Sollte man einer Alkoholikerin weiterhin Wein schenken?

Eine Leserin bringt ihrer Freundin traditionell zum Geburtstag eine Kiste guten Wein mit. Mit der Zeit ist diese der Sucht verfallen. Was tun? Der Moralkolumnist sieht das Ganze nüchtern.

»Seit Jahrzehnten schenke ich einer Freundin – wir sind beide über siebzig – eine Kiste guten Wein zum Geburtstag. Leider musste ich feststellen, dass sie Alkoholikerin geworden ist. Alle meine Versuche, ihr zu helfen, sind gescheitert, ich möchte ihr nun keinen Wein mehr schenken. Andererseits ändert das nichts, und sie kauft sich nur billigen Fusel. Was soll ich tun?« Karin S., Berlin

Als Grundsatz sollte gelten, dass man sein persönliches Handeln verantworten muss, unabhängig davon, wie viel es zum Ergebnis eines Geschehens beiträgt. Nur weil ein unabgesperrtes Fahrrad am Bahnhof sowieso in kürzester Zeit gestohlen wird, darf man es nicht selbst mitnehmen. Dass die Freundin sich ohnehin Alkohol besorgt, entbindet Sie nicht von Ihrer Verantwortung. Nun könnte man, so wie Sie es tun, argumentieren, dass eine Kiste Wein pro Jahr bei einer Alkoholkranken vermutlich einen Tropfen auf den heißen Stein darstellt, und die persönliche Zuwendung, die im Schenken dieser Kiste liegt, deren negativen Beitrag aufzuwiegen scheint.

Allerdings überzeugt das am Ende nicht. Vielleicht würde sich Ihre Freundin wirklich am meisten über die Kiste Wein zum Geburtstag freuen. Dennoch müssen und sollten Sie nicht etwas tun, was Ihrer Überzeugung widerspricht und zudem objektiv schadet. Nach all den Jahren kennen Sie Ihre Freundin vermutlich so gut, dass Sie ihr mit etwas anderem auch eine Freude bereiten, also mit anderem Ihre Zuneigung zeigen können. Etwa mit einer Delikatesse, die sie gern isst, also innerhalb der Idee des Genusses bleibt, aber ohne die Probleme der Sucht.

Und man darf einen Aspekt nicht außer Acht lassen: das Signal, das in dem ­Geschenk einerseits und dessen Verweigerung andererseits liegt. Wenn Sie mit dem seit Jahren üblichen Ritual fortfahren und Ihrer Freundin Alkohol schenken, als gäbe es kein Problem, tragen Sie mit zu dessen Verdrängung bei. Das ist ein nicht zu unterschätzendes suchtförderndes oder suchterhaltendes Verhalten. Umgekehrt liegt in dem Abbruch des Rituals und im expliziten Verweigern des Alkohols als Geschenk auch ein deutlicher Hinweis, dass Sie sich ernsthaft Sorgen machen, vielleicht ein stärke­rer, als es Gespräche bislang waren.

Hinweise:

Über Abhängigkeit und auch die Rolle von Angehörigen (und im weiteren Sinne auch Freunden) informiert zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA, die auch ein Info-Telefon anbietet.
Informationen, Literaturhinweise und Buchempfehlungen für Angehörige und Freunde von Suchtkranken findet man zum Beispiel hier.

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