"Ich würde mich selbst nie einladen. Ich bin zu langweilig."

Aber ist das ein Grund, ständig so viele alte Männer ins Studio zu bitten? Zeit für ein paar kritische Fragen an die Moderatorin Sandra Maischberger.

SZ-Magazin: Frau Maischberger, Sie führen seit 25 Jahren hauptberuflich Interviews, Sie haben Interviewtechnik an der Deutschen Journalistenschule gelehrt: Wie muss eine gute erste Frage lauten?
Sandra Maischberger: Sie soll den Ton festlegen, in dem das Gespräch geführt wird, den Gesprächspartner interessieren und die Zuschauer oder Leser neugierig machen. Ein Interview muss schnell möglichst intensiv und packend sein. Und was für die erste Frage gilt, gilt auch für die letzte: Sie kann alles kaputt machen. Ein Meister des riskanten Einstiegs war Friedrich Küppersbusch (als Moderator der Sendung »Privatfernsehen«, Anm. d. Red.). Er überraschte z. B. den CDU-Politiker Rudolf Seiters mit der Frage: Sie heißen Rudolf, Ihr Bruder heißt Adolf, und wie waren Ihre Eltern sonst so drauf? Der Rest des Interviews lief dann nicht so harmonisch.

So möchte ich nicht beginnen. Ich würde Sie lieber erst zu Ihrer Talkshow befragen und Ihnen dann ein paar persönliche Fragen stellen. Ist diese Einteilung sinnvoll?
Könnte günstig sein; wenn ich mich erst warmrede in einem Feld, auf dem ich mich sicher fühle, und wenn Sie mir dann sympathisch geworden sind aufgrund Ihres Interesses an mir, ist es gut möglich, dass ich bereit bin, ein paar persönliche Fragen zu beantworten.

Wie oft war Norbert Blüm schon in Ihrer Sendung Menschen bei Maischberger?
Ich glaube, er und Heiner Geißler sind unsere Spitzenreiter.

Und wie oft Hans-Olaf Henkel?
Seltener. Kürzlich war er nach langer Zeit wieder bei uns. Er hatte sich ein bisschen rar gemacht.

In der vorletzten Sendung vor der Sommerpause hatten Sie fünf Gäste, darunter Hans-Olaf Henkel, Norbert Blüm, Michel Friedman. Diese drei zählt ein journalistischer Informationsdienst zu den zehn nervigsten Talkshowdauergästen. Ist es so schwer, andere Gäste zu kriegen?
Ich bin auch mit Skepsis in die Sendung gegangen. Als die Redaktion mir erzählte, wer zugesagt hatte, fühlte ich mich an Talk im Turm erinnert Anfang der Neunzigerjahre, schon damals hatte ich mich mit den Herren unterhalten. Aber ich musste mich korrigieren: Alle drei haben frische Gedanken gebracht und offensichtlich niemanden genervt, denn es war die erfolgreichste Sendung, die wir in diesem Halbjahr gemacht haben. Und daran sieht man wieder: Talkshow ist nicht theoriefähig. Das hat der Autor und Journalist Wolfgang Menge immer gesagt.

Es gibt sicher auch Empfindlichkeiten, oder? Wenn der als Gast kommt, komme ich nicht.
Gibt es, ja: Das ist der tägliche Balanceakt.

Können wir mal eine normale Arbeitswoche durchgehen: Es ist Dienstagabend, die Sendung ist aufgezeichnet. Was machen Sie dann?
Dann sitze ich im Flieger zurück nach Berlin.

Wieso? Ihre Sendung kommt doch aus Berlin?
Nein, die Redaktion sitzt in Berlin, wir zeichnen in Köln-Bocklemünd auf, wir sind eine WDR-Sendung. Nur ganz selten, wenn sie einen Gast nicht nach Köln bekommen, sind wir in Berlin. Nach der Sendung sitzen wir also oft an der Flughafenbar, und ich gebe ein Kölsch aus.

Und reden über die Sendung?
Nach jeder Sendung ist man ungeheuer aufgewühlt, selten wirklich zufrieden. Eine Talkshow ist eine unpräzise Angelegenheit. Man hofft, sie wird so, wie man es sich vorgestellt hat, aber natürlich wird es nie ganz so.

Sie hätten ja noch Zeit, Fehler rauszuschneiden?
Wir senden grundsätzlich so, wie aufgezeichnet wurde, mit allen Fehlern. Das sind wir unseren Gästen und unseren Zuschauern schuldig.

Sendungs-Sensibilitäten

Wie viele Interviewpartner fragen Sie durchschnittlich an, bis Sie fünf Gäste für eine Sendung zusammenhaben?
Ich schätze: zwanzig. Um einen Stuhl zu besetzen, fragen wir meist vier, fünf Gäste an, manchmal kriegen wir auch bis zu zehn Absagen. Bei Wirtschaftsthemen ist es besonders schwierig, börsennotierte Unternehmen schicken ungern Vertreter, sie fürchten, das eine falsche Wort zu sagen, das ihren Aktienkurs in den Keller rutschen lassen könnte.

Wann stehen Themen und Gäste der nächsten Sendung fest?
Normalerweise am Freitag. Ich lese am Wochenende dicke Mappen mit Informationen über das Thema und die Gäste. Am Montag besprechen wir in der Redaktion den Ablauf, überlegen, mit welchem Aspekt des Themas man beginnt, welchem Gast man die erste Frage stellt.

Ein Fachausdruck lautet: »eine Sendung wird geschrieben«. Es gibt also eine Art Drehbuch?
Ja und nein. Natürlich haben wir uns einen idealen Ablauf der Sendung überlegt, aber der funktioniert ja niemals so wie geplant: Da sagt ein Gast schon zu Beginn etwas, worauf ich erst am Schluss kommen wollte. Lasse ich ihn weiterreden und stelle im Kopf die Sendung um, oder unterbreche ich und sage, wir kommen später dazu? Ich muss das Gespräch befeuern, steuern – und abkühlen.

Sprechen Sie mit den Gästen vor der Sendung?
Immer mit jenen, die noch nie im Fernsehen waren und einem Millionenpublikum ihr Schicksal erzählen sollen und oft fast sterben vor Nervosität. Andere, wie Geißler oder Blüm, begrüße ich kurz.

Wann überlegen Sie, was Sie zur Sendung anziehen?
Eine Stylistin schleppt Sachen an, die probiere ich hier im Büro. Ich habe keinen Blick, kein Gefühl und kein großes Interesse an Äußerlichkeiten.

Kokettieren Sie jetzt?
Nein. Ich möchte schon gern gut aussehen. Nur wie man das herstellt, hat mich noch nie interessiert. Schon auf der Journalistenschule haben sich zwei Freundinnen totgelacht, dass ausgerechnet die, die immer die scheußlichsten Klamotten trug, zum Fernsehen ging.

Sie sagten mehrfach, Sie sähen Ihre Sendung mehr als einen Salon, in dem Salongespräche geführt werden? Aber Ihr Bühnenbild in Gelb und Rot gleicht mehr einer Ausstellung bei Möbel Segmüller denn einem intimen Salon.
Ich gebe das gern weiter, das Studiodesign wird gerade überarbeitet. Bei diesen Dingen bin ich einfach überfragt. Nur glaube ich nicht, dass das Bühnenbild allein entscheidend dafür ist, ob meine Zuschauer eine Sendung mögen oder nicht.

Ist es nicht unhöflich, von Ihren Zuschauern zu verlangen, bis Mitternacht aufzubleiben, während Ihre Gäste längst im Bett liegen, da die Sendung schon früher aufgezeichnet wurde?
Unhöflicher wäre es, wenn die Gäste während der Sendung einschliefen. Da hätten die Zuschauer wirklich nichts davon. Ich glaube auch, dass es anstrengender ist, eine Debatte zu führen, als ihr zuzuhören. Das erleben wir öfter, wenn wir live senden.

Ist es Erfahrung oder Timing zu wissen, wie lange man zwei Streithähne streiten lassen soll, bis Sie dazwischengehen?
Beides. Und mit die schwierigste Frage in einer Sendung. Sie können ohne Feuer keine Sendung machen, müssen es jedoch zwischendurch auch austreten. Egal wie Sie entscheiden, die Hälfte der Zuschauer hätte anders entschieden.

Wer ist Ihr Publikum dienstagabends um elf?
Etwas mehr Frauen und deutlich über fünfzig, sechzig Jahre.

Geht es deshalb so viel um alte Menschen in Ihren Sendungen? Lautet so Ihr Arbeitsauftrag?
Das interessiert unsere Zuschauer am meisten und ist obendrein eine persönliche Leidenschaft von mir. Auch privat frage ich gern Ältere, weil ich von ihrem Erfahrungsschatz profitiere.

Sie hätten aber auch keine andere Wahl, oder?
Eine Sendung ist ein Kunstwerk. Aber wir müssen auch eine Dienstleistung bieten. Ich kann nicht an einer Gebühren zahlenden Zuschauerschaft völlig vorbeisenden. Dass wir uns häufiger mit Themen wie Gesundheit und Rentenfragen beschäftigen, hat natürlich damit zu tun, dass unsere Zuschauer älter sind als die von RTL.

Am Quotenverlauf, den Sie am Tag nach der Sendung sehen können, ist zu erkennen, bei welchen Fragen oder Gästen die Zuschauer wegzappen. Das heißt, Sie müssten eine Sendung nach und nach perfektionieren können. Ist es so?
Sendungen über Datenschutz im Netz finden auf diesem Sendeplatz nicht genügend Interesse. Auch außenpolitische Themen sind schwach. Außer, es kommt Peter Scholl-Latour. Da sind wir wieder beim Thema, aber einen jungen Peter Scholl-Latour gibts eben nicht. Ja, wir haben gelernt, wir haben optimiert und sind so die erfolgreichste Sendung auf diesem Sendeplatz geworden, erfolgreicher als Beckmann, Harald Schmidt oder Markus Lanz.

Freut es Sie, dass Günther Jauch zur ARD kommt?
Ja, sehr. Er ist eine Klasse für sich. Ich habe immer schon bewundert, wie er es schafft, Fragen zu stellen, die oft interessanter sind als die Antworten.

Nun braucht Anne Will einen neuen Sendeplatz. Wie sicher sind Sie sich des Ihren?
Wir senden am Dienstag. Etwas anderes, so sagt man mir, stand nie zur Debatte.

Hätten Sie gern Jauchs Sendeplatz, den mit der bombensicheren Quote nach dem Tatort?
Wenn er der Quotengarant ist, hätte man ihn natürlich auch auf einen Sendeplatz setzen können, der schwächelt. Weil aber der Sonntag nun mal der beste Sendeplatz ist, steht er auch dem Besten zu. Ich bin gespannt, ob Günther das auch auf dem neuen Feld der politischen Talkshow bleibt.

Wer wäre Ihr absoluter Wunschgast?
Das kann ich nicht beantworten. An dem Tag, an dem die Deutsche Bank ihre Jahresbilanz herausbringt, wäre es Josef Ackermann. Bei anderen Sendungen reizt er mich vielleicht nicht so sehr. Ich habe die meisten bekannten Menschen gesprochen, die interessant sind in Deutschland.

Und wenn die gute Fee Ihnen einen Gast herbeizaubern könnte?
Dann würde ich mir die gute Fee wünschen. Oder am Tag nach der Papstwahl den Papst. Obwohl, der Papst ist eigentlich immer interessant. Die Fee und er hätten sich sicher was zu sagen.

Aber Sie haben beiden was voraus. Denn selbst wenn die zwei Ihnen versprechen würden, in jede Sendung zu kommen, würden Sie sie doch nicht jede Woche einladen, oder?
Wie meinen Sie das?

Wenn man den Drang ins Fernsehen hat, ist es wesentlich klüger, Moderatorin zu werden, dann ist man ganz sicher jede Woche auf Sendung.
Ich hatte nicht den Drang, ins Fernsehen zu gehen. Das glauben Sie mir nicht. Ich habe sehr wohl den Drang, mich mit interessanten Menschen zu unterhalten. Aber dass es mich ins Fernsehen führen würde, war nicht geplant.

Frau ohne Eigenschaften

Man weiß nicht recht: Nehmen Sie sich in Ihren Sendungen zurück, um Ihre Gäste glänzen zu lassen, oder besitzen Sie selbst wenige Eigenschaften, die Sie charakterisieren.
Das ist doch prima. Ich nehme mich in der Sendung zurück, ich bin nicht die Hauptperson. Möglicherweise würde ich mich als Gast nicht einladen, denn ich fände mich zu langweilig. Welche Geschichte hätte ich schon zu erzählen? Jetzt fangen Sie mal an, mich als Person zu durchleuchten, da kommt nicht viel.

Eine Frau ohne Eigenschaften?
Ich habe schon Eigenschaften, aber keine außergewöhnlichen. Wenn ich das vergleiche mit Richard von Weizsäcker, der durch die Geschichte seiner Familie stark geprägt war, der im Krieg schwierige Situationen zu bestehen hatte, der in die Wirtschaft und dann erst in die Politik ging – das alles hatte ich überhaupt nicht zu leisten. Ich habe immer nur Menschen befragt. Und Glück gehabt, dass die Leute das sehen wollen.

Sie sagten einmal: Ich bin durch und durch meinungslos. Ist das nun kokett oder langweilig?
Beides. Ich werde auch immer meinungsloser: Ich stelle zunehmend fest, dass ich viel zu wenig weiß, um eine fundierte Meinung vertreten zu können. Ein klassisches Beispiel ist der Konflikt Israel und die Palästinenser. Ich mute mir da keine Meinung zu.

Ein Laster, bitte!
Ich schaue mir zu viele schlechte Filme an. Das klaut mir die Zeit, um Sinnvolleres zu tun.

In Interviews, die Sie gaben, sprachen Sie mehrfach über Sucht. Wissen Sie, welchen Aspekt ich meine?
Die Befriedigung, beim Bilanzziehen sagen zu können, man habe was Ordentliches geleistet?

Nein, dass Anerkennung und Applaus Sie süchtig machen können.
Das stimmt. Das hat sich Gott sei Dank abgemildert. Ich weiß, dass ich ehrgeiziger war. Wenn ich aber ab morgen nicht mehr im Fernsehen wäre, so hätte ich meinen Anteil gehabt. Sich darüber zu definieren, ob die Menschen einen gut finden oder nicht – das Kapitel hab ich abgeschlossen.

Es gibt drei Themen, mit denen Sie es in Ihrer Karriere in die Boulevardmedien geschafft haben. Das erste: Als Sie 1991 mit Erich Böhme Talk im Turm moderierten und todesmutig ein Jahr ausharrten, obwohl er Sie und die Zuschauer spüren ließ, dass er Sie nicht ernst nahm.
Ich war für die Aufgabe, die man mir gestellt hatte, zu jung. Und Erich war der Maßstab, an dem man das am deutlichsten gesehen hat. Aber meinen Vertrag nicht zu erfüllen, das wäre mir im Traum nicht eingefallen. Dafür habe ich am Ende des Jahres, drei, vier Sendungen gemacht, bei denen ich dachte: Ja, jetzt kannst du es.

Das zweite, als Sie das norwegische Kronprinzenpaar interviewten und die Scheinwerfer Mette-Marits Haut verbrannten.
Das war furchtbar, auch weil wir gar nicht wussten, was passiert war. Aber zwei kleine Scheinwerfer waren, obwohl sie weit weg standen, zusammen mit dem Sonnenlicht an diesem Maitag in Oslo, zu viel für diese empfindliche Haut. Ein Desaster, auch wenn wir schuldlos waren.

Das dritte: Als man Ihnen eine Affäre mit Gerhard Schröder nachsagte.
Das ist übel, dass Sie das überhaupt erwähnen. Dieses Thema gehört zu den Dingen, bei denen ich überhaupt nicht scherze. Die Süddeutsche Zeitung war die erste deutsche Zeitung, die meinen Namen in diesem Zusammenhang gedruckt hat. Andere haben dieses Gerücht aus einer englischen Zeitung einfach übernommen, obwohl es dafür nicht den Hauch eines Nachweises gab. Aber wenigstens nannten die keinen Namen, so wie es sich gehört. Das ist für eine politische Journalistin gefährlich, für mich persönlich beleidigend und gehört nicht in meine Biografie.

Wer von den Jungen könnte Sie ablösen?
Ablösen? Keiner natürlich. Ich kann es Ihnen aber auch deshalb nicht sagen, weil ich zu wenig Talkshows sehe, in denen junge Leute Fragen stellen. Katrin Bauerfeind finde ich in vielen Teilen ihrer Arbeit erfrischend. Es gibt sicher viele Talente, aber zu wenig Talentschmieden.

Sind die großen Zeiten des Fernsehens vorbei?
Noch nicht, sie gehen jedoch ihrem Ende entgegen. Aber ich werde es nicht mehr erleben.

War die letzte Frage nun so schlecht, dass sie alles kaputt gemacht hat? Aufzuhören damit, wer mich ablösen könnte, ist nicht ideal. Die letzte Frage sollte noch mal den Interviewten in den Mittelpunkt stellen.

Wie geht es Ihnen?
Danke, gut.

Sandra Maischberger, 43, ist wie Günther Jauch, Amelie Fried und Giovanni die Lorenzo der Talentschmiede des Bayrischen Fernsehens Live aus dem Schlachthof entsprungen. Es folgte ein hartes Jahr bei Talk im Turm, weil sie als junger Hüpfer nicht neben dem großen alten Erich Böhme bestehen konnte. Anschließend drehte sie drei Jahre TV-Reportagen, ab 2000 hatte sie auf n-tv die tägliche, vielfach ausgezeichnete Interviewsendung Maischberger. Seit 2003 moderiert sie mit wachsendem Erfolg die Sendung Menschen bei Maischberger.

Foto: Peter Rigaud

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