, einen Bezug zu meinem täglichen Leben auf der Tennistour herzustellen und sich damit zu identifizieren. Umgekehrt gilt das genauso. Die zutiefst menschlichen Tragödien sind universell und überall gleich: Beziehungsprobleme (er will mich, aber ich will jemand anderen/keine Beziehung), Krankheit, Tod und Vater- oder Mutterkomplexe - da kommt man so ziemlich mit jedem auf einen Nenner, der in einem westlich zivilisierten Land aufgewachsen ist. Aber wenn es an die Kleinigkeiten des Lebens geht, die dann doch einen Großteil dessen ausmachen, herrscht oft Unverständnis. 

Kleines Beispiel: Ich ernähre mich seit 14 Tagen von Club-Sandwiches ohne Brot, die mir irgendein Room-Service bringt, weil alle meine Matches abends angesetzt sind. Ich habe deshalb Angst, dass ich nicht nur den Verstand, sondern auch den Rest der sozialen Fähigkeiten verliere, die ich mir im Laufe des Lebens mühsam antrainiert habe. Wenn ich darüber klage, fragen meine Freunde (logischerweise): Hä, wieso gehst du nicht einfach mit einer deiner Kolleginnen essen? Naja, würde ich ja gerne, aber meine Lieblingskolleginnen sind immer vormittags angesetzt und außerdem müssen wir vielleicht in zwei Tagen gegeneinander spielen und uns zumindest für diese zwei Stunden gegenseitig auslöschen wollen, was unterschwellig nicht gerade zu entspanntem Plaudern beiträgt.

Um es kurz zu machen: Ich rede mit meinen Freunden zu Hause nicht über meinen Alltag als Tennisspielerin. Dafür suche ich oft verzweifelt und vergeblich Gemeinsamkeiten bei Menschen mit ähnlich außergewöhnlichen Lebensstilen, wie ich sie pflege. Künstler, Musiker, Schauspieler, Piloten, Soldaten. Zirkuskinder, die ihre Heimat dort finden, wo sie für die Nacht ihren Hut ablegen. Und manchmal, wenn ich ganz viel Glück habe, finde ich sie. Zum Beispiel in der Wüste an der US-Westküste. 

Die monotone Routine des Herumsitzens in einem Bus (Tennis: im Hotelzimmer liegen), die Soundchecks (Tennis: Training) und das  ständiges Warten auf irgendetwas (Tennis: das ständige Warten auf irgendetwas) stehen im großen Gegensatz zu diesem einen Moment auf der Bühne (Tennis: Court), von dem alles abzuhängen scheint, wo Hunderte, Tausende Menschen dir bei deiner Arbeit zusehen und Adrenalin aus deinen Ohren schießt wie in alten Comics. Je länger ich mit der Band unterwegs war, desto stärker merkte ich: Ich kenne dieses Leben. Und ich fühlte mich trotz mangelnder Hygiene, mangelnden Beinraumes und, seien wir ehrlich, mangelnder Coolness, verglichen mit einer waschechten Rockband, weniger allein in meinem Leben. Und das ist doch schon mal etwas.

Zwischendurch fühlte ich mich sogar ein wenig wie Hunter S. Thompson, der König des Gonzojournalismus, der sich selbst als Hauptfigur jeder Reportage sah, Journalismus jegliche Neutralität absprach und sich mit 67 Jahren das Leben nahm, weil er seit 17 Jahren nur langweilig gewesen war. Ich wollte etwas schreiben, etwas Großartiges, das Hunters Reportagen locker in den Schatten gestellt hätte. Habe ich nicht geschafft.

Aber ein gelungener Urlaub war es trotzdem.

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