Tausend Arten von Einsamkeit

Als Tennisprofi hat Andrea Petkovic früh gelernt, dass das Alleinsein dazugehört - auf dem Platz und auch danach. Mit der Liebe ist es in ihrem Job deshalb nicht ganz einfach. 

Irgendwann beginnt man die Einsamkeit zu lieben.

Foto: Privat

Es gibt einen, zugegebenermaßen, schlechten Witz im Tennisbusiness, und der geht so: »Never fall in love with a tennis player because love means nothing to them« (übersetzte heißt das etwa: »Verliebe dich nie in einen Tennisspieler, denn Liebe bedeutet ihm nichts.«). Es ist ein Wortspiel, weil im Tennis die Null als »Love« bezeichnet wird. Und null ist nichts und nichts ist «Love« und deswegen bedeutet einem Tennisspieler, wenn man dem Witz Glauben schenken darf, Liebe nichts.

Es kann kein besonders guter Witz sein, wenn man einen halben Absatz bracht, um ihn zu erklären, aber in jedem schlechten Witz steckt ein Körnchen Wahrheit.

Tennisspieler sind egoistische Wesen, die von klein auf dazu erzogen werden, sich nur um sich selbst zu drehen. Schließlich sind sie später auf dem Platz die alleinigen Entscheidungsträger. Als Tennisprofi habe ich relativ schnell begriffen, dass dieses Sich-um-sich-selbst-Drehen auch ziemlich viel Einsamkeit mit sich bringt, und diese gleich in verschiedenen Formen: Es gibt die verzweifelte Einsamkeit auf dem Platz, wenn alles gegen dich läuft, du rausguckst und in deiner Spielerbox dir dein gesamtes Team aufmunternd zunickt, dir aber in Wirklichkeit nicht helfen kann. Du bist lange genug dabei, um zu wissen, dass der letzte Schwung von Entscheidungen vermutlich zu deinem Untergang beigetragen hat, aber es gibt keinen Ritter auf weißem Pferd mit langem, schwarzen Haar, der vom Himmel steigt, um dich aus deiner Misere zu befreien. Verzweifelte Einsamkeit.

Es gibt die stolze Einsamkeit. Wenn du dabei bist zu gewinnen, rausguckst und dein Team dir aufmunternd zunickt und du dich an die Stunden auf dem Platz mit deinem Trainer erinnerst, aber tief drinnen ganz genau weißt, dass du alleine den Erfolg des Teams in deinen Händen trägst wie einen kleinen zerbrechlichen Spatz mit gebrochenem Flügel, der ganz von dir abhängig ist. Du fühlst dich in der Einsamkeit ermächtigt, mit fast übermenschlichen Kräften befähigt.

Und null ist nichts und nichts ist »Love«.

Es gibt die Einsamkeit, die dich in deinem Hotelzimmer erwartet nach einem langen Tag auf der Anlage und die du zu übertünchen versuchst, indem du alle elektronischen Geräte anmachst, die sich in diesem Moment im Raum befinden und alle sozialen Netzwerke gleichzeitig besuchst.

Wie bei allem, was langanhaltend und routiniert geschieht, gewöhnt man sich nicht nur daran, sondern beginnt es zu lieben. Die Einsamkeit. Die Unabhängigkeit. Die Freiheit. Man vergisst die traurige Seite, um im Wahnsinn einen klaren Kopf zu behalten.

Als ich Anfang des Jahres den Film Call me by your name sah, musste ich gerührt und gleichzeitig peinlich berührt an mich selbst denken. Kurz zusammengefasst geht es in dem Film um eine Romanze zwischen dem jugendlichen Elio, der sich in den älteren Amerikaner Oliver verliebt, und darum, wie die beiden sich gemeinsam in eine abenteuerliche, intensive Sommerliebe hineinstürzen. Ich kann nur empfehlen: Kaufen Sie sich eine teure Flasche Rotwein, ziehen Sie die Vorhänge zu und lassen Sie sich für zwei Stunden und 15 Minuten in ein lichtdurchflutetes, Fahrrad fahrendes, Bücher lesendes, im Fluss schwimmendes Italien der Achtzigerjahre entführen - und danken Sie mir danach für diesen Tipp.

Zurück zum Film: Es ist von Anfang an klar, dass Oliver zum Ende des Sommers wieder zurück nach Amerika gehen wird, und eine melancholische Wehmut durchweht jedes Zusammentreffen der beiden. Die Chemie, die Spannung ist mit den Händen greifbar. Es hilft, dass der Schauspieler Timothée Chalamet, der Elio darstellt, so viel Charme versprüht, wie sonst vermutlich nur der Teufel selbst es kann, und dass Armie Hammer den besten Pastellfarben tragenden Yuppie-Amerikaner auf Expeditionstour in Italien spielt, den ich je gesehen habe.

Der unabwendbare Abschied, der stets in der Luft hängt, ist das Mysterium, das die Spannung am Leben erhält, während die Dringlichkeit der Romanze wie ein Damoklesschwert über den beiden schwebt. Nach der ersten gemeinsamen Nacht sagt Elio zu Oliver: »We wasted so many days.« Wir haben so viele Tage verschwendet, in denen nichts passiert ist. »Love«.

Ja und nein. Elio ist zu jung, um zu begreifen, dass gerade das es ist, was ihre Liebe zu etwas Besonderem gemacht hat. Das Warten darauf.

Wenn du weißt, dass du bald wieder weg bist, treibst du alles zu schnell voran, alles ist zu intensiv, zu aufreibend, am Ende zu ungesund. Wenn du ständig unterwegs bist, ist jede Liebe eine Liebe im Schnelldurchlauf, ein Leben mit der Vorspultaste, bis die Einsamkeit alles wieder in ihre normale Umlaufbahn zurückholt. Ich mache jedes Mal wieder aufs Neue den gleichen Fehler und jedes Mal wähle ich wieder Dringlichkeit vor Nachhaltigkeit und schiebe es dann hinterher auf den Zeitgeist. (Ich glaube, es ist mein Fluch, dass ich zu früh mit britischer Gitarrenmusik konfrontiert worden bin, deshalb bin ich unfähig weisere Entscheidungen zu treffen.) Beim Abschied mache ich deshalb lieber schnell die Augen zu, um in keine traurigen Gesichter sehen zu müssen.

Und dann bin ich weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wie Oliver. Und obwohl all meine Sympathie und Liebe während des gesamten Filmes bei Elio liegt, dem leidenschaftlichen Elio, dem jungen Elio, der nicht weiß, was auf ihn wartet, sein Herz noch narbenfrei, die Leitgeschwindigkeit schneller, französisch, italienisch, zu früh zu viel gelesen, weiß ich doch am Ende, dass ich eher Oliver bin. Oliver sein muss, um zu überleben.

Deswegen würde ich den Witz umschreiben, auch wenn er dann keinen Sinn mehr ergibt und streng genommen spätestens jetzt kein Witz mehr ist: »Love does not mean nothing to tennis players. They just got it all wrong.«

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