Die unsichtbare Mauer

Fotografie hat im SZ-Magazin schon immer eine herausragende Stellung eingenommen. Daher stellen wir Ihnen hier junge, talentierte Fotografen vor. Diesmal: Dorothee Deiss.

    Name: Dorothee Deiss
    Geboren: 1961
    Ausbildung:
    Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung, Berlin
    Webseite: www.dorotheedeiss.com

    Frau Deiss, Sie sind für Ihre Fotostrecke „Als ob nichts gewesen wäre" 160 Kilometer auf dem ehemaligen Mauerstreifen Berlins entlang gefahren. Warum?
    Ich komme eigentlich aus Westdeutschland und bin vor neun Jahren nach Berlin gezogen. Ich fand es von Anfang an faszinierend, wie Einflüsse aus Ost und West hier aufeinander treffen und war begierig danach, mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Per Zufall habe ich den Mauerradweg entdeckt, der 2006 fertig gestellt wurde. Beim Entlangfahren habe ich gemerkt, wie viel von Ost-West-Geschichte hier präsent wird. Teilweise ganz deutlich, teilweise kaum mehr sichtbar. Ich wollte nachspüren, wie sehr die Vergangenheit noch im Bewusstsein der hier lebenden Menschen ist.

    Was haben Sie herausgefunden?

    Teilweise hatte ich das Gefühl, die Vergangenheit wurde vergessen. Ich habe junge Leute getroffen, die auf dem ehemaligen Mauerstreifen Festivals feiern. Freizeitaktivisten, die das entstandene Naturschutzgebiet genießen. Junge Familien, die sich ihr Fertighäuschen in idyllischer Umgebung dort bauen und sich so das Niemandsland zu eigen machen. Diese Normalität finde ich irgendwie absurd. Andererseits habe ich auch viele ältere Anwohner gefunden, die unmittelbar an der Mauer auf der West- oder Ostseite ihr ganzes Leben verbracht haben. Für die meisten von ihnen ist die Vergangenheit noch sehr präsent. Sie haben mir viele bewegende Geschichten von der Zeit vor der Wende erzählt: von Trennung, Hoffnung, Wiedersehen. Einige leben leider auch noch immer mit einer unsichtbaren Mauer im Kopf. Was ist Ihr Fazit?
    Ich habe viel darüber gelernt, wie Menschen funktionieren. Wie sie Geschichte verarbeiten, verdrängen, vergessen. Es ist erschreckend und wunderbar zugleich, wie schnell wortwörtlich Gras über die Mauer gewachsen ist. Das soll in den Bildern deutlich werden.

    (Interview: Susanne Steiger)

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