Seine Anzüge sind nur ein stummer Schrei nach Liebe

Ärzte-Schlagzeuger Bela B  hat einen Roman veröffentlicht und gibt sich auch sonst sehr seriös. Er trägt vorzugsweise Dreiteiler. Längst hat er verstanden: Wenn die ganze Welt casual herumläuft, ist Punk das Gegenteil.

Punk Reeperbahn-Style: Bela B von »Die Ärzte«, seit kurzem Romanautor.

Foto: Isa Foltin/Getty Images

Jochen Distelmeyer von Blumfeld, Dirk von Lowtzow von Tocotronic, Markus Berges von Erdmöbel, jetzt also Bela B von den Ärzten – können Songschreiber irgendwann nicht anders und wollen endlich mal mehr zu Papier bringen als ein paar Strophen und Refrains? Oder reden ihnen die Buchverlage erfolgreich ein, dass »Schreiben doch gleich Schreiben« ist, weil sie in all den treuen Musikfans willige Buchkäufer sehen? Was auch immer deutsche Musiker in den vergangenen Jahren dazu treibt, Romane zu veröffentlichen, hoffentlich erzählt niemand Tokio Hotel davon.

Das gerade erschienene Buch von Dirk Felsenheimer alias Bela B, dem Schlagzeuger der Band Die Ärzte, heißt »Scharnow«, es geht um ein Dorf in Brandenburg. Der vielleicht noch interessantere Stoff ist aber, was der als Alt-Punk und Neu-Autor die vergangenen Jahre so trägt.

In den Achtzigern war Bela Bs Dresscode ja vor allem: Schwarz. Sprüche-T-Shirts, enge Hosen, Munitionsgürtel, wilde Haare, Stirnband. Halb Berlin lief damals so rum, die restlichen Jugendlichen der Republik steckten sich zumindest ein paar Pins an die Weste, wenn sie heimlich »Geschwisterliebe« hörten.

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Doch wenn man als Punk gegen das Anzug tragende Establishment rebelliert, das Establishment aber irgendwann nur noch Jeans, Sneaker und T-Shirts mit Swarovski-Totenkopf trägt - wie distanziert man sich dann noch? Selbst Anzug tragen, das ist heute ja fast schon subversiv.

Natürlich hat Bela B nicht irgendwelche schwarzen Boss-Modelle an mit weißem Hemd drunter und Budapestern dazu. Seine Anzüge schimmern in Mitternachtsmetallicblau oder Brokatgold. Dazu trägt der 56-Jährige fast immer Weste, Silberschmuck und Cowboystiefel. Neu in seinem Repertoire sind außerdem Schnurri und Strähnen im Haar, die eher nach DIY-Youtube-Tutorial ausehen; echte Punks gehen bekanntlich nie zum Friseur.

Bela B, der eigentlich aus Berlin kommt, lebt schon seit den Neunziger Jahren in Hamburg, offensichtlich kommt er häufiger an der Reeperbahn vorbei, wo dieser Look Tradition hat. Andererseits tendierte Thomas Gottschalk – abgesehen von Haar und Bartwuchs – ebenfalls stark in diese Richtung. Weil er im Öffentlich-Rechtlichen im Grunde ein Stück weit Punk war? Gottschalk hat übrigens auch mal ein Buch geschrieben, eine Autobiografie mit dem Titel »Herbstblond«, was wieder exakt der Name des Farbtons von Bela Bs DIY-Coloration sein könnte. Insgesamt jedenfalls alles deutlich interessanter und anarchistischer als die Smart-Casual- oder Funktions-Fraktion da draußen.

Neulich saß Bela B mit Anzug Weste und Hemd mit kubistischem Tapetenmuster bei Jan Böhmermann. Allein dafür hätten wir gern noch »Rückkehr nach Scharnow« und »Neues aus Scharnow«, damit auch solche Auftritte möglichste viele Fortsetzungen bekommen. Nur dass das Smartphone in der Jackentasche besser aufgehoben ist als in der Anzughose, wie neulich bei seinem Besuch auf der Berlinale zu sehen, müsste man dem Mann noch mal sagen. Denn auch nicht alles was sperrig ist, ist Punk.

Wird auch getragen von: Thomas Gottschalk
Typischer Instagram-Kommentar: »Ärzte ohne modische Grenzen«
Passender Song: »Lasse redn« (Die Ärzte)

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