Ein Mann, ein Port

Der Barbesitzer Charles Schumann liebt Portwein - so sehr, dass er ihn nie in Saucen verkochen würde.

Er wollte nicht zusehen, als seine Sammlung abgeholt wurde. »Ich hätte weinen müssen«, sagt er. Das ist natürlich Koketterie. Andererseits hat er seine Sammlung ja zurückgekauft, sobald er wieder flüssig war, hat beim Käufer förmlich darum gebettelt, bis der sie ihm wiedergab. Er sagt, er hätte jeden Zins gezahlt, den der Käufer verlangt hätte, nur um seine Flaschen nach sechs Jahren endlich wiederzubekommen.

Charles Schumann ist kein typischer Sammler: »Dafür bin ich viel zu schlampig.« Als Kind sammelte er kurzzeitig Briefmarken, heute reißt er Artikel aus der Zeitung, die er noch lesen möchte, und verlegt sie. Er sammelt Bücher, »Kochbücher hab ich alle wichtigen«, und hält es mit Karl Lagerfeld: »Wenn ich nicht genau weiß, ob ich ein interessantes Buch schon habe, kaufe ich es im Zweifel noch mal.« Charles Schumann lebt zwischen Stapeln von Büchern und Zeitschriften, in seinem Büro über der Münchner Bar am Hofgarten und zu Hause.

Seine Portweinsammlung steht in einem Kellerabteil der Bar. Mehr als 1000 Flaschen, überwiegend in Kisten, in einem verschließbaren Regal, das mehr ein Holzverschlag ist. Die meisten Flaschen hat er nicht mal ausgepackt. Aber er spricht gern von den Schätzen, die in den Kisten liegen: »Die guten Jahr- gänge sind dabei, 1963, 1970, 1985 – und alle großen Portweinhäuser: Taylor, Graham’s, Warres, Niepoort.«

Charles Schumann trinkt eher wenig, wenn er arbeitet, und er arbeitet mit Anfang siebzig immer noch viel. Port trinkt er trotzdem gern und regelmäßig. »Im Winter eigentlich jeden Tag.« Port passt großartig zu Käse aus dem Baskenland oder Schokolade, sagt er. Er trinkt ihn kühl. Kühler als man empfiehlt, »dann kommt der Alkohol nicht so durch im Geschmack, auch beim Rotwein. Gekocht wird nie mit Port in der »Schumann’s«-Bar. Aus Respekt. »Es ist nicht nur Liebe«, sagt Charles Schumann: »Ich verehre ihn.«

Den Port hat Charles Schumann vor etwa dreißig Jahren näher kennengelernt. Ein großes Kaufhaus in München veranstaltete damals jedes Jahr Portweinaktionswochen, und Schumann kaufte gleich die Reste auf. Nicht für sich selbst, nicht für die Bar, er begann zu sammeln, weil er ihn so gern trank, weil guter Port erst nach dreißig, vierzig Jahren in der Flasche reift und deswegen, wie er dachte, eine gute Geldanlage sei – und weil »die Flaschen so wahnsinnig schön sind«.

Im Jahr 2004 musste er sich von ihnen trennen. Er brauchte Geld. Er war mit seinem Lokal an den Hofgarten gezogen, die Banken wollten ihm keine weiteren Kredite geben – er solle sich doch mal das Geburtsdatum in seinem Pass ansehen, beschied man ihm. Seine Buchhalter redeten solange auf ihn ein, bis er sich schließlich mit dem Verkauf einverstanden erklärte. Schumann glaubte, die Sammlung sei richtig viel wert.

Von Winston Churchill ist der Satz überliefert: »Eine Frau ist nur eine Frau. Aber ein Port ist ein Port.« Die große Zeit des Port ist seit dem Krieg allerdings vorbei. Niemand wollte Schumanns Sammlung, nicht zu einem akzeptablen Preis. Die Weinhändler nicht, und ernsthafte Sammler gab es keine anderen in Deutschland. Selbst englische Auktionshäuser stellten wenig Geld in Aussicht und wollten auch noch einen beträchtlichen Anteil im Verkaufsfall.

Da tauchte der Käufer aus Franken auf. Ein Sammler, der Bescheid wusste und bei dem der Portwein offenbar gut aufgehoben war. Er bot immerhin 50 000 Euro.

Bevor die Flaschen verladen wurden, hat Schumann tatsächlich die Bar verlassen. Und als er sich finanziell erholt hatte, sprach er gleich beim Käufer vor, aber es dauerte Monate, bis der sich überreden ließ, die Sammlung wieder herzugeben. 50 000 Euro zahlte Schumann dem Käufer, den gleichen Betrag, den er sechs Jahre zuvor bekommen hatte. »Ich hätte ihm auch Zinsen gezahlt. Wollte er nicht. Ich bot ihm an, dass er einen Teil der Sammlung behält. Gerade mal zehn Flaschen hat er sich rausgesucht. Ein nobler Mann.«

Charles Schumann ist neuerdings dazu übergegangen, seine Sammlung anzutrinken. Alle paar Tage holt er sich eine neue Flasche aus dem Keller, probiert sie und lässt den Rest in seiner Bar »Les Fleurs du Mal« ausschenken.

Foto: Markus Burke, Foodstyling: Akos Neuberger