Die Gewissensfrage

»Ich sehe auf der Straße oft schwangere Frauen, die rauchen. Und ich würde am liebsten jedes Mal hingehen und sie bitten, damit aufzuhören. Ich habe es aber noch nie fertiggebracht, auch weil ich ahne, dass es wenig nützen würde. In meinen Augen ist das Rauchen in der Schwangerschaft schon Kindesmisshandlung, und durch mein Schweigen toleriere ich sie. Wäre es nicht meine Pflicht, einzuschreiten, damit diese Frauen wenigstens ein Gefühl dafür bekommen, dass sie etwas tun, was geächtet ist?« Marian S., Coburg


Wer hätte gedacht, dass es nach all den zermürbenden Diskussionen um das Rauchverbot in Gaststätten noch eine neue Variante gibt: der kleinste, exklusivste Mitraucherclub der Welt. Auf neun Monate begrenzte Mitgliedschaft. Und nur für Mitglieder, die von Anfang an dabei sind. Allerdings sind die Gäste definitiv unter 18 Jahren und für sie trifft das Argument der Rauchverteidiger nicht zu, dass sie ja jederzeit woanders hin-gehen können, wenn sie der Qualm stört.

Jedoch zweifelt hier niemand ernsthaft an den möglichen negativen Folgen für das Kind: von Früh- und Fehlgeburten über Unterentwicklung und erhöhte Krankheitsneigung bis hin zum plötzlichen Kindstod. Dass die Mutter das Rauchen besser lassen sollte, kann man als gegeben voraussetzen. Nur: Sollten Sie sich da einmischen? Drastischer ausgedrückt: Hinschauen oder wegschauen? Ich würde die Situation nicht mit Kindesmisshandlung vergleichen, aber was würden Sie tun, wenn Sie sehen, dass Eltern ihr Kind im Hochsommer mittags in der Sonne im parkenden Auto zurücklassen? Vermutlich würden Sie etwas sagen, weil Sie eine Schädigung des Kindes befürchten. Und obwohl ich kein Freund von Einmischungen bin, bei den rauchenden Schwangeren spricht aus dem gleichen Grund auch manches dafür.

Das ist keine sehr angenehme Situation und bei Fremden sieht es sicher anders aus als bei Freunden oder Verwandten. Dennoch halte ich einen Hinweis – ohne Bevormundung – für sinnvoll: Ob der Frau bewusst ist, wie sehr das Rauchen dem Kind schadet? Vielleicht weiß sie es tatsächlich nicht, vor allem aber neigt man bekanntlich dazu, unangenehme Tatsachen zu verdrängen; besonders wenn sie einer Sucht entgegenstehen. Zudem haben Untersuchungen gezeigt, dass die Motivation, das Rauchen während der Schwangerschaft aufzugeben, durch Einfluss von außen gesteigert werden kann – wenn man sich auch bei allen noch so sinnvollen Bemühungen vor Stigmatisierungen hüten muss. Die letzte Entscheidung, wie sie sich verhält, bleibt ohnehin bei der Schwangeren, deren Schicksal sich nicht von dem des Kindes trennen lässt. Sie muss hier, wie an so vielen Punkten, den Konflikt zwischen ihren Interessen und denen des Kindes persönlich austragen. Und verantworten.

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Literatur:
Barbara von Richthofen-Krug, Rauchen und Schwangerschaft, impulse Heft 50/2006, Newsletter zur Gesundheitsförderung hrsg. von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V., online abrufbar im Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)

M. Voigt, S. Straube, C. Fusch, G. Heineck, D. Olbertz, K. T. M. Schneider, Erhöhung der Frühgeborenenrate durch Rauchen in der Schwangerschaft und daraus resultierende Kosten für die Perinatalmedizin in Deutschland. Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie 2007; 211(5): 204-210

Jennifer Stuber, Sandro Galea, Bruce G. Link, Smoking and the emergence of a stigmatized social status. Social Science & Medicine 67 (2008) 420-430

Bruce G. Link, Jo Phelan, Socil Conditions as Fundametal Causes of Disease. Journal of Health and Social Behaviour 1995 (Extra Issue): 80-94

Ronald Bayer and Jennifer Stuber, Tobacco Control, Stigma, and Public Health: Rethinking the Relations. American Journal of Public Health, 96 (2006) 47-50

Illustration: Marc Herold

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