Trump, überall Trump!

Ob Sonnenuntergang oder Bierbank: Unser Kolumnist befürchtet, dass die Farbe Orange für immer an den scheidenden US-Präsidenten erinnern wird. Und sie erklärt sogar Trumps verzweifeltes Festhalten an der Macht.

Illustration: Dirk Schmidt

Bruno (meine letzte verbliebene Kontaktperson »aus einem anderen Haushalt«) und ich landeten beim Wandern in den Bergen auf einer Alm, die natürlich geschlossen war. Aber Tische und Bänke standen draußen. Wir setzten uns, packten die Brotzeiten aus den Rucksäcken und legten alles auf den Tisch, als Bruno nachdenklich sagte:
»Die Farbe dieses Tisches …«
Es handelte sich um den Tisch einer einfachen Bierbank-Garnitur. Die Farbe blätterte, aber noch war sie gut erkennbar. Auf dem Selfie, das ich hier am Schreibtisch gerade betrachte, leuchtet sie wie auf Kodachrome-Bildern aus den Sechzigerjahren.
Orange.

»… sie erinnert mich an Donald Trump. Die Tünche auf seinem Gesicht. Seine Haare.«
»Bitte, Bruno, hier beim Essen, herrliches Wetter, du …«
»Ich weiß«, antwortete er, »eine ungesunde Fixierung, zwanghaft. Ich kann nichts dafür. Ich leide selbst. Aber jetzt ist es bald vorbei.«
»Hoffentlich.«
»Joe Biden ist President-elect«, sagte Bruno. »Was ist Trump jetzt? President-non-elect
»President-fired natürlich«, sagte ich. »In Amerika nennt man den Entlassungsbrief, den jemand bekommt, wenn er keinen Job mehr hat, auch den pink slip. Insofern wäre er President-given-his-pink-slip

Nun, zurück im Büro, fällt mir beim Nachdenken ein, dass Anthony Burgess seinem berühmten, dann von Stanley Kubrick verfilmten Roman den so seltsamen wie unvergesslichen und genialen Titel A Clockwork Orange (deutsch: Uhrwerk Orange) angeblich gab, weil er in einem Pub gehört hatte, wie ein alter Mann, über einen anderen sprechend, im Cockney-Dialekt die seltsame Wendung He is as queer as a clockwork orange benutzte, er ist so schräg wie eine aufgezogene Orange. (Weitergehende Bedeutungen erhielt queer erst später.)

In Burgess’ Roman geht es um die alte Frage, ob es besser sei, den Menschen zum Guten sozusagen zu konditionieren und ihn auf dieses Gute hin quasi abzurichten. Oder ihm die Freiheit zu lassen, böse zu sein. Wobei der Autor die Sache der Freiheit vertritt, weil man sich für das Gute entscheiden müsse, sonst sei es nichts wert – ein Thema, das viel mit Donald Trump und den Debatten unserer Zeit über politische Korrektheit und Cancel Culture zu tun hat.

Aber wir waren ja beim Wandern und der Farbe Orange, die oft ein Signal ist, Farbe derer, die auffallen wollen oder sollen. Als 2013 die Netflix-Serie Orange is the New Black herauskam, geriet die orangefarbene Kleidung der Insassinnen des Frauenknastes, in dem die Handlung spielt, eine Weile so in Mode, dass der für das Gefängnis in Saginaw County/Michigan zuständige Sheriff seinen Leuten Kleidung im früher üblichen schwarz-weißen Streifenmuster verordnete. Die Gefangenen, sagte er, sollten außerhalb ihres Zuhauses auffallen, das aber sei nicht mehr möglich. Er fürchte Verwechslungen, im Falle einer Flucht etwa.

Orange als Gesichtsfarbe scheint mir übrigens eine freie Entscheidung zu sein. Oder ist auch sie zwanghaft bei einem Menschen, für den es eine Art von Tod ist, wenn er nicht mehr im Zentrum aller Aufmerksamkeit stehen kann? Die Farbe Orange »ähnelt einem Menschen, der verzweifelt versucht, andere von seinen Kräften zu überzeugen«, schreibt Kassia St Clair in ihrem Buch Die Welt der Farben. Vielleicht sollte man tatsächlich die Betonung auf verzweifelt setzen, um das Phänomen des orangefarbenen President-fired zu verstehen: ein Mensch, dessen Fähigkeit ausschließlich darin besteht aufzufallen und der darüber hinaus nichts kann und nichts will, außer reich sein, natürlich.

Wir wanderten noch lange an jenem Tag, so lange, dass wir am Schluss auf einem Felsen saßen und die untergehende Sonne betrachten konnten.
»Was für Farben!«, sagte Bruno. »Es sieht aus …«
»Bitte, Bruno«, sagte ich, »bitte …«