Die Wahrheit über den Zusammenhang von Impfen und Masturbation

Eine Schweizer Heilpraktikerin wird für ihre Mitteilung verspottet, Impfen führe zu Masturbation. Doch das ist gar nicht so falsch, wie unser Sexkolumnist nach reiflicher Überlegung erkennt.

Vor einigen Tagen wurde die Meinung einer Schweizer Heilpraktikerin in deutschsprachigen Medien dankbar aufgenommen und ausführlich zitiert. »Heilpraktikerin warnt: Geimpfte Kinder fangen an zu Masturbieren«, titelte etwa das österreichische Boulevard-Portal oe24.at, bei dem »Masturbieren« noch groß geschrieben wird. Andere Medien empörten sich über diese »absurden Gerüchte« (www.derwesten.de), und in den sozialen Medien spotteten Impfbefürworter über die rückständigen Ansichten der Praxisbetreiberin aus St. Gallen. Auf einem Aushang in ihrem Wartezimmer kann man, so heißt es, lesen, »Symptome der Impfkrankheit« seien: »Schlafstörung, Legasthenie, Stottern, Autismus, Hirntumor oder Masturbation.«

Vielleicht ist es an der Zeit, ein wenig Ruhe ins Spiel zu bringen und nüchtern abzuwägen, was für oder gegen die These der Impf-, Hirntumor- und Masturbationsgegnerin spricht.

Contra
Tatsächlich widerlegt wenig die neue These, Impfen führe zu Masturbation. Höchstens, dass Masturbation ein sehr weit verbreitetes und völlig normales Phänomen so gut wie jeder Kindheit und Jugend ist. Sodass die Frage im Raum steht, welche verbreiteten Phänomene von Kindheit und Jugend, die manchen Eltern unangenehm sind, durch Impfen womöglich noch verursacht werden könnten. Eine unvollständige Liste:

- zu weite/zu enge/zu kurze/zu lange Hosen oder T-Shirts
- das Folgen von YouTubern
- Einhörner
- Minecraft
- das Hören von Popmusik mit zu viel/zu wenig Bass/Beats/Melodie/Gitarren/Keyboards/Sinn und Verstand
- ratloses Stottern beim Verwenden so genannter »Jugendwörter des Jahres«
- Kopfhörer der Marke Beats

Es steht zu hoffen, dass derlei potenzielle Symptome der Impfkrankheit derzeit von seriösen Impfgegnerinnen und -gegnern im Rahmen von in Versalien geschriebenen Facebook-Posts erforscht werden.

Pro
Wir müssen klar festhalten, dass der Zusammenhang zwischen Impfen und Masturbation nicht widerlegt ist - im Gegensatz etwa zur längst widerlegten Behauptung, Impfen verursache Autismus (eben nicht, wie man hier lesen kann).

Sogar seriöse Quellen legen zwar keinen unmittelbaren, aber doch einen mittelbaren Zusammenhang zwischen Impfungen und Masturbation nahe. Ein Querschnittvergleich der offiziellen und wissenschaftlich abgesicherten Impfempfehlungen nämlich ergibt, dass Impfen insgesamt den Effekt hat, gegen Krankheiten zu schützen.

Dieser komplizierte Sachverhalt lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Wer geimpft ist, wird wahrscheinlich nicht krank. Woraus logisch folgt: Wer nicht krank ist, hat mehr Zeit, mehr Interesse und mehr Freude daran, »zu Masturbieren« (oe24.at). Denn: Mit Masern hat man im Bett andere Sorgen, ohne womöglich nicht. Insofern, Impfgegnerin aus St. Gallen, war zumindest ein Punkt in all dem ausgehängten Unfug gar nicht so dumm gedacht.

Illustration: Sammy Slabbinck

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