Schluss mit lustig

Witziges Mitbringsel oder Beleidigung? Ein vermeintlich lustiges Geschenk stößt nicht auf Begeisterung. 

»Von einer Reise brachten meine Frau und ich einem befreundeten Ehepaar ein witziges T-Shirt für den Mann mit, mit der Aufschrift: ›I don’t need Google, my wife knows everything‹. Ihm schien es zu gefallen, aber seine Frau bat ein paar Tage später darum, es zurückgeben zu dürfen. Seitdem ziehe ich es selbst regelmäßig an. Darf ich es bei ihrem nächsten Besuch tragen?« Michael S., Nürnberg     

Humor ist eine ernste Sache – in der Theorie, mit der sich schon Platon beschäftigte, aber auch in der Praxis, wie man bei Ihnen sieht. Platon ordnete das Lächerliche als Schlechtigkeit ein, eine Mischung aus Lust und Unlust, die in der Nähe der Missgunst stehe, weil man über ein Übel von Freunden auch Lust empfinde. Oder, wie Oscar Wilde in Das Bildnis des Dorian Gray schrieb: »Vielleicht liegt in fast jeder Freude, wie sicher in jeder Lust, Grausamkeit.« Das gilt vielleicht nicht immer, hier aber schon. Witzig ist das T-Shirt doch nur vor dem Klischee der besserwisserischen Frau; sei es allgemein oder hier im Speziellen. Das kann man witzig finden, muss man aber nicht. Besonders nicht als Frau und noch weniger als die Frau eines Mannes, dem jemand anderer dieses T-Shirt schenkt. Vielleicht war das Verhalten Ihrer Bekannten nicht sehr humorvoll oder souverän, aber Ihres war auf jeden Fall übergriffig: Der Witz funktioniert nun einmal nur auf Kosten Ihrer Bekannten. Im Endeffekt kann das alles jetzt aber dahingestellt bleiben. Denn Ihre Bekannte hat mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie diesen Humor nicht schätzt. Was aber könnte es dann bedeuten, wenn Sie das T-Shirt nun bei ihrem nächsten Besuch tragen? Entweder Sie wollen sie noch einmal mit der Aussage konfrontieren, die sie nicht in ihrem Haus haben möchte. Oder Sie wollen ausdrücken, dass sie nicht persönlich gemeint war, weil, wenn nun Sie das T-Shirt tragen, nicht mehr Ihre Bekannte das Ziel des Witzes ist, sondern Ihre eigene Frau. Weil die das offenbar nicht stört, sagen Sie Ihrer Bekannten damit aber gleichzeitig – nicht einmal sehr durch die Blume –, dass sie anscheinend weniger Humor hat als Ihre Frau. Beides würde ich als Nachtreten bezeichnen und, wenig überraschend, nicht empfehlen.

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Literatur:

Platon, Philebos, Kapitel 29, 48-50
Online abrufbar unter: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Philebos

The Picture of Dorian Gray. Erstdruck in: »Lippincott's Monthly Magazine«, Juli 1890. Erste Buchausgabe (mit 6 neuen Kapiteln und vielen Änderungen): London, New York, Melbourne (Ward Lock and Co.) 1891
Das Zitat „ ... – and perhaps in nearly every joy, as certainly in every pleasure, cruelty has its place – ...“ findet sich in Kapitel 11
Online abrufbar unter: http://www.gutenberg.org/files/174/174-h/174-h.htm#chap11

Deutsch: Das Bildnis des Dorian Gray, online abrufbar unter: http://www.zeno.org/Literatur/M/Wilde,+Oscar/Roman/Das+Bildnis+des+Dorian+Gray/Elftes+Kapitel

Anton Hügli, Lächerliche (das), in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 5, Verlag Schwabe, Basel, 1980, Spalte 1-8.

W. Preisendanz, Humor, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Verlag Schwabe, Basel, 1974, Spalte 1232-1234.

W. Preisendanz, Komische (das), Lachen (das), in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 4, Verlag Schwabe, Basel, 1976, Spalte 889-893

Morreall, John, "Philosophy of Humor", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2013 Edition), Edward N. Zalta (ed.)
Online abrufbar unter: http://plato.stanford.edu/entries/humor/

Aaron Smuts, Humor, in: The Internet Encyclopedia of Philosophy
Online abrufbar unter: http://www.iep.utm.edu/humor/

John Morreall, Taking Laughter Seriously, Albany NY: State University of New York Press, 1983

John Morreall (Hrsg.), The Philosophy of Laughter and Humor, Albany NY: State University of New York Press, 1987

Matthew M. Hurley, Daniel C. Dennett, and Reginald B. Adams, Jr, Inside Jokes: Using Humor to Reverse-Engineer the Mind, Cambridge, MA: MIT Press, 2011

Sam Shuster, The evolution of humor from male aggression, Psychology Research and Behavior Management 2012:5 19–23

A. Peter McGraw and Caleb Warren, Benign Violations: Making Immoral Behavior Funny, Psychological Science, 2010, XX(X) 1–9
Online abrufbar unter: http://pss.sagepub.com/content/early/2010/06/29/0956797610376073

Christian Jarrett, How many psychologists does it take to explain a joke?

Thomas C. Veatch, A theory of humor, Humor - International Journal of Humor Research. Band 11, Heft 2, Seiten 161–216

Matthew Gervais, David Sloan S Wilson, The evolution and functions of laughter and humor: a synthetic approach, The Quartely Review of Biology, 2005, 80(4):395-430.


Illustration: Serge Bloch

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