»Während meiner ersten Schwangerschaft habe ich meine Tochter bei einer Fehlgeburt verloren. Nach vier weiteren zu früh zu Ende gegangenen Schwangerschaften bleibe ich ungewollt kinderlos. Langsam fasse ich wieder Mut und ziehe Freude auch aus meinen Hobbys, darunter dem Singen im Chor. In der vorigen Probe brachte eine Mitsängerin ihr Baby mit. Mein Schreck war fast körperlich. Nach der Probe bin ich auf sie zugegangen, habe ihr meine Situation erklärt und gefragt, ob sie ihre Tochter nun jedes Mal mitbringe. Sie war sehr mitfühlend und schlug eine wechselnde Teilnahme vor. Sie müsse jedenfalls ihr Kind mitbringen, da sie keine Betreuung habe. Doch das Abwechseln scheint mir für keine von uns eine glückliche Lösung zu sein. Seitdem pausiere ich meine Teilnahme. Ich habe Verständnis für die Mutter. Aber es bleibt ein Fragezeichen: Wer muss den Proben fernbleiben? Muss ich meine Trauer in den Griff bekommen oder sie ihre Betreuungssituation?« Anonym, per Mail
Ich kann Sie gut verstehen, aber man kann nicht von der ganzen Welt um einen herum erwarten, dass sie einem Schmerz erspart. Wenn es Sie im Moment noch zu traurig macht, Mütter mit Babys zu sehen, müssen Sie um diese Situation, sofern Sie das steuern können, einen Bogen machen. Das würde in diesem Fall bedeuten, vorerst nicht in diesen Chor zu gehen. Es ist jedenfalls nicht die Aufgabe dieser Mutter, Ihnen zuliebe so zu tun, als hätte sie kein Baby. Oder Ihnen zuliebe dem Chor fernzubleiben. Ich bin mir ganz sicher, wenn Sie von sich absehen würden und Ihren eigenen Fall geschildert bekämen, würden Sie das auch so sehen. Man kann nicht die ganze Welt mit seinen persönlichen Traumata in Schach halten, sondern muss lernen, mit diesen in der Welt zurechtzukommen.
Und das geht nur, glaube ich, indem man sich dem Leben aussetzt. Vielleicht ist es für Sie noch zu früh, das können nur Sie wissen, aber es kann eine gute Übung sein, sich der Begegnung mit diesem Baby zu stellen. Also eben gerade in diesen Chor zu gehen, mit offenem Herzen und pochender Angst. Bis der Schrecken irgendwann kleiner geworden ist (und so ein Baby wird ja auch größer, und zack ist es 14 und raucht heimlich, hält eine schlimme Frisur für cool und seine Eltern für blöd). Ich finde übrigens toll, dass Sie so offen mit dieser Frau geredet haben – und ebenso besonders finde ich es, dass diese so verständnisvoll reagiert hat.
Als Kind hatte man doch manchmal Angst, es wären Geister unter dem Bett, und dann mussten die Eltern nachsehen und einem versichern, dass da nichts sei. Aber es gibt nun mal Geister unter dem Bett. Und als erwachsener Mensch muss man lernen, sich mit ihnen anzufreunden. Das geht. Es dauert nur ein bisschen. Aber Sie werden das schaffen, in Ihrem eigenen Tempo, das Sie bestimmen.

