Was wollten Sie Picasso schon immer mal sagen?

Die Künstlerin Jorinde Voigt im Interview ohne Worte über ihren kritischen Blick, heimliche Talente und Nacktheit beim Selbstporträt.

Geboren: 19. Januar 1977 in Frankfurt am Main
Beruf: Professorin für Malerei und Zeichnung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg
Ausbildung: Studium der Neueren Deutschen Literatur, Soziologie und Philosophie (abgebrochen), Kunststudium in Berlin und London Status: Besessen

Im Jahr 2015 wurde Jorinde Voigt plötzlich ausgebremst: »Ich musste zum Flughafen, doch ich schaffte es nicht mehr, zur Tür zu gehen«, erzählte sie damals. Die Künstlerin sprach von einem »inneren Streik«, auf jeden Fall schrie ihr Körper um Hilfe. Jorinde Voigt ist ein extremer Mensch, eine manische Zeichnerin, Leserin, Arbeiterin, das Kunstmagazin Art bezeichnete sie als »Freie Radikale«. Seit Jahren gehört sie zu den international erfolgreichsten deutschen Kunstschaffenden, das Centre Pompidou und das Museum of Modern Art besitzen Arbeiten von ihr. »Um mit der Welt klarzukommen, musste ich mich mit allem extrem ausei­nandersetzen«, hat sie mal gesagt, »sonst hätte die mich einfach nur verschluckt.«Als Kind gab sie Cello-Konzerte, später studierte sie Philosophie, las Barthes und Deleuze – Voigt wartet nicht auf den Musenkuss, sie sucht Erkenntnis. In ihren Bildern kom­biniert sie Linien, Text, Zahlen und Diagramme zu umwerfend schönen Arrangements, die auf ­Algorithmen oder Partituren basieren. Sie bildet Adlerflüge, Lichtbögen, Schussfelder ab, einmal hat sie ein halbes Jahr lang überlegt, wie sie die 32 Beethoven-Sonaten auf Leinwand bringen könnte. Sollte diese Frau sich einmal auf die Suche nach der Welt­formel begeben, wäre es ihr zuzutrauen, dass sie sie findet.