Die Auferstehung der Ausgestorbenen

Ob Nashorn oder Mammut: Weltweit versuchen Forscher, ausgestorbene Tierarten wiederzubeleben. Teils klingt das nach Hollywood, besonders weit ist aber ein Berliner Biologe, der auf überraschend nachvollziehbare Weise arbeitet.

Das Problem: Gerade wurde der letzte Nördliche Breitmaulnashornbulle eingeschläfert, und der Planet verliert jeden Tag etwa 60 weitere Tier- und Pflanzenarten.
Die Lösung: Ein deutsches Forscherteam arbeitet mit Hochdruck daran, die Art »wiederzubeleben«, mit spektakulären neuen Methoden.

Selten bekommt ein alternder Junggeselle in der Weltpresse so verzweifelte Nachrufe: »Mit großer Trauer« hat der Safaripark in Kenia die Nachricht verkündet, »das charismatische Tier« (New York Times) sei diese Woche gestorben, »die Leute vom Wildtierschutz weinten tagelang« (Time). Sein Tod sei »ein grausames Beispiel für die Verachtung der Menschen für die Natur« zitierte die BBC einen Zoomitarbeiter.

Bevor Sudan, 45, diese Woche in Kenia aus Altersgründen eingeschläfert wurde, bewachten ihn in den letzten Jahren rund um die Uhr Bodyguards mit Maschinengewehren. Der 2500 Kilo schwere Koloss hatte sogar ein Tinder-Profil, auf dem er sich mit den Worten vorstellte: »Ich will nicht aufdringlich sein, aber ich bin der letzte Überlebende meiner Art.«

Es hat alles nichts genutzt: Nun sind nur noch seine Tochter Najin und seine Enkelin Fatu am Leben. Ihnen fehlen nicht nur paarungsfähige Kerle, sondern beide können aus gesundheitlichen Gründen keine Schwangerschaft austragen.

Dafür hat ein Wettrennen unter Wissenschaftlern eingesetzt, wem es als erstem gelingt, die nun fast ausgestorbene Art »wiederzubeleben«. Und wie - durch Klonen, Leihmutterschaft oder Stammzellenforschung?

Im »Frozen Zoo« in San Diego lagern die gefrorenen Zellen von zwölf Nördlichen Breitmaulnashörnern, auch die des jüngst verstorbenen Sudan, neben denen von rund tausend anderen Tieren. Mit viel Glück, mehreren Millionen Dollar und weiteren Fortschritten in der Stammzellenforschung werden Forscher aus den daraus gewonnenen Stammzellen möglicherweise einmal neues Leben tricksen können. Gesunde Mäuse können die Forscher mit der Technik schon »herstellen«, aber wird das auch bei 2500-Kilo-Kerlen klappen? So schnell wie bei den Mäusen geht das schon mal nicht, denn so ein Dickhäuter ist 16 Monate trächtig.

An Sudans Safari Park in Kenia hängt ein Schild, das Hoffnung macht: »Deutsche Reproduktionsspezialisten entwickeln derzeit Techniken für eine assistierte Reproduktion bei gefährdeten Nashornarten.« Gemeint ist das Team um Thomas Hildebrandt, den Leiter des Reproduktionsmanagements am Berliner Leibniz-Institut für Zoo und Wildtierforschung (IZW). Er ist der einzige Wissenschaftler weltweit, der den letzten vier Nördlichen Breitmaulnashörnern Sperma entnehmen konnte, auch Sudan. Salopp gesagt leitet Hildebrandt eine Art Kinderwunschklinik für Giganten, vor allem für Elefanten und Nashörner, und er hat als erster die Kunst perfektioniert, den Nashörnern Eizellen zu entnehmen. Das klingt einfacher als es ist: Beim Menschen sind es von der Vagina bis zu den Eierstöcken nur fünf Zentimeter, bei den Nashörnern dagegen liegen die Eierstöcke knapp zwei Meter im Tier. So weit reicht kein Arm. Hildebrandt hat eine Methode patentiert, die Eizellen durch den Darm zu erreichen, allerdings liegen sie sehr dicht an wichtigen Blutgefäßen, und die Prozedur ist nicht ungefährlich. »Wir operieren bei großen Blutgefäßen, die sind so dick wie kleine Kinderarme«, erklärt Hildebrandt. »Wenn Sie da versehentlich reinstechen, sind die Tiere tot.«

Er ist der einzige, der die Prozedur bei einem Dutzend Südlicher Breitmaulnashörner bereits erfolgreich trainiert hat. Von den Südlichen gibt es nämlich noch knapp 25000 Exemplare, und genau das stimmt Hildebrandt positiv: Schließlich sei auch das Südliche Breitmaulnashorn vor einigen Jahren schon mal auf 20 Exemplare reduziert worden und es sei gelungen, es nun wieder anzusiedeln. Sieben Südliche Breitmaulnashörner haben er und sein Team bereits erfolgreich künstlich besamt. Die internationale Fachzeitschrift Zoo Biology hat die bahnbrechende Strategie, wie man diese todgeweihte Art noch vor dem Aussterben retten kann, vor knapp zwei Jahren veröffentlicht.

Das ist der Plan: Hildebrandt würde  gerne den beiden noch lebenden Nördlichen Nashornkühen unter Vollnarkose Eizellen entnehmen und sie in vitro befruchten. Dann hofft er, eine befruchtete Eizelle in ein Südliches Breitmaulnashorn einzusetzen, als Leihmutter. Die Südlichen sind etwas kleiner als die Nördlichen, haben weniger haarige Ohren und eine andere Knochenstruktur, aber grundsätzlich könnte das schon klappen. Oder es könnte alles fürchterlich schiefgehen und Hildebrandt läuft Gefahr, als der Wissenschaftler in die Geschichte einzugehen, der die kostbaren, letzten lebenden Kühe tötet: Ende Mai will er das Risiko eingehen, da soll er mit seinem Team wieder ins Reservat nach Kenia fliegen, denn die Zeit drängt. »Das soll so bald wie möglich passieren«, sagt Hildebrandt. »Najin ist 28 Jahre alt, Fatu 18, wir haben keine Zeit zu verlieren, denn die Qualität der Eizellen nimmt mit jedem Jahr ab.«

Hildebrandt war es auch, der vor vier Jahren in Kenia festgestellt hat, dass die beiden Dickhäuter nicht mehr auf natürliche Weise trächtig werden können. Das Ganze ist nur irrsinnig kompliziert: Wenn alles gutgeht, werden die Eizellen in ein Speziallabor nach Italien geflogen, dort im Reagenzglas befruchtet. Falls dort Embryonen entstehen, werden diese dann wieder zurück nach Kenia geflogen, um sie dort einer Leihkuh einzusetzen - es wäre eine medizinische Sensation, wenn das klappt.

Natürlich muss sich Hildebrandt den Kritikern stellen, die fragen: Ist eine Unterart der Nashörner diesen Aufwand wert? Denen entgegnet er ohne Umschweife: »Es ist einfach nicht akzeptabel, diese Arten ausrotten zu sehen.« Schließlich seien es die Menschen, die die Tiere vernichtet hätten, deshalb müsse es auch der Mensch richten. Das Nashorn ist nämlich nicht aus evolutionären oder anderen Gründen ausgestorben, sondern schlicht und einfach aus Geldgier. »In diesem Fall ist es die Kalaschnikow, die das Tier zum Aussterben gebracht hat, nicht die Evolution«, sagt Hildebrandt. So viele Männer halten die wuchtigen Hörner für aphrodisierend, dass die Dickhäuter für ihre lukrativen Zierden alle abgeschlachtet wurden. Dabei besteht das begehrte Horn in erster Linie aus Keratin, also derselben Substanz, aus der unsere Fingernägel gemacht sind. Davon wird kein Mann potenter.

»Wenn die Menschen nicht so bekloppt wären, das Nashorn so mystisch zu verehren und so viel Geld für das Horn zu zahlen, dann würden diese Tiere noch unter uns sein«, sagte Hildebrandt in einem Interview mit der Berliner Zeitung. »Mein moralischer Anspruch lautet: Der Mensch hat das diesen Tieren angetan, und wir als Wissenschaftler haben möglicherweise die Lösung, das Aussterben zu verhindern.« Er hoffe, sagte Hildebrandt, dass die zukünftigen Generationen vernünftiger mit dem Planeten umgehen. »Vielleicht auch nicht. Aber wir sollten ihnen wenigstens die Option geben, diese beeindruckenden Tiere zu sehen. Sie haben ja auch eine ganz wichtige Funktion im Ökosystem.«

Auch mit Stammzellforschern arbeitet er dabei zusammen: »Wir brauchen beide Methoden. Wir arbeiten mit Hochdruck am Parallelweg.« Das Klonen dagegen hält er in diesem Fall für einen Irrweg: Selbst wenn man Sudan klonen könnte, wäre die genetische Vielfalt zu klein, um daraus eine neue Nashorn-Generation zu züchten. »Das einzige, was man dagegen halten kann, ist, dass Sudan eben das berühmteste Nashorn der Welt war und es schön wäre, einen kleinen Sudan zu haben. Aber die Erfolgsquote ist sehr gering, für das Schaf Dolly mussten Hunderte Embryonen verbraucht werden. Das Klonen ist ineffizient, sehr teuer und hat wenig öffentliche Akzeptanz. Artenschutz und Klonen passen nicht zusammen.«

Eine natürliche Methode wäre die Rückzüchtung, also das strategische Kreuzen noch lebender Artverwandter. In Europa versuchen mehrere Forscher, damit den Auerochsen zurück zu bringen. Wissenschaftler in Kapstadt haben verkündet, dass ihnen mit dieser Methode gelungen ist, das Quagga wieder zu beleben, eine Zebra-Art, aber genetisch unterscheidet sich die Kopie natürlich vom Original. Und für die Breitmaulnashörner kommen diese Strategien ohnehin nicht in Frage.

Und wer entscheidet eigentlich, welche Tiere wiederbelebt werden sollen oder de-extinct, wie die Amerikaner sagen? Der niedliche Dodo, der chinesische Flussdelfin oder die Wandertaube? Es geht ja nicht nur um Ökosysteme und Biodiversität, sondern auch um einzigartige Lebewesen, von denen jedes eine ganz bestimmte Funktion hat, die dem Planeten unwiederbringlich verloren gehen - und die wir vielleicht nicht einmal kennen. Auf allen Kontinenten findet deshalb derzeit eine Art Wettkampf statt, wer mit welcher Methode als erster eine Art wiederbelebt. Zum Beispiel versuchen sie in Seoul zur Zeit, das Wollhaarmammut wieder auferstehen zu lassen, das gegen Ende der Eiszeit vor etwa 10000 Jahren ausstarb. Elefanten sollen als Leihmütter dienen. Harvard-Wissenschaftler haben mit der Gen-Editier-Technik CRISPR Mammut-Gene in Elefantengenome geschleust. In Australien arbeitet ein Forscherteam des Lazarus Project daran, einen ausgestorbenen australischen Frosch und andere Tiere zu klonen. Und das sind nur einige wenige Beispiele der relativ unregulierten Experimentierfreude, mit der Wissenschaftler Gott spielen.

Manche Versuche klingen verdächtig nach Hollywood: In Jurassic Park werden bekanntlich die ausgestorbenen Dinosaurier wiederbelebt. In der Praxis würde das niemals funktionieren, schon allein deshalb, weil ihr vollständiges Erbgut nach all den Millionen Jahren gar nicht mehr erhalten ist. Experimente, eine ausgestorbene Wildziegenart in den Pyrenäen zu klonen, endeten vor einigen Jahren nach zahlreichen Versuchen mit einer Missgeburt. Aber selbst wenn es gelänge, wer weiß, ob sich die geklonten Tiere wie ihre Originale in die Natur einfügen?

Skeptiker meinen ohnehin, die vielen Millionen, die solche Projekte kosten, sollte man besser in die Arterhaltung stecken. Tatsächlich aber schließt das eine das andere nicht aus. »Wir nehmen niemandem Ressourcen weg«, sagt Hildebrandt. »Wenn wir einige Millionen zur Verfügung hätten, hätten wir dieses Jahr noch einen Embryo«, meint er. »Das Nashorn sorgt zwar international für die meisten Schlagzeilen, wir bekommen aber keine Ressourcen dafür.« Er ist zwar auch peripher an dem umstrittenen Mammut-Projekt beteiligt, sieht das Anliegen, eine Art nach 10000 Jahren aus einem zufällig gefundenen Zellklumpen wiederauferstehen zu lassen, aber kritisch. »Wir sollten uns um Tiere kümmern, die noch leben, nicht die schon ausgestorben sind«, sagt er, gibt aber gleichzeitig zu, dass auch die Arterhaltung von den Erkenntnissen, Fortschritten und neuen Methoden aus diesen spektakulären Projekten lernt.

Für das Nördliche Breitmaulnashorn werden die wissenschaftlichen Fortschritte womöglich zu spät kommen, aber auch die meisten anderen Nashorn-Arten sind vom Aussterben bedroht. Vielleicht kommen die Rettungsversuche also den Artgenossen zu gute. Hildebrandt arbeitet zum Beispiel auch auf Borneo an der Rettung des Sumatra-Nashorns. So oder so: Die Zukunft des Nashorns wird sich in einer Petrischale entscheiden. Wenn das Nashorn eine Zukunft hat. »Die technischen Möglichkeiten sind zum Teil sehr futuristisch, aber solide«, sagt Hildebrandt. Er ist erstaunlich zuversichtlich: Sein Ziel ist, »in zehn bis 20 Jahren wieder eine Population des Nördlichen Breimaulnashorns zu sehen.«

Aktuell stehen übrigens 25128 weitere vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion. Eine viel bessere Lösung wäre natürlich, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.

Foto: dpa

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