Die Weltverbecherer

Was tun gegen die Flut an Einweg-Kaffeebechern? Eine Londoner Firma hat ein Kreislaufsystem entwickelt, das allen vergleichbaren Ideen in einem wichtigen Punkt voraus ist.

Weiß und schlicht: der Kaffeebecher des britischen Kreislaufsystems CupClub.

Foto: CupClub/Steve Forrest/Workers’ Photos

Das Problem: Jedes Jahr werden weltweit 600 Milliarden Kaffeebecher weggeworfen. Allein in Deutschland sind es 320.000 Becher pro Stunde.
Die Lösung: Ein Kaffeebecher, den wir einfach wegwerfen können und der trotzdem mindestens 132 Mal wiederverwendet wird.

Das Problem kennt inzwischen jeder, aber trotzdem ändert sich bisher wenig: Weltweit werfen wir Menschen jedes Jahr 600 Milliarden Kaffeebecher in den Müll. Ja wirklich, 600 Milliarden! Allein in Deutschland sind es laut der Deutschen Umwelthilfe 2,8 Milliarden Becher plus 1,3 Milliarden Plastikdeckel – 320.000 Becher pro Stunde. Weil die sich wegen ihres Materialmixes (meistens Pappe mit Plastikschicht) auch noch schwer recyclen lassen, haben sie einen unverhältnismäßig großen Anteil am Müllproblem. 99 Prozent werden angeblich nicht recycelt. Alle möglichen Lösungen wurden schon diskutiert und erprobt: verschiedene Pfandbecher-Systeme wie ReCup, eigene Becher mitbringen und dafür Rabatt bekommen, kompostierbare Becher, Kaffeetassen aus Kaffee; aber letztlich scheitern sie an unserer, Entschuldigung, Faulheit, weil wir den Becher vergessen und halt doch wieder mit leeren Händen bei Starbucks stehen.

Die preisgekrönte Londoner Architektin Safia Qureshi, die sich bisher eher mit Luxusapartments und Fitnessstudios einen Namen gemacht hat, wollte ihr Talent zur Problemlösung für etwas Sinnvolleres einsetzen und gründete vor sechs Jahren mit ihrem Kollegen Maxwell Mutanda das Design-Studio Tale. Das Ziel: Lösungen für effektiven Wandel in Städten zu finden.

Ihr bisher wichtigstes Projekt ist die Erfindung eines Kreislaufsystems für Kaffeebecher: Vor vier Jahren entwarf sie einen schlichten Kaffeebecher in Weiß, der nicht viel anders aussieht als die normalen To-Go-Becher, aber aus voll wiederverwertbarem Polypropylen besteht. Die Deckel sind aus Polyethylen, also im wesentlichen aus abbaubarer Zellulose (ohne Petroleum). Zwei Jahre lang testete sie den Becher mit Erfolg an Universitäten und in verschiedenen Firmen wie Visa oder CushmanWakefield; seit Juni 2019 ist »CupClub« in London Realität.

Integrierte RFID-Mikrochips sorgen dafür, dass kein Becher und kein Deckel verloren geht

Um am Kreislaufsystem teilzunehmen, bezahlt man beim ersten Mal drei Pfund extra für den Qureshi-Becher und noch einmal drei Pfund für den Deckel; in den USA entsprechend drei Dollar und in der EU drei Euro. Der Clou: Man muss den Becher nicht mit nach Hause nehmen, selber spülen und daran denken, ihn beim nächsten Café-Besuch wieder mitzunehmen, sondern man wirft ihn einfach in einen der CupClub-Sammelbehälter, die bisher vor allem in den Versuchsfirmen stehen und ab nächstem Jahr überall in der Stadt verteilt sein werden. CupClub sammelt und wäscht die Becher ressourcensparend in industriellen Geschirrspülern, und bringt sie dann wieder zu den Cafés zurück. »Als Architektin, die Lösungen für Städte entwirft, lag es nahe, mir anzuschauen, mit welchen Problemen Stadtbewohner in der Zukunft ringen werden«, sagt Qureshi. »Mir war klar, dass Plastik eines der Stadtprobleme ist, deshalb haben wir das zu unserem Fokus gemacht.«

Die quirlige Architektin mit dem dunklen Lockenkopf wurde zwar in London geboren, ihre Eltern stammen aber aus Pakistan, und sie hat sich die Idee in Indien abgeschaut, bei den Chai-Wallahs. Die Straßenverkäufer gießen ihren gezuckerten Milchtee traditionell nicht in Wegwerfbecher, sondern in wiederverwendbare Metallbecher oder Gläser, die sie gleich wieder zurücknehmen und gespült an den nächsten Kunden weiterreichen. »Die Gläser sind handlich, sauber, lassen sich gut stapeln und sind langweilig genug, dass sie keiner klauen will«, sagt Qureshi. Anders als bei ihren übrigen Projekten war ihr Ehrgeiz beim Design der ClubCups also nicht, ein besonders eindrucksvolles Design zu schaffen, sondern ein praktisches, zeitloses, das niemanden in Versuchung führt, die Becher abzustauben.

Der entscheidende Unterschied ist aber unsichtbar: Im Gegensatz zu den in Deutschland patentierten Pfandsystemen wie ReCup oder FairCup sorgen integrierte RFID-Mikrochips bei CupClub dafür, dass kein Becher und kein Deckel verloren geht. »Wir können den Firmen jederzeit sagen, wo ihre Becher sind«, verspricht Qureshi. »Damit stellen wir sicher, dass sie nicht einfach am Straßenrand verschwinden. Die Verpackung ist smart.« Und wenn sich die Kaffeetrinker beim nächsten Café-Besuch wieder in die App einloggen, weiß das Café durch die Tracker, wer einen Becher am Straßenrand entsorgt hat und ob es die drei Dollar nochmal verlangen muss. (Bei ReCup kostet der Becher einen Euro.) Der Betrag ist genau so kalkuliert, dass ihn sich fast jeder leisten kann. Ganz bewusst liegt er über den 30 Cent Starbucks-Rabatt, die man im Zweifel gleich wieder vergisst und für die man vielleicht keine zehn Schritte extra zum nächsten Sammelcontainer geht. Bevor man einen Becher mit Deckel für sechs Euro in den Müll wirft, überlegt man sich es hoffentlich doch noch mal.

Die Architektin Safia Qureshi hat den Becher entworfen und sich das Kreislaufsystem CupClub ausgedacht.

Foto: CupClub/Steve Forrest/Workers’ Photos

Jeder CupClub-Becher lässt sich mindestens 130 Mal wiederverwenden, soviel garantiert Qureshi; sie geht aber davon aus, dass der Becher auch beim tausendsten Spülgang nicht zerfleddert. Seit Juni hat CupClub damit geschätzte 250.000 Kaffeebecher in London vor der Müllhalde bewahrt; Qureshi berechnet, dass sie pro Jahr 8000 Tonnen Müll allein in Großbritannien einsparen kann. Sie steht in Verhandlungen mit großen Ketten wie Starbucks und McDonalds, die daran interessiert sind, das System einzusetzen und es demnächst auch in Amerika ausprobieren. Beide Ketten haben einen Wettbewerb für die beste Lösung mitfinanziert, den mit einer Million Dollar dotierten NextGen Cup, bei dem sowohl CupClub also auch ReCup unter den Finalisten sind. Die großen Ketten testen noch: Welcher Becher liegt besser in der Hand? Läuft was aus, wenn er den ganzen Tag in der Mittelkonsole im heißen Auto in der Sonne steht?

Vor allem in München sind die Weltverbecherer von ReCup bekannter. Das Münchner Unternehmen arbeitet in Deutschland schon mit 27 Städten zusammen, sogar mit einigen McDonald’s Filialen, zum Beispiel in Heidelberg. Das System ist eigentlich bestechend, krankt nur an vielen Orten daran, dass zu wenige mitmachen – oder die Becher als Souvenirs mit nach Hause nehmen. Den berüchtigten Deckel muss man bei ReCup extra dazu kaufen, weil der Deckel ein Extra-Problem darstellt und die Ökobilanz ruiniert (schwer zu spülen, leicht zu verlieren).

Genau dieses Problem, meint Qureshi, lasse sich nur mit Technik lösen, deshalb haben auch die Deckel ihren eigenen Mikrochip. »Wir rechnen mit etwa zehn Prozent Verlusten, deshalb haben wir ein Belohnungssystem eingebaut: Wenn jemand einen Club-Becher oder -Deckel findet und ihn zurückbringt, wird er oder sie belohnt.« Sie vergleicht das Modell eher mit den Leihrädern oder Scootern, die in großen Städten ebenfalls mit Trackern überwacht werden.

Qureshi will das CupClub-Modell nicht nur auf andere Städte und Länder, sondern auch auf andere Verpackungen ausweiten, die wir in der Regel schnell wieder wegwerfen, also zum Beispiel Imbiss-Geschirr und Einmalbesteck. Wenn sie jetzt noch ein Fitness-Studio entwerfen könnte, das unseren inneren Schweinehund ebenso elegant überlistet, wäre uns enorm geholfen.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes stand eine missverständliche Passage zu Polypropylen. Diese wurde geändert.